Du selbst, wer sonst?

Tod und Abschied nehmen: eine Begegnung auf Seelenebene!

Vor ein paar Tagen ist der Cousin meines Vaters gestorben. Er war 97 Jahre alt. Seine Frau ist schon vor 10 Jahren gegangen. Er hatte sein Leben gelebt. Er wartete auf seinen Tod, der dann ein paar Tage nach Weihnachten eintrat.
In diesem Artikel beschreibe ich wie ich Abschied genommen habe von diesem Mann, welche Entdeckungen ich nach seinem Tod machte und wie wir uns doch noch von Seele zu Seele begegnet sind.

Ein eigenwilliges Leben

Ich hatte kaum eine Beziehung zu diesem Mann, da er sich nie für mich interessiert hatte - weder als Kind noch als Erwachsene. Die letzten Jahre hätte er dann gerne auf mich zurück gegriffen, aber dazu war ich nicht mehr bereit. Ich fühlte mich von diesem Menschen nicht gesehen. Er kreiste nur um sich selbst. Der Kontakt zwischen uns war spärlich und beschränkte sich weitgehend auf eine Karte zu Weihnachten. Zum neuen Jahr schickte ich ihm jedes Jahr den von mir liebevoll gestalteten Fotokalender.

Von meinem Vater hörte ich immer wieder, dass ich wegen irgendwelcher Dinge wie z.B. eine nicht geschriebene Geburtstagskarte in Missgunst gefallen war und dass der Verstorbene immer wieder über mich herzog. Solches zu hören machte mich manchmal wütend, manchmal berührte es mich kaum. Manchmal fühlte ich mich hilflos ausgeliefert, weil es so unabhängig von meinen eigenen Handlungen schien, was da geglaubt oder erzählt wurde. Insgesamt führte es dazu, dass ich mich immer mehr zurückzog und nur noch von außen beobachtete. Und so nahm ich auch seinen Tod emotionslos entgegen.

Das letzte mal in seiner Wohnung

Bald ging es darum, seine Wohnung aufzulösen. Ich ging einerseits mit um zu helfen und andererseits, weil ich etwas neugierig war: Ich stellte mir die Frage: “Gibt es da noch einen anderen Blick auf diesen Menschen und auf sein Leben als den, den ich kenne?” 

Meine Eltern, mein Mann, mein Sohn und ich gingen in die Wohnung. Es fühlte sich sehr fremd an dort und mir war es unangenehm, persönliche Dinge eines Menschen anzusehen, der mir immer fremd war. Aber es gab keinen wirklich nahestehenden Menschen, der dies erledigen konnte, denn meine Eltern und ich sind die nächsten Verwandten. Mir drängte sich der Gedanke auf, dass es mir nicht gefiele, wenn andere in meinen Sachen stöberten nach meinem Tod. Mir wurde ganz anders und mein Magen drehte sich um. Trotzdem schaute ich vorsichtig weiter, denn es war notwendig hier einen Überblick zu bekommen.

Eigentlich ging es darum, in der Wohnung Wertsachen zu sichten und herauszufinden, wer was von den vorhanden Dingen haben wollte. Meine Mutter hatte schon beim Tode der Ehefrau des Verstorbenen vor 10 Jahren ein besonderes Kaffeeservice geerbt, das sie aber bisher nicht zu sich genommen hatte. Dieses wollte sie jetzt mitnehmen und ich beim verpacken helfen. 

Lebensgeschichten

Mein Blick fiel ziemlich schnell auf drei Fotoalben im Wohnzimmer, die hoch oben fast an der Decke im Regal lagen. Ich nahm sie herunter und fand darin Urlaubserinnerungen. Ich sah Fotos des Verstorbenen und seiner Frau zusammen mit meinen Großeltern. Es waren schöne Bilder, Bilder einer anderen Zeit. Alle Personen wirkten unbeschwert und glücklich. Das waren die schönsten Bilder, die ich je von meinen Großeltern väterlicherseits gesehen hatte. Ich war 6 bzw. 10 Jahre alt als sie starben. Die Fotos zeigte ich meinem Vater, der sie dann gerne mitnahm.

Wir schauten alte Pässe an und viele Fotos des Verstorbenen und seiner Frau. Die Bilder gewährten mir einen Einblick in das Leben des Verstorbenen, das ich so nicht kannte.

In einem anderen Schrank fand ich weitere Fotos in Kuverts sortiert mit Namen drauf. Auch hier gab es noch einmal Fotos meiner Großeltern.

Auf einem Kuvert stand mein Name - interessant. Ich fand darin Fotos von mir und unserer Hochzeit. In einem anderen waren Fotos unseres Sohnes. Weiter unten war da noch ein Stapel eines größeren Formates: das waren die vielen Fotokalender, die ich über die Jahre gemacht und dem Verstorbenen geschickt hatte. Er hatte sie alle aufgehoben und fein säuberlich in den Schrank gelegt.

Doris Bürgel nimmt Abschied von einem Verwandten

Ein Foto von mir aus dem Jahr 2009

Wir fanden auch den Schmuck seiner verstorbenen Frau. Es war kein wertvoller Schmuck, aber es war der Schmuck, den sie oft trug. In der Schmuckschatulle fand ich eine Brosche, die ich nicht sofort erkannte, die mir aber doch irgendwie bekannt vorkam. Solche Broschen hatte ich in meiner meiner Jugend selbst gemacht und allen Verwandten zu Weihnachten geschenkt. Ich war sehr gerührt, dass die Frau meines Großcousins diese Brosche aufgehoben hatte. Meine Mutter erinnerte sich nicht einmal mehr, dass ich je so etwas gemacht habe, aber natürlich hatte sie auch eine ähnliche.

Als Andenken bat ich um eine andere kleine silberne Brosche mit funkelnden Steinchen. Das Silber war stark angelaufen, aber die kleinen Steinchen glitzerten sehr schön. Diese Brosche wollte ich als Andenken an die Beiden gerne zu mir nehmen. 

Eine Brosche, die ich mir zum Abschied aussuchte.

Diese Brosche suchte ich mir als Erinnerungsstück aus.

Ein unerwarteter Fund in der Vase

Mein Blick schweifte über den Schreibtisch im Schlafzimmer. Da stand eine kleine Vase. Im Stehen sah ich, dass in der Vase etwas lag. Ich schaute genauer hin, nahm es heraus und erkannte, dass es eine Kette war an der zwei Ringe hingen. Ein Ring war größer als der andere, beide waren sie gleich gemacht. Das mussten die Eheringe der Beiden sein. Ich nahm die Ringe an der Kette vorsichtig heraus und wusste sofort, dass diese Ringe zu dem Verstorbenen ins Grab gehörten. Ich dachte es ist wichtig, dass der Verstorbene diese Ringe noch bekam, nicht nur seinen eigenen, sondern auch den seiner Frau. Das war der Augenblick an dem ich wirklich, wirklich froh war, in der Wohnung gewesen zu sein und auch die privaten Dinge in Augenschein genommen zu haben.

Ein neuer Blick auf den Cousin meines Vaters

Am Abend ließ ich den Tag noch einmal an mir vorüber ziehen und es breitete sich ein wirklich wohliges Gefühl in mir aus, ich spürte sogar ein wenig Glück in mir und freute mich, dass ich noch einmal einen ganz anderen Einblick in das Leben des Verstorbenen bekommen habe. Ich hatte mich wirklich von den Zeitdokumenten seines Lebens und von seiner Seele berühren lassen. Viele Dinge, die ich gesehen habe, haben mich wirklich angerührt: die Fotos meiner Großeltern, Fotos von mir, die Fotos unseres Sohnes kurz nach der Geburt, die behaltenen Fotokalender, die aufgehobene von mir gemachte Brosche und die beiden Eheringe, die die Liebe der Eheleute noch einmal für mich fühlbar gemacht haben. Das hat mich mehr berührt als alles, was ich zu Lebzeiten mit den Beiden erlebt oder von ihnen gehört habe.

Ich bin sehr froh, dass ich mich auf diese vielleicht erste wahre Begegnung mit dem Verstorbenen eingelassen habe, obwohl die Beziehung zu ihm und seiner Frau während ihres Lebens schwierig, belastet und oberflächlich war. Während seines Lebens war es mir nicht möglich, eine wirkliche Verbindung zu diesem Mann herzustellen, warum auch immer. Nach seinem Tod war es ganz einfach eine Verbindung zu seiner Seele zu knüpfen.

Ich werde ihn nun ganz anders in Erinnerung behalten als es vor dieser tiefen Begegnung von Seele zu Seele je möglich gewesen wäre. Danke für diese besondere  Erfahrung des Abschiednehmens und diese Berührung über den Tod hinaus.


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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Wow, ich bin begeistert, dass Du das gemacht hast, obwohl Du keine Beziehung zu diesem Mann hattest. Es ist toll, dass Du die Eheringe gefunden hast und sie ihm mitgeben konntest. Das war wohl Schicksal, dass Du diese gefunden hast.
Toller Artikel, spannend geschrieben, liebe Doris!

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