April 24

Das Selbst nach C. G. Jung und warum es mehr ist als ein wahres Ich

Du selbst, wer sonst?, NeuroGraphik®

2  KOMMENTARE

Das Ich ist der Teil von dir, den du kennst.
Das Selbst ist das, was dich kennt.

Es gibt Momente, in denen Menschen spüren, dass das Leben, das sie führen, und das Leben, das sie eigentlich leben wollen, zwei verschiedene Dinge sind. Nicht weil sie sich schlecht entschieden hätten. Nicht weil irgendjemand böse gemeint hätte. Sondern weil die jahrelange Schicht aus Erwartungen, Rollen, Anpassungsleistungen und gelerntem Funktionieren so dicht geworden ist, dass das eigene Innere kaum noch zu hören ist.

Carl Gustav Jung hat dieses Phänomen nicht nur beschrieben, er hat eine Psychologie darum herum gebaut. Und das Herzstück dieser Psychologie ist ein Begriff, der es in sich hat: das Selbst.

Was Jung darunter verstand, ist präziser und gleichzeitig größer, als es auf den ersten Blick scheint. Und es ist nicht dasselbe, was viele meinen, wenn sie sagen: „Ich will endlich wieder ich selbst sein."

Die Persona – die Maske, die wir tragen

Jung hat den Begriff der Persona aus dem Lateinischen entlehnt: die Maske der Schauspieler im antiken Theater. Eine Maske, die eine Rolle verkörpert, die eine Stimme nach außen bringt. Und ähnlich wie die Theatermaske hat auch unsere psychische Persona eine klare Funktion, sie ermöglicht uns, in der Welt zu bestehen, Rollen zu übernehmen, soziale Erwartungen zu erfüllen.

Die Persona ist nicht falsch. Sie ist sogar notwendig. Wer im Beruf, in der Familie, im sozialen Leben wirksam sein will, braucht die Fähigkeit, Rollen zu spielen. Das Problem entsteht erst dann, wenn das Ich sich vollständig mit der Persona identifiziert, wenn „Ich bin die Starke" oder „Ich bin die, die gibt" nicht mehr eine Rolle ist, sondern die einzige Wahrheit, die man über sich kennt. Dann hat die Maske das Gesicht darunter vergessen gemacht.

Das Ich – das Zentrum des Bewusstseins

Das Ich ist bei Jung das Zentrum des Bewusstseins. Es ist das, womit wir uns identifizieren, was wir kennen, wenn wir „ich" sagen. Erinnerungen, Gewohnheiten, Überzeugungen, das bewusste Selbstbild, all das ist Ich-Inhalt.

Das Ich ist nicht klein oder bedeutungslos. Es ist die Instanz, die handelt, entscheidet, wahrnimmt, reflektiert. Aber es ist eben nur das Zentrum des bewussten Lebens und das bewusste Leben ist nur ein Ausschnitt des Ganzen.

Jung hat das Verhältnis einmal so beschrieben: Das Ich verhält sich zum Selbst wie ein Teil zum Ganzen, wie ein kleiner Kreis, der in einem großen Kreis liegt. Das Ich hält sich für den Mittelpunkt der Persönlichkeit. Das Selbst ist der Mittelpunkt, nur dass dieser Mittelpunkt weit mehr umfasst, als das Ich je kennen kann.

Der Schatten – was wir lieber nicht sehen

Bevor es um das Selbst gehen kann, lohnt sich ein Blick auf den Schatten. Denn ohne ihn ist Individuation nicht zu verstehen.

Der Schatten enthält alles, was wir abgespalten, verdrängt, als "nicht-zu-mir" erklärt haben: Schwäche, Wut, Neid, Bedürftigkeit, aber auch und das vergessen viele, Stärke, Leuchtkraft, Wildheit, die einmal zu groß oder zu unbequem schien. Der Schatten ist nicht böse. Er ist das, was das Ich nicht integriert hat.

Solange er unbewusst bleibt, projizieren wir ihn: auf andere Menschen, auf Situationen, auf das, was uns unangemessen stark aufwühlt oder abstößt. Individuation beginnt oft genau dort, wo diese Projektion zum ersten Mal auffällt.

Das Selbst – Totalität, nicht Ursprung

Und nun zum Kern.

Das Selbst bei Jung ist nicht einfach das, was unter den Schichten von Sozialisation, Erziehung und Anpassung auf uns wartet. Dieses Bild, man gräbt tief genug und findet das echte, ursprüngliche Selbst – klingt vertraut, ist aber eine Vereinfachung. Darin wird das Selbst als etwas gedacht, das immer schon fertig da war und nur befreit werden muss. Das ist eher humanistisch gedacht als jungianisch. Jung meint etwas Größeres.

Das Selbst ist bei ihm die Totalität der Psyche, das Bewusste und das Unbewusste, das Bekannte und das Unbekannte, das Gelebte und das noch nicht Realisierte. Es ist gleichzeitig Zentrum und Umfang der gesamten Persönlichkeit. Es enthält das Ich, aber es lässt sich nicht auf das Ich reduzieren.

Was das Selbst von einem schlichten „wahren Kern" unterscheidet: Es ist nicht nur retrospektiv, sondern auch teleologisch. Es enthält nicht nur, was ich war, bevor die Welt mich geformt hat, es enthält auch, was ich werden kann. Es hat eine Richtung. Es zieht. Es ist nicht nur Herkunft, sondern auch Möglichkeit.

Jung hat das Selbst oft durch Symbole beschrieben, weil es sich dem direkten Denken entzieht: das Mandala, die Figur des weisen alten Menschen, das göttliche Kind, der Stein der Alchemisten. All diese Bilder verweisen auf dasselbe, auf eine Ganzheit, die das Ich übersteigt und gleichzeitig zu ihm gehört. Das Mandala nimmt darunter eine besondere Stellung ein, weil sich diese Kreisform unabhängig voneinander in ganz unterschiedlichen Kulturen findet, von tibetischen Klöstern bis zu gotischen Kathedralen. Mit dem NeuroMandala bin ich diesem Symbol zeichnerisch nachgegangen, mit konzentrischen Kreisen, die sich mit neurographischen Linien verbinden.

Individuation – kein Abgraben, sondern Integration

Der Individuationsprozess ist der Weg hin zu dieser Ganzheit. Und er verläuft nicht so, dass man Schicht für Schicht abträgt, bis man auf etwas Ursprüngliches stößt. Das wäre Archäologie.

Individuation ist eher Alchemie.

Es geht darum, dem Schatten zu begegnen statt ihn weiter zu verdrängen. Den archetypischen Kräften zu begegnen, die das Bewusstsein ergänzen und herausfordern, bei Jung vor allem der Anima und dem Animus, den inneren Figuren des anderen Geschlechts, die im Unbewussten wirken. Die Persona als Rolle zu erkennen, ohne sie als Identität zu verwechseln. Und in diesem Prozess entsteht etwas Neues: ein Zentrum der Persönlichkeit, das nicht mehr nur das Ich ist, sondern in dem Ich und Selbst in einem bewussten, lebendigen Verhältnis stehen.

Das Selbst, das am Ende dieses Prozesses sichtbarer wird, ist nicht identisch mit dem, was vor den Verletzungen war. Es ist eine neue Ganzheit, eine, die auch das integriert hat, was schwer war.

Was das für meine Arbeit bedeutet

Ich begleite Frauen, die an Wendepunkten ihres Lebens stehen. Frauen, die lange funktioniert haben, die Rollen gut gespielt haben, die irgendwann spüren: Das bin ich nicht, das ist nicht alles, da ist mehr.

Dieses Mehr, das ist das Selbst im jungianischen Sinn. Nicht als fertige Wahrheit, die nur noch gefunden werden muss, sondern als Möglichkeit, die sich im Prozess entfaltet.

NeuroGraphik ist für mich einer der Zugänge, die genau das berühren können. Beim Zeichnen begegnen wir nicht nur dem, was wir bereits über uns wissen. Wir arbeiten mit Linien, Formen und Bildern und damit auf eine Weise, die unsere gewohnten Denkwege immer wieder verlässt. Gerade darin liegt für mich eine Verbindung zu dem, was Jung mit dem Selbst beschreibt.

Die neurographische Linie – jenseits der bekannten Wege

Besonders deutlich wird das für mich in der neurographischen Linie. Eine ihrer Regeln lautet: Die neurographische Linie endet dort, wo wir sie nicht erwarten zu sehen. Das klingt zunächst wie eine einfache zeichnerische Anweisung. Für mich steckt darin jedoch viel mehr.

Denn wer erwartet eigentlich, wohin die Linie gehen wird? Zunächst einmal mein Ich. Und dieses Ich ist geprägt von dem, was es kennt: von Erfahrungen, Gewohnheiten, Bewertungen und den immer wieder benutzten Wegen meines Denkens und Handelns. Wenn ich eine Linie einfach so weiterführe, wie es mir vertraut erscheint, besteht eine gute Chance, dass ich genau diese bekannten Wege wiederhole.

Die neurographische Linie fordert mich auf, diesen vertrauten Verlauf zu verlassen. Ich kann sie deshalb aber nicht einfach „aus dem Selbst heraus“ zeichnen. Das Selbst im jungianischen Sinn steht meinem Ich schließlich nicht vollständig zur Verfügung. Ich kann nicht beschließen: Jetzt zeichne ich aus meinem Selbst. In dem Moment, in dem ich bereits weiß, wohin die Linie gehen soll, bin ich wieder bei dem, was meinem Bewusstsein bekannt ist.

Genau darin liegt für mich das Spannende: Ich führe die Linie und versuche gleichzeitig, meine eigene Erwartung zu unterbrechen. Ich lasse sie einen Weg nehmen, den ich vorher nicht geplant habe. Damit durchbreche ich für einen Moment die Wiederholung des Bekannten und öffne einen Raum für etwas, das mein Ich noch nicht kennt.

Ich würde nicht behaupten, dass jede unerwartete Linie deshalb unmittelbar Ausdruck des Selbst ist. Aber sie kann eine Begegnung mit etwas ermöglichen, das jenseits meiner gewohnten Ich-Strukturen liegt. Vielleicht ist es genau das, was mich an der neurographischen Linie so berührt: Ich zeichne nicht das Selbst. Ich kenne es schließlich nicht vollständig. Aber indem ich aufhöre, ausschließlich den bekannten Wegen meines Ichs zu folgen, kann etwas sichtbar werden, das vorher keinen Platz hatte.

Und manchmal entsteht dabei dieses eigenartige Gefühl: Das hätte ich so nicht geplant. Aber genau so stimmt es.

Die Feldlinie – wenn das Ich etwas Größerem begegnet

Noch einen Schritt weiter geht für mich die Feldlinie. Pavel Piskarev beschreibt die Feldlinien als Linien, die aus einer universellen Energie, aus der Quelle, aus dem „Alles, was ist“ kommen. Durch die Berührung mit diesen Feldlinien, so seine Vorstellung, kann der Mensch das Selbst erfahren.

Das ist zunächst die Sprache der NeuroGraphik und nicht die Sprache C. G. Jungs. Und doch gibt es eine interessante Verbindung zwischen beiden Vorstellungen.

Denn auch bei Jung ist das Selbst weit mehr als meine persönliche Identität oder ein verborgener wahrer Kern. Es umfasst das Ich und geht gleichzeitig über dieses hinaus. Das Ich kann das Selbst deshalb niemals vollständig erfassen oder willentlich hervorbringen. Das Selbst begegnet ihm vielmehr häufig in Bildern und Symbolen und kann als etwas erfahren werden, das größer ist als das bewusste Ich.

Vielleicht liegt genau darin eine mögliche jungianische Lesart der Feldlinie. Wenn ich eine Feldlinie zeichne, behaupte ich nicht: Ich weiß, woher sie kommt. Mein Ich verfügt nicht über die Quelle und ebenso wenig verfügt es über das Selbst. Ich öffne mich vielmehr der Möglichkeit, dass etwas in meine Zeichnung hineinwirkt, das nicht meiner bewussten Planung entspringt.

Jung kannte für solche Erfahrungen den Begriff des Numinosen: die Erfahrung von etwas, das sich dem Zugriff des Ichs entzieht und dennoch eine starke innere Wirklichkeit besitzt. Auch das kollektive Unbewusste gehört in diesen Zusammenhang. Es reicht über meine persönliche Lebensgeschichte hinaus. Mit den Archetypen beschreibt Jung grundlegende psychische Strukturen, die allen Menschen gemeinsam sind.

Piskarevs Vorstellung der Feldlinie und Jungs Psychologie des Selbst stammen aus unterschiedlichen Denkgebäuden. Ich möchte sie deshalb nicht gleichsetzen. Aber für mich berühren sie sich an einem entscheidenden Punkt: Beide weisen über das hinaus, was meinem bewussten Ich bereits bekannt ist und was es willentlich steuern kann.

Die neurographische Linie hilft mir, die bekannten Wege meines Ichs zu verlassen. Die Feldlinie öffnet noch einmal eine andere Dimension: die mögliche Erfahrung von etwas, das über mein persönliches Ich hinausgeht. In diesem Sinne kann ich Piskarevs Aussage, dass wir durch die Berührung mit der Feldlinie das Selbst erfahren, auch aus jungianischer Perspektive verstehen.

Das Selbst wird nicht gefunden – es entfaltet sich

Und manchmal, wenn die Linien sich auf dem Blatt verändern, wenn Kreise sich berühren, wenn Farbe etwas ordnet, das vorher chaotisch war, geschieht etwas, das sich nicht nur denken lässt. Es wird spürbar. Im Körper. Im Atem. In dem leisen Gefühl, dass etwas stimmt, das vorher nicht gestimmt hat.

Für mich können das kleine Schritte in einem Individuationsprozess sein. Kein großer dramatischer Durchbruch, sondern die geduldige, neugierige Begegnung mit dem, was da ist und mit dem, was sich erst noch zeigen möchte.

„Du selbst, wer sonst?“ ist für mich deshalb kein Slogan. Es ist eine ernsthafte Zumutung, im besten Sinn des Wortes. Denn das Selbst, zu dem dieser Satz einlädt, ist nicht einfach zu haben. Es wird nicht gefunden wie ein verschütteter Kern, der die ganze Zeit unverändert in uns gelegen hat. Es entfaltet sich in der Begegnung mit dem, was wir kennen, mit dem, was wir noch nicht kennen, und vielleicht auch mit etwas, das größer ist als unser bewusstes Ich.

Im Zeichnen. Im Spüren. In der ehrlichen Begegnung mit dem, was sich zeigt.

Du selbst, wer sonst?


Literatur

Jung, C. G. (1966). Two essays on analytical psychology (R. F. C. Hull, Trans.). Princeton University Press. (Gesammelte Werke, Bd. 7; Originalwerk erschienen 1916/1917)

Jung, C. G. (1971). Psychological types (H. G. Baynes & R. F. C. Hull, Trans.). Princeton University Press. (Gesammelte Werke, Bd. 6; Originalwerk erschienen 1921)

Jung, C. G. (1959). Aion: Researches into the phenomenology of the self (R. F. C. Hull, Trans.). Princeton University Press. (Gesammelte Werke, Bd. 9/II; Originalwerk erschienen 1951)

Jacobi, J. (1973). The psychology of C. G. Jung: An introduction with illustrations (R. Manheim, Trans.). Yale University Press. (Originalwerk erschienen 1940)

von Franz, M.-L. (1980). Projection and re-collection in Jungian psychology: Reflections of the soul (W. H. Kennedy, Trans.). Open Court.


Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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