Januar 27

NeuroGraphik und die neurobiologische Grundlage kreativer Transformation

Nervensystem, Neurographik

4  KOMMENTARE

Wie Linien neuronale Netzwerke öffnen und verändern

In vielen Darstellungen wird NeuroGraphik® als kreative Zeichenmethode beschrieben – als eine meditative Form des Zeichnens, die Entspannung bringt oder den Alltag visuell verarbeitet. Das ist eine Ebene dieser Arbeit. Doch NeuroGraphik geht tiefer. Unter dem Zeichnen liegt die neurobiologische Grundlage, die erklärt, warum diese Methode nicht nur ordnet oder beruhigt, sondern Veränderung ermöglichen kann.

NeuroGraphik ist damit kein reines Kreativformat, sondern ein präziser innerer Prozess, der das Gehirn gezielt aktiviert und jene Mechanismen anspricht, die tiefgreifende Transformation erst möglich machen.

Was passiert, wenn wir zeichnen – wirklich zeichnen, mit innerer Beteiligung, mit dem Wunsch, uns selbst zu begegnen? Genau an diesem Punkt zeigen sich die neurobiologischen Grundlagen der NeuroGraphik: Aktivierung emotionaler Netzwerke, multisensorische Verarbeitung und die Möglichkeit neuronaler Neukodierung. Dann öffnen sich in uns Netzwerke. Erinnerungen werden aktiviert. Gefühle tauchen auf. Körperempfindungen melden sich. Bedeutungen beginnen sich zu verändern.

Und genau darin liegt der Schlüssel: NeuroGraphik arbeitet mit denselben neurobiologischen Prinzipien wie alle tief wirksamen Heilmethoden – nur eben über den Stift, das Papier und unser inneres Erleben. 

Aktivierung – ein zentraler Baustein der neurobiologischen Grundlage der NeuroGraphik

Wie bereits im ersten Artikel („Die neurobiologische Grundlage von Heilung“) beschrieben, ist Veränderung im Gehirn nur möglich, wenn ein gespeichertes Muster – sei es eine Erinnerung, eine Emotion oder ein neuronales Netzwerk – zunächst reaktiviert wird. Ohne diese Reaktivierung bleibt das Netzwerk stabil, geschlossen – so, wie es damals eingespeichert wurde. Man kann es „verstehen“, „analysieren“ oder „loslassen wollen“, doch das Gedächtnis bleibt unverändert.

NeuroGraphik setzt genau hier an.

Bevor überhaupt Linien gezeichnet werden, bringen wir ein Thema ins Bewusstsein. Ein Thema, das nicht nur gedanklich erinnert wird, sondern das emotional spürbar ist. Genau das nennen wir in der NeuroGraphik „die Aktualisierung des Themas“ – ein bewusster Schritt, in dem sich die emotionale Spur im limbischen System öffnet. In dem das, was im Inneren wirkt, zugänglich wird. Neurowissenschaftlich betrachtet beginnt in diesem Moment der sogenannte Labilitätsprozess – eine Phase, in der das neuronale Netzwerk instabil wird und damit veränderbar (Nader et al., 2000; Alberini, 2011; Lee, 2009).

Doch allein das reicht noch nicht.

Selbstbeobachtung auf vier Ebenen – der Schlüssel zur Reconsolidation

Damit eine Erfahrung nicht nur aktiviert, sondern auch neu abgespeichert werden kann – also mit einer anderen Bedeutung, einem anderen Gefühl –, braucht es mehr als bloße Konfrontation. Es braucht eine bewusste innere Beteiligung, die mit dem Prozess in Resonanz geht. Genau dafür enthält die NeuroGraphik eine Form der Selbstwahrnehmung, die einzigartig ist und neurobiologisch hoch wirksam.

Während des Zeichnens beobachten wir uns auf vier Ebenen:

  1. Innere Bilder: Welche visuellen Eindrücke steigen in mir auf? Welche Erinnerungen, Szenen oder archetypischen Symbole zeigen sich spontan?
  2. Körperempfindungen: Was nehme ich in meinem Körper wahr? Gibt es Druck, Enge, Weite, Kribbeln? Wo sitzt die Empfindung?
  3. Emotionen: Welche Gefühle begleiten mich? Gibt es Traurigkeit, Angst, Freude, Wut, Dankbarkeit?
  4. Bedeutungsgebung: Was beginne ich über mein Thema zu verstehen? Welche Zusammenhänge werden klar? Welche Erkenntnisse tauchen auf?

Diese vier Beobachtungsebenen korrespondieren mit verschiedenen neurobiologischen Netzwerken im Gehirn:

  • Visuelle Assoziationen (visueller Kortex, limbisches System)
  • Interozeption (Insula, somatosensorischer Kortex)
  • Affektive Verarbeitung (Amygdala, ventromedialer präfrontaler Kortex)
  • Narrative Integration und Sinnfindung (Default Mode Network, dorsomedialer präfrontaler Kortex)

Studien zeigen, dass besonders dann, wenn mehrere dieser Systeme gleichzeitig aktiviert und integriert werden, eine besonders tiefe Form der emotionalen Verarbeitung möglich wird (Phelps & Hofmann, 2019). Genau das tut die NeuroGraphik – allerdings nicht über Gespräche oder Körperübungen, sondern über ein feinsinniges Zeichnen, das den ganzen Menschen einlädt: Hand, Hirn, Herz und Bewusstsein.

Wenn wir also zeichnend wahrnehmen, wie sich unser Körper verändert, wenn wir einem Gefühl Raum geben, wenn wir eine neue Sichtweise „sehen“, dann passiert Heilung nicht durch Analyse, sondern durch synchrone, verkörperte Selbstwahrnehmung. Genau in diesem inneren Zustand wird Veränderung überhaupt erst möglich.

NeuroGraphik® ist mehr als Zeichnen – innere Selbstbeobachtung als Herz des Prozesses

Auch wenn NeuroGraphik® auf den ersten Blick wie eine kreative Zeichentechnik wirkt, geschieht unter der Oberfläche etwas deutlich Tieferes. NeuroGraphik® ist kein dekorativer oder rein meditativer Akt, sondern ein innerer Prozess, der gezielt jene neurobiologischen Mechanismen nutzt, die Veränderung überhaupt erst möglich machen. Zeichnen ist dabei die sichtbare Oberfläche – das eigentliche Herz liegt in der bewussten inneren Beteiligung während des Prozesses.

Während die Hand Linien führt, bleibt die Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Wahrnehmung richtet sich auf das, was im Inneren auftaucht: Bilder, Körperempfindungen, Gefühle und Bedeutungen, die sich im Verlauf des Zeichnens verändern. Diese gleichzeitige Selbstbeobachtung ist kein Nebenprodukt, sondern ein zentrales Wirkprinzip der NeuroGraphik®. Sie verbindet sensorische, emotionale und kognitive Prozesse zu einem gemeinsamen, verkörperten Erleben.

Genau diese Kopplung verschiedener neuronaler Netzwerke schafft die Voraussetzung dafür, dass eine aktivierte Erfahrung nicht nur erinnert, sondern neu eingeordnet werden kann. NeuroGraphik® öffnet damit nicht nur ein Thema, sondern das neuronale Netzwerk dahinter und hält es in einem Zustand von Präsenz und innerer Sicherheit. Veränderung entsteht nicht durch Analyse oder bewusste Kontrolle, sondern durch ein bewusstes, innerlich geführtes Erleben im richtigen Moment.

NeuroGraphik® als neurobiologisch wirksamer Prozess

Die NeuroGraphik® entfaltet ihre Wirkung nicht in einzelnen Schritten, sondern im Zusammenspiel mehrerer innerer Prozesse. Dennoch lässt sich der neurographische Ablauf so beschreiben, dass sichtbar wird, wie sich gestalterische Elemente und neurobiologische Mechanismen gegenseitig entsprechen. Die Schritte einer neurographischen Zeichnung sind – bei entsprechender Begleitung – eine Einladung an das Gehirn, einen vollständigen Zyklus von emotionaler Aktivierung, Destabilisierung und Neukodierung zu durchlaufen.

Lass uns diese Brücke einmal konkret schlagen:

NeuroGraphik®-Phase
Neurobiologischer Mechanismus
Thema aktivieren (z. B. durch Absichtsformulierung, Brainstorming)
Reaktivierung eines gespeicherten Musters im limbischen System (Amygdala, Hippocampus)
Linienführung, Abrundung, Atem
Ko-Regulation über multisensorische Selbstwahrnehmung; Aktivierung des ventralen Vagus (Porges, 2011)
Beobachtung innerer Bilder, Körperwahrnehmung, Gefühle
Integration über multisensorisches Erleben – Förderung interozeptiver Vernetzung (Craig, 2009)
Bedeutung verändert sich, AHA-Momente entstehen
Reconsolidation – neue emotionale Verknüpfung innerhalb desselben neuronalen Netzwerks (Nader et al., 2000; Alberini, 2011)

Besonders deutlich wird in dieser Abfolge der Aspekt der Selbstwirksamkeit. In der NeuroGraphik® bist du nicht passiv einer inneren Dynamik ausgeliefert, sondern aktiv beteiligt. Du greifst mit deiner Hand in das Geschehen ein, veränderst Linien, Formen und Übergänge. Du gestaltest das neuronale Feld deines Themas in Echtzeit – sichtbar auf dem Papier und gleichzeitig spürbar im inneren Erleben.

Diese aktive Beteiligung ist kein psychologisches Beiwerk, sondern ein zentraler Wirkfaktor. Sie stärkt nicht nur das subjektive Erleben von Einfluss und Orientierung, sondern fördert auch die funktionale Vernetzung zwischen präfrontalem Kortex und limbischem System. Genau diese Verbindung gilt als Voraussetzung für stabile emotionale Integration und nachhaltige Veränderung (Siegel, 2010).

Das Zeitfenster nutzen – Reconsolidation im neurographischen Prozess

Emotionale Erinnerungen sind kein statisches Archiv, sondern dynamische Netzwerke, die sich verändern können, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Neurobiologisch wird dieser Moment als Window of Reconsolidation bezeichnet – ein begrenztes Zeitfenster, in dem ein reaktiviertes neuronales Muster vorübergehend labil wird und neu abgespeichert werden kann.

Dieses Fenster öffnet sich, wenn eine Erinnerung oder ein inneres Thema nicht nur gedacht, sondern emotional und körperlich spürbar aktiviert wird. Es schließt sich wieder, sobald das Netzwerk erneut stabilisiert ist. Veränderung wird in diesem Zeitfenster nicht durch Einsicht oder Willensanstrengung möglich, sondern durch eine neue, widersprüchliche Erfahrung, die das bestehende Bedeutungsnetzwerk infrage stellt.

In der NeuroGraphik® entsteht dieses Zeitfenster auf eine besonders sanfte Weise. Durch die thematische Aktivierung, die multisensorische Einbindung von Sehen, Bewegen und Fühlen sowie durch die bewusste Selbstwahrnehmung während des Zeichnens bleibt das neuronale Netzwerk offen und zugleich reguliert. Wenn sich im Verlauf des Prozesses neue Bedeutungen zeigen oder sich das emotionale Erleben unerwartet verändert, kann genau dort eine Neukodierung stattfinden. Alte Bedeutungen werden nicht gelöscht, sondern in einen erweiterten inneren Zusammenhang eingebettet.

Die neurographische Linie – verkörperte Neuroplastizität im Stift

Ein zentraler Wirkfaktor der NeuroGraphik® liegt in der neurographischen Linie selbst. Diese Linie ist keine beliebige Linie, sondern eine sich nicht wiederholende, fließende Bewegung, die bestehende visuelle Ordnungen verlässt und neue Verbindungen herstellt. Sie kreuzt, verzweigt sich und endet dort, wo wir es nicht erwarten. Genau darin liegt ihre besondere Qualität: Sie führt das Wahrnehmungssystem aus vertrauten Mustern heraus.

Neurobiologisch betrachtet folgt die neurographische Linie damit einem der grundlegendsten Prinzipien neuronaler Veränderung: der Hebb’schen Plastizität. Neuronen, die gleichzeitig aktiviert werden, verstärken ihre synaptische Verbindung. Während die Hand die Linie führt, werden mehrere Systeme synchron aktiviert: der motorische Kortex durch die Bewegung, der visuelle Kortex durch die fortlaufende Wahrnehmung der Linie, das limbische System durch emotionale Resonanz und das Default Mode Network durch die nach innen gerichtete, integrative Aufmerksamkeit. Diese gleichzeitige Aktivierung schafft jene multisensorische Kopplung, die nachhaltige neuroplastische Prozesse begünstigt.

Das Zeichnen wird so zu einem verkörperten Lernprozess. Das Gehirn verarbeitet nicht abstrakt oder rein kognitiv, sondern in Echtzeit über Bewegung, Wahrnehmung und emotionale Rückmeldung.

Was wir aus der Forschung wissen – und was noch offen ist

Für die NeuroGraphik® liegen derzeit – soweit ersichtlich – keine in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichten Studien vor, die Veränderungen der Gehirnaktivität beim Zeichnen neurographischer Linien systematisch untersucht haben. NeuroGraphik® ist eine vergleichsweise junge Methode, deren empirische Erforschung noch am Anfang steht.

Aus der Forschung zu Achtsamkeit, Meditation, kreativem Zeichnen und kunsttherapeutischen Verfahren wissen wir jedoch, dass sich während solcher fokussierten, gestalterischen Prozesse Gehirnaktivität und autonome Regulation messbar verändern können. Diese Veränderungen gehen häufig mit Zuständen vertiefter Aufmerksamkeit, innerer Beruhigung und veränderter Emotionsverarbeitung einher.

Vor diesem Hintergrund ist es plausibel anzunehmen, dass auch das neurographische Zeichnen ähnliche Zustände anregen kann – insbesondere durch die Kombination aus bewusster Linienführung, multisensorischer Wahrnehmung und innerer Selbstbeobachtung. Dies ist zum jetzigen Zeitpunkt eine gut begründete Hypothese, jedoch noch kein spezifisch für die NeuroGraphik® empirisch nachgewiesener Effekt.

Institutsinterne Untersuchungen aus Russland, die von einer Veränderung der Gehirnwellen beim Zeichnen von neurographischen Linien sprechen, liegen leider nicht in international veröffentlichten Zeitschriften vor. 

Abrunden als neurobiologischer Regulationsprozess

Das bewusste Abrunden von Schnittstellen – dort, wo Linien aufeinandertreffen – ist kein ästhetisches Detail, sondern ein neurobiologisch relevanter Akt. Abrundung wirkt regulierend auf das Erleben von Spannung. Während das Gehirn bei kantigen Übergängen unbewusst erhöhte Erregung und Alarmbereitschaft erwarten kann, erzeugt die fließende Form eine gegensätzliche Erfahrung.

Im neurographischen Prozess stehen Ecken für innere Spannungs- oder Konfliktpunkte. Wenn wir diese Ecken abrunden, verwandeln wir Bruchstellen in fließende Verbindungen. Subjektiv erleben viele Menschen dabei, dass sich innere Spannung löst und ein harmonischeres Gesamtbild entsteht. In der Sprache der Neurowissenschaft lässt sich dieser Vorgang mit der Idee inhibitorischer Mechanismen vergleichen: So wie hemmende Prozesse (unter anderem GABAerge Hemmung) übermäßige Erregung dämpfen und Integration ermöglichen, wirkt das Abrunden wie ein symbolischer Akt, der Gegensätze entschärft und in ein zusammenhängendes Ganzes einbettet – ohne dass damit eine direkt messbare GABA-Wirkung der Methode behauptet wird.

Prediction Error durch visuelle Harmonisierung

Ein entscheidender Wirkfaktor der NeuroGraphik liegt im visuellen Prediction Error. Das Gehirn erwartet an Konfliktstellen Spannung, Bruch oder Unruhe und erlebt stattdessen fließende Harmonie und Schönheit. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und tatsächlicher Wahrnehmung erzeugt einen Wahrnehmungsfehler im emotionalen Gedächtnis.

Die Amygdala registriert, dass die erwartete Gefahr ausbleibt. Parallel wird über den rhythmischen Zeichenprozess und die gleichmäßige Handbewegung der ventrale Vagus aktiviert. Regulation entsteht nicht durch Beruhigung von außen, sondern durch eine selbst erzeugte, verkörperte Erfahrung von Ordnung.

Die wiederholte Sequenz aus Linie, Verbindung und Abrundung nutzt synaptische Plastizität auf mehreren Ebenen. Neue funktionale Verbindungen entstehen zwischen präfrontalem Kortex, Hippocampus und Amygdala. Das Gehirn lernt dabei nicht, dass Konflikte „verschwinden“, sondern dass sie transformierbar sind.

Genau hier zeigt sich die Nähe zur Traumaverarbeitung: Auch dort wird Veränderung nicht durch Einsicht erreicht, sondern durch neue, widersprüchliche Erfahrungen im richtigen inneren Zustand. In der NeuroGraphik geschieht dies visuell, kinästhetisch und emotional zugleich.

Ein Blick aus der Psychotherapieforschung

Vor diesem Hintergrund lässt sich NeuroGraphik® auch in einen größeren psychotherapeutischen Kontext einordnen. Viele der Prozesse, die im neurographischen Arbeiten wirksam werden – Aufmerksamkeitslenkung, Affektregulation, Neubewertung innerer Bedeutungen und das Erleben von Selbstwirksamkeit – gelten in der allgemeinen Psychotherapieforschung als zentrale Wirkfaktoren nachhaltiger Veränderung. Neurobiologisch sind diese Prozesse gut beschrieben, auch wenn sie je nach Methode unterschiedlich umgesetzt werden (Rief et al., 2012).

Studien zu kreativen, kunsttherapeutischen und achtsamkeitsbasierten Verfahren deuten darauf hin, dass körperlich verankerte, gestalterische Tätigkeiten Stress- und Emotionsnetzwerke modulieren und die Integration kognitiv-emotionaler Prozesse fördern können (Bosch-Bayard et al., 2019). Ihre Wirksamkeit lässt sich daher derzeit nicht empirisch belegen, sondern aus bekannten psychotherapeutischen und neurowissenschaftlichen Prinzipien plausibel ableiten.

Fazit: NeuroGraphik® als gelebte neurobiologische Veränderung

NeuroGraphik® ist keine Methode, die etwas „überdeckt“ oder symbolisch verarbeitet. Ihre Wirksamkeit beruht auf klar nachvollziehbaren neurobiologischen Grundlagen der NeuroGraphik, die Aktivierung, Regulation und neuronale Neubewertung miteinander verbinden. Sie ist ein direkter Zugang zu inneren neuronalen Netzwerken und zu ihrer Veränderbarkeit. Nicht, weil Linien oder Formen per se etwas bewirken, sondern weil der neurographische Prozess genau jene Bedingungen herstellt, unter denen unser Gehirn bereit ist, sich neu zu organisieren.

Indem du zeichnest, bringst du innere Muster ins Erleben. Du aktivierst emotionale Spuren, nimmst wahr, was sich im Körper zeigt, beobachtest Gefühle, lässt Bedeutungen entstehen und sich wandeln. All das geschieht nicht nebeneinander, sondern gleichzeitig – verkörpert, präsent, im eigenen Tempo. Genau darin liegt die Wirksamkeit: Veränderung entsteht nicht durch Analyse, sondern durch ein bewusstes, innerlich geführtes Erleben im richtigen Moment.

NeuroGraphik® nutzt damit neurobiologische Prinzipien, wie sie auch aus der Forschung zur Reconsolidation bekannt sind. Sie öffnet ein inneres Zeitfenster, in dem alte Bedeutungen nicht gelöscht, sondern neu eingeordnet werden können. Und sie tut das auf eine Weise, die Sicherheit, Selbstwirksamkeit und innere Orientierung stärkt – nicht durch Druck, sondern durch Gestaltung.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied:
In der NeuroGraphik® bist du nicht Objekt eines Prozesses, sondern Subjekt, also aktiv Beteiligte. Deine Hand bewegt sich, deine Wahrnehmung bleibt wach, dein inneres System gibt den Takt vor. Veränderung geschieht nicht an dir, sondern durch dich – still, oft unspektakulär, aber tief.

So wird NeuroGraphik® zu gelebter Neuroplastizität. Zu einem Weg, auf dem du dich selbst beobachtest, regulierst und neu erfährst. Und zu einer Einladung an dein Gehirn, das, was einmal sinnvoll war, heute neu zu ordnen. In diesem Sinne macht NeuroGraphik erfahrbar, was neurobiologische Grundlagen oft nur theoretisch beschreiben: dass Veränderung möglich ist, wenn Körper, Emotion und Bedeutung gleichzeitig angesprochen werden.

Wenn du NeuroGraphik® nicht nur theoretisch verstehen, sondern auch praktisch vertiefen möchtest, findest du auf meiner Webseite einen eigenen Bereich zur NeuroGraphik®. Dort beschreibe ich die Methode, ihre Anwendungsmöglichkeiten und die verschiedenen Wege, wie du mit NeuroGraphik® arbeiten und lernen kannst – vom Einstieg bis zur vertieften Begleitung.

Ausblick: Wenn der Körper erinnert

Die NeuroGraphik® macht erfahrbar, wie Veränderung möglich wird, wenn Wahrnehmung, Bewegung, Emotion und Bedeutung gleichzeitig angesprochen werden. Zeichnen ist dabei ein kraftvoller Zugang – aber nicht der einzige. Auch der Körper selbst trägt Erinnerungen – oft lange bevor sie bewusst verstanden, benannt oder sprachlich verarbeitet werden können.

Im nächsten Artikel dieser Reihe richte ich den Blick deshalb auf einen weiteren, sehr sanften Zugangsweg: Berührung. Ich gehe der Frage nach, warum der Körper oft früher „weiß“ als der Verstand, wie alte Erfahrungen im Nervensystem gespeichert bleiben und weshalb gerade sanfte Berührung Veränderung ermöglichen kann.

Der nächste Beitrag trägt den Titel:
Sanfte Berührung und die neurobiologische Grundlage von Veränderung
Warum der Körper Zugang zu alten Erinnerungen hat und was das mit echter Heilung zu tun hat


Literatur & Studien

Alberini, C. M. (2011).
The role of reconsolidation and the dynamic process of long-term memory formation. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 5, 12.

Bosch-Bayard, J., et al. (2019).
Anxiety reduction through art therapy in women: Exploring stress regulation and executive functioning as underlying neurocognitive mechanisms. Frontiers in Psychology, 10, 2448.

Craig, A. D. (2009).
How do you feel—now? The anterior insula and human awareness. Nature Reviews Neuroscience, 10(1), 59–70.

Ecker, B., Ticic, R., & Hulley, L. (2012).
Unlocking the Emotional Brain: Eliminating Symptoms at Their Roots Using Memory Reconsolidation. Routledge.

Hebb, D. O. (1949).
The Organization of Behavior. Wiley.

Nader, K., Schafe, G. E., & LeDoux, J. E. (2000).
Fear memories require protein synthesis in the amygdala for reconsolidation after retrieval. Nature, 406(6797), 722–726.

Phelps, E. A., & Hofmann, S. G. (2019).
Memory editing from science fiction to clinical practice. Nature, 572(7767), 43–50.

Porges, S. W. (2011).
The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-regulation. W. W. Norton.

Rief, W., et al. (2012).
Neurobiologische Grundlagen psychotherapeutischer Verfahren. In: Handbuch Psychotherapie (Übersichtsbeitrag). Springer.

Schore, A. N. (2012).
The Science of the Art of Psychotherapy. W. W. Norton.

Siegel, D. J. (2010).
The Mindful Therapist: A Clinician’s Guide to Mindsight and Neural Integration. W. W. Norton.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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  1. Ihr Artikel zur Wirkung von Neurografik gefällt mir sehr. Ich leide selbst unter einer psychosomatischen Erkrankungen und Trauma und kann die Wirksamkeit des Prozesses definitiv bestätigen. Ich finde es sehr spannend, dass ich sogar meinen körperlichen Zustand verbessern konnte. Es ist wunderbar bereits therapeutisch besprochene Themen neurografisch nachzuarbeiten. Das eröffnet so viele Möglichkeiten für Betroffene.

    1. Vielen Dank für Ihre Rückmeldung und dafür, dass Sie Ihre Erfahrung teilen.

      Was Sie beschreiben, erlebe ich in meiner Arbeit sehr häufig: dass sich über den neurographischen Prozess etwas im Körper verändert, ohne dass man es „machen“ muss. Gerade bei psychosomatischen Themen und nach traumatischen Erfahrungen liegt so viel Wissen bereits im System – jenseits dessen, was sich sprachlich fassen lässt.

      NeuroGraphik kann hier einen Raum öffnen, in dem bereits bearbeitete Themen noch einmal auf einer tieferen, verkörperten Ebene integriert werden dürfen. Nicht als Wiederholung, sondern als Weitergehen.

      Wie schön, dass Sie diese Möglichkeiten für sich entdecken konnten. Genau dafür ist diese Arbeit gedacht.

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Dr. Doris Bürgel - Du selbst, wer sonst?