Der stille Druck rund um den Jahreswechsel
Der Jahreswechsel ist für viele Menschen kein neutraler Moment, sondern eine Phase mit hoher innerer Spannung. Überall tauchen Rückblicke auf, Zusammenfassungen, Learnings, Listen dessen, was abgeschlossen wurde oder endlich gehen darf. Oft schwingt dabei unausgesprochen die Erwartung mit, dass man jetzt wissen sollte, was dieses Jahr bedeutet hat, wer man geworden ist und wohin es im nächsten Jahr gehen soll. Für manche fühlt sich das stimmig an, für viele andere jedoch nicht. Statt Klarheit entsteht Enge, statt Orientierung ein Gefühl von innerem Druck.
Zwischen den Jahren liegt eine besondere Zeitqualität, die wenig mit Zielorientierung und viel mit Übergang zu tun hat. Alte Themen sind noch spürbar, Neues ist noch nicht greifbar, und genau diese Zwischenzone wird häufig missverstanden. Was eigentlich ein Raum des Nachklingens wäre, wird zu einem Moment, in dem Entscheidungen, Bewertungen und Abschlüsse eingefordert werden. Für sensible Menschen und für all jene, deren Nervensystem früh gelernt hat, auf Anforderungen zu reagieren, ist das oft mehr, als gerade gut tut.
Warum Abschließen oft gar nicht möglich ist
Abschließen klingt nach einer aktiven Handlung, nach einem bewussten inneren Schritt, den man vollziehen kann, wenn man sich nur genug bemüht. Aus psychologischer Sicht funktioniert innere Integration jedoch anders. Erfahrungen, insbesondere solche mit emotionaler Tiefe, brauchen Zeit, um verarbeitet zu werden, und diese Zeit lässt sich nicht beschleunigen. Das Nervensystem orientiert sich nicht am Kalender, sondern an Sicherheit, Regulation und innerer Stimmigkeit.
Gerade traumageprägte Systeme reagieren sensibel auf Druck von außen und auf innere Anforderungen, die zu früh kommen. Wenn etwas noch nicht integriert ist, zeigt sich das oft als Müdigkeit, als inneres Diffus-Sein oder als Widerstand gegen klare Worte. Das ist kein Zeichen von Vermeidung, sondern ein Hinweis darauf, dass der Prozess noch läuft. Abschließen zu wollen, obwohl innerlich noch Bewegung da ist, führt nicht zu Frieden, sondern zu einer subtilen Überforderung.
Viele Menschen kennen dieses Gefühl, können es aber schwer benennen. Sie spüren nur, dass sie „noch nicht so weit sind“, und erleben das als persönliches Defizit. Dabei ist es oft genau das Gegenteil: ein feines inneres Wahrnehmen dessen, was gerade möglich ist und was nicht.
Der Unterschied zwischen Ende und Übergang
Ein Ende ist häufig eine gedankliche Konstruktion. Es entsteht im Kopf, wird formuliert, zusammengefasst und bewertet. Ein Übergang hingegen ist ein lebendiger Prozess, der sich auf mehreren Ebenen vollzieht. Körper, Emotionen und innere Bilder brauchen Zeit, um sich neu zu ordnen, und dieser Vorgang verläuft selten linear. Übergänge sind nicht klar, sie sind weich, manchmal unübersichtlich und oft schwer in Worte zu fassen.
Zwischen den Jahren befinden sich viele Menschen genau in einem solchen Übergang. Etwas Altes verliert an Kraft, ist aber noch nicht ganz gegangen, während das Neue noch keine Form angenommen hat. In dieser Phase Abschlüsse zu erzwingen, kann dazu führen, dass innere Prozesse abgebrochen oder übergangen werden. Übergänge wollen gehalten werden, nicht kontrolliert. Sie brauchen Raum, Geduld und die Erlaubnis, dass noch nicht alles Sinn ergibt.
Was stattdessen hilfreich sein kann
Statt zu versuchen, das Jahr zu bilanzieren oder innere Klarheit herzustellen, kann es heilsam sein, den Fokus auf Wahrnehmung zu legen. Nicht im Sinne von Analyse, sondern im Sinne von Anerkennung dessen, was gerade da ist. Müdigkeit darf da sein, Unfertiges darf da sein, auch Unklarheit hat in Übergangszeiten ihren Platz. Oft reicht es, sich innerlich zu erlauben, nichts festhalten und nichts entscheiden zu müssen.
In meiner eigenen Erfahrung zeigt sich das sehr konkret. Ich schreibe meinen Jahresrückblick nie im Dezember. Nicht, weil ich mich dem verweigere, sondern weil ich es zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht kann. Ende Dezember bin ich noch zu nah am Geschehen, zu sehr im Prozess. Mein Inneres ist dann noch mit Sortieren, Nachklingen und Loslassen beschäftigt. Erst Ende Januar oder Anfang Februar entsteht der Abstand, der es mir erlaubt, wirklich zu sehen, was in dem vergangenen Jahr wesentlich war. Alles andere wäre für mich ein intellektueller Rückblick, aber kein wahrhaftiger.
Dieses Beispiel steht stellvertretend für viele innere Prozesse. Wenn etwas noch nicht bereit ist, in Worte gefasst zu werden, dann ist Schweigen oft die ehrlichere Antwort.
Ein neuer Blick auf das kommende Jahr
Das neue Jahr beginnt nicht zwingend mit dem 1. Januar. Für viele beginnt es viel später, oft unbemerkt, in einem Moment innerer Weite oder Klarheit, der nicht geplant war. Veränderung entsteht selten aus Vorsätzen, sondern aus innerer Bereitschaft. Und diese Bereitschaft wächst, wenn Druck nachlässt.
Vielleicht braucht dieses kommende Jahr keinen kraftvollen Start, sondern einen sanften. Vielleicht beginnt es mit dem Erlauben, im eigenen Tempo zu gehen, statt sich an äußeren Rhythmen zu orientieren. Innere Wahrheit entsteht dort, wo wir aufhören, uns selbst zu überholen.
Sanfter Abschluss
Vielleicht ist dieser Jahreswechsel kein Moment des Tuns, sondern des Seins. Kein Zeitpunkt, um etwas zu vollenden, sondern um mit dem zu sein, was noch in Bewegung ist. Wenn du spürst, dass du nichts abschließen kannst oder willst, dann ist das kein Fehler, sondern ein Zeichen innerer Wahrnehmung. Übergänge brauchen Zeit, und manchmal ist genau das die heilsamste Haltung, die wir uns selbst schenken können.
Wenn Übergänge Raum brauchen
Vielleicht berührt dich genau dieses Dazwischen, von dem in diesem Artikel die Rede war.
Dieses Gefühl, dass etwas noch nicht vorbei ist, das Neue aber noch keinen Namen hat.
Wenn du dich dafür interessierst, warum solche Übergänge so viel Raum brauchen und weshalb innere Veränderung ihrem eigenen Rhythmus folgt, habe ich dazu einen weiteren Artikel geschrieben: „Übergänge und innere Zeit – warum Veränderung ihren eigenen Rhythmus hat“.
Darin geht es weniger um den Jahreswechsel sondern mehr um das, was darunter wirkt: innere Zeit, Reifeprozesse und die feine Dynamik, mit der wir uns selbst oft zu früh antreiben.

Was für ein schöner und beruhigender Text.
Genau so fühle ich gerade diese Zeit. Vieles ist schon gegangen und abgeschlossen, was auch gut ist, aber das Neue ist noch nicht da.
Es fühlt sich nach Stillstand und doch Unruhe an. Eine Art in der Schwebe sein….,so lass uns dann halt mal schweben 😌
Liebe Doris,
vielen Dank für diesen für mich sehr wertvollen Input! Dieses Gefühl, das du beschreibst, kenne ich seit einem halben Jahr… "Die Bereitschaft wächst, wenn der Druck nachlässt"…ich verspüre seit einem halben Jahr das Gefühl, etwas tun zu "müssen", um meine berufliche Situation zu verändern, nur was? Es ist einfach so viel in mir in Bewegung, bin gerade dabei, einiges loszulassen und mit diesem Übergang wahrscheinlich noch etwas länger beschäftigt – wie du sagst " man muss aufhören, sich selbst zu überholen…
vielleicht schaffe ich es dann auch, meinen Neurographik Kurs anzuschließen…
herzliche Grüße
Patrizia
Vielen lieben Dank für diese Hinweise. Mir geht es ganz genau so. Ich bin noch im Rückzug und habe das alte Jahr noch nicht abgeschlossen. Und genauso wenig bin ich noch nicht im Klaren darüber was im. Neuen Jahr geschehen soll bzw. Was ich möchte. Also danke danke danke, wenn es anderen genauso geht.
Liebe Grüße Ute
Liebe Doris, herzlichen Dank für diesen Beitrag. Er hat mir Klarheit für meine Gefühle gebracht. Ich wünsche dir einen guten Start ins 2026.
Herzliche Grüsse Maja
Liebe Doris, danke für diesen Beitrag. Genau das hatte ich heute Vormittag zu meiner Freundin gesagt. Eigentlich müsste ich abschließen, eigentlich müsste ich die Rauhnächte machen, eigentlich müsste ich das neue Jahr manifestieren, eigentlich… Nix davon geht dieses Jahr. Das Jahr hat mich so sehr durchgerüttelt, dass ich irgendwie noch nicht fertig bin für die neuen Sachen, die das kommende Jahr mitbringen wird. Ich hänge noch in den Verarbeitungsprozessen drin, mitten drin.
Danke, denn jetzt fühle ich mich ein wenig besser, weil ich damit nicht falsch liege. Genau wie ich beruhigt bin, dass viele aus meinem Umfeld dieses Jahr als ziemlich verrückt und anstrengend empfunden haben. Als ein Jahr der Schlange, in dem die Häutung viel bewirkt und es nicht nur eine Häutung war sondern teils mehrere.
Und so ist das wohl auch mit dem noch nicht abschließen können.
Liebe Grüße und einen guten Start ins neue Jahr 2026, auch wenn es erstmal nur kalendarisch ist 😉
Grüße, Daniela Schillmöller
PS: im Januar starte ich den Basiskurs noch einmal bzw knüpfe an, dass ich ihn bald abschließen kann.
Liebe Doris,
vielen Dank für diesen Beitrag. Genau so fühle ich mich. In meinem Tempo, mit meinen Themen, in meinen Prozessen. Die brauchen gerade noch ihre Zeit und Aufmerksamkeit und stehen noch nicht vor einem Abschluß. Auch wenn der Kalender das Kalenderjahresende anzeigt. Ich nehme mir meine Zeit.
Alles Liebe für dich, Sabine
Oh liebe Doris, danke mal wieder für diesen wertvollen Impuls. Bin gerade so sehr auf Rückzug und dadurch ganz bei mir. So ist die Möglichkeit des Überganges fließend und ich danke dir, Danke für die Sicherheit, nicht alleine zu sein mit dem Gefühl jetzt keinen Abschluss machen zu können.
Es wirkt und durchwirkt mich die Arbeit der NeuroGraphik. Und der Ahnenkurs bei dir hat sooo viel verändert und will noch weiter wirken.
So wunderbar, Dich und Deine empathisch Begleitung gefunden zu haben. Herzlich Sarah