Oktober 27

Anpassung: Wann sie uns verbindet und wann wir uns darin verlieren

Du selbst, wer sonst?

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Wenn ich das Wort „Anpassung“ höre, zieht sich in mir etwas zusammen. Es ist keine Meinung, es ist eine Bewegung im Körper, und sie kommt vor jedem Gedanken. Hoppla, sagt sie. Was geschieht hier gerade? Sei achtsam.

Das ist merkwürdig, denn ich halte Anpassung für eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir haben. Ohne sie könnten wir nicht zusammenleben, nicht lieben, nicht arbeiten, nicht einmal ein Gespräch führen. Mein Körper weiß das auch. Und trotzdem warnt er mich bei dem Wort.

Ich glaube inzwischen, dass er recht hat und ich auch. Es gibt zwei Dinge, die beide Anpassung heißen, und sie haben kaum etwas miteinander zu tun.

Die laute und die leise Anpassung

Ich bin mit vielen Verboten aufgewachsen. Zu gefährlich, zu schmutzig, zu weit weg. Die Welt der Dinge, die ich besser lassen sollte, war groß. Wir durften zum Beispiel nicht in der Amper schwimmen, weil das Wasser zu schmutzig war. Wir waren immer in der Amper schwimmen. Manchmal ging etwas schief, und auch das gehörte dazu.

Lange habe ich mir daraus die Geschichte erzählt, dass ich mich eben schon als Kind über vieles hinweggesetzt habe. Das stimmt nur sehr bedingt. Es stimmt für die lauten Verbote, die, bei denen man weiß, dass man gerade etwas Verbotenes tut. In anderen Bereichen habe ich mich sehr angepasst, und zwar so, dass ich es nicht bemerkt habe. Dort ging es nicht darum, ob ich in einem Fluss schwimmen durfte. Dort ging es um Zugehörigkeit, um Nähe, darum, ob zwischen mir und den Menschen, die ich brauchte, alles in Ordnung war. Diese Anpassung war kein Verbot, gegen das man verstoßen könnte. Sie war nur ein feines Gespür dafür, wann die Stimmung kippt. Was es bedeutet, wenn Sicherheit so sehr an der Reaktion anderer hängt, habe ich in Wenn Sicherheit von außen kommen muss beschrieben.

Das ist, glaube ich, der Unterschied, der mich an dem Wort so stutzen lässt. Die laute Anpassung kann ich sehen und ablehnen oder annehmen. Die leise Anpassung sehe ich nicht, weil sie sich wie ich selbst anfühlt.

Was gesunde Anpassung braucht

Ich möchte Anpassung nicht abschaffen. Wenn du und ich uns begegnen, bringen wir beide etwas mit, und wenn beide darauf beharren, entsteht nichts. Gesunde Anpassung ist für mich ein Aufeinanderzugehen. Ich weiß ungefähr, wo ich stehe und was mir wichtig ist. Du weißt es von dir. Dann lockere ich etwas von meiner Position, du von deiner, und etwas Gemeinsames kann entstehen. Das Eigene verschwindet dabei nicht. Es verhandelt mit.

Genau das ist die Voraussetzung: ein Ich, das sich in die Beziehung einbringen kann. Gesunde Anpassung setzt voraus, dass ich weiß, was ich will, oder wenigstens, was ich nicht will. Ohne das gibt es nichts, was sich anpassen könnte. Dann gibt es nur noch Ausrichtung auf den anderen.

Kinder kennen dafür ein gutes Wort. „Heute bin ich der Bestimmer.“ Solange es wechselt, ist alles in Ordnung. Jean Piaget hat etwas Ähnliches beschrieben, als er die Moralentwicklung von Kindern untersuchte: Kleine Kinder erleben Regeln zuerst über die Autorität der Erwachsenen, später gewinnen Gegenseitigkeit und Kooperation unter Gleichrangigen an Bedeutung (Piaget, 1932). Interessant finde ich, dass Piaget auch den Begriff Anpassung selbst anders verwendet, als ich ihn im Körper spüre. Adaptation ist bei ihm kein Einfügen in eine fertige Welt, sondern das aktive Wechselspiel eines Kindes mit seiner Umwelt: Neues wird in Bekanntes eingeordnet, und gleichzeitig verändert das Neue, wie das Kind die Welt versteht (Piaget, 1952). Das Kind handelt, die Welt antwortet, das Kind verändert sich. Das Kind passt sich an, weil es selbst etwas erfahren hat, und nicht, weil jemand es von ihm verlangt.

Der Turm

Mein Sohn hat als kleines Kind Türme gebaut, viele Türme. Er baute, der Turm fiel, er baute wieder, veränderte etwas, warf unzählige Male selbst alles um und fing von vorne an. Seine Türme waren so komplex, dass ich nie hätte sagen können, wann sie fallen. Manchmal hielt einer, wo ich längst dachte: Jetzt kippt er. Er hat es selbst herausgefunden.

Ich denke heute oft über den Unterschied nach. Hätte ich versucht, es ihm zu sagen, hätte er etwas von mir übernommen. So wusste er etwas aus eigener Erfahrung. Und er hatte noch mehr erlebt, als ich ihm hätte sagen können: Ich tue etwas, und etwas geschieht. Ich kann es noch einmal versuchen. Ich kann etwas verändern und schauen, was dann passiert.

Albert Bandura, der die Selbstwirksamkeit erforscht hat, nennt solche eigenen Bewältigungserfahrungen die wichtigste Quelle dafür, dass ein Mensch sich zutraut, etwas bewirken zu können (Bandura, 1997). Ich glaube, Selbstwirksamkeit beginnt sehr viel früher und unspektakulärer, als wir denken. Mit einem Stein, den ein Kind selbst auf einen Turm legt.

Natürlich lernen Kinder auch von anderen. Sie schauen ab, ahmen nach, orientieren sich. Das ist kein Gegensatz. Aber wenn ein Kind nur noch schaut, was von ihm erwartet wird, und den Stein gar nicht mehr selbst legt, dann verliert es die Erfahrung, dass es in der Welt etwas ausrichten kann. Es lernt die Welt dann über die Augen der anderen kennen und nicht über seine eigenen.

Die Bindungsforschung hat mich hier noch einmal anders über Sicherheit nachdenken lassen. John Bowlby beschrieb die Bezugsperson als „sichere Basis“, von der aus ein Kind hinausgeht und zu der es zurückkehren kann (Bowlby, 1988), und Mary Ainsworth hatte schon bei Einjährigen beobachtet, wie eng Bindung und Erkunden zusammengehören (Ainsworth & Bell, 1970). Sicherheit hält also nicht fest. Sie macht das Hinausgehen möglich. Und Grenzen gehören dazu; mir geht es nicht um Kinder, die alles selbst entscheiden. Mir geht es um den Freiraum innerhalb des Rahmens.

Wenn die Erwartung von innen kommt

Schwieriger wird es, wenn ein Kind erlebt, dass Nähe und Anerkennung davon abhängen, ob es bestimmte Erwartungen erfüllt. Das sagt selten jemand ausdrücklich. Kinder nehmen es trotzdem wahr: wann die Stimmung kippt, womit sie enttäuschen, welches Verhalten Nähe erzeugt und welches Distanz.

Die Forschung nennt das „parental conditional regard“, elterliche Zuwendung unter Bedingung. Assor, Roth und Deci (2004) konnten zeigen, dass Kinder solche Erwartungen übernehmen, ohne dass sie dabei zu eigenen Werten werden. Das Verhalten bleibt, der innere Druck bleibt, nur der Absender ist verschwunden. Eine neuere Metaanalyse fand außerdem Zusammenhänge mit einem Selbstwert, der daran hängt, ob Bedingungen erfüllt sind (Haines & Schutte, 2023).

Das ist für mich der entscheidende Gedanke in diesem ganzen Thema. Irgendwann muss niemand mehr neben mir stehen und mir sagen, was ich zu tun habe. Ich sage es mir selbst. Ich spüre schnell, was gebraucht wird, übernehme Verantwortung, erfülle Erwartungen, mache es richtig. Von außen sieht das sehr selbstständig aus. Bei mir hing das Gefühl, in Ordnung zu sein, lange an der Leistung. Solange ich etwas leistete, war ich okay. Davon habe ich in Wenn Leistung den Wert ersetzen muss erzählt. Bei anderen hängt es daran, ob die anderen zufrieden sind. Beides fühlt sich nicht wie Anpassung an. Es fühlt sich an wie: So bin ich eben.

Robert Kegan hat für diese Stufe ein Bild, das ich hilfreich finde. Die Erwartungen wichtiger anderer sind so sehr Teil unseres Bezugssystems, dass wir sie nicht als Erwartungen sehen können. Wir schauen durch sie hindurch wie durch eine Brille. Entwicklung heißt bei ihm, dass das, wodurch ich bisher bestimmt wurde, allmählich zu etwas wird, das ich betrachten kann (Kegan, 1994). Die Brille kommt auf den Tisch. Dann kann ich fragen: Das ist deine Erwartung an mich. Und was denke ich dazu?

Und was willst du?

Irgendwann kommt diese Frage, von außen oder von innen. Was willst du eigentlich? Und da ist keine Antwort.

Das erstaunt mich nicht mehr. Wenn du über Jahre sehr gut darin geworden bist wahrzunehmen, was andere brauchen, dann hast du darin eine enorme Kompetenz. Du bemerkst die Stimmung im Raum, bevor jemand etwas sagt. Wie diese Ausrichtung nach außen entsteht, beschreibe ich in Wenn du andere besser kennst als dich selbst. Nur die Frage nach dir hast du viel seltener geübt. Deshalb finde ich den gut gemeinten Rat „Spür doch einfach mal in dich hinein“ manchmal fast hilflos. Was soll ich dort finden, wenn ich bestimmte Seiten von mir noch nie ausprobieren konnte?

Meine Erfahrung ist, dass das Eigene oft an einer anderen Stelle beginnt. Du weißt, was du nicht mehr willst. So möchte ich nicht mehr arbeiten. So möchte ich meine Beziehung nicht mehr leben. So möchte ich nicht mehr mit mir umgehen. Das ist noch keine Richtung, aber es ist bereits eine eigene Position, und von ihr aus lässt sich etwas ausprobieren. Die Identitätsforschung beschreibt Identität inzwischen genau so: als Bewegung aus Erkunden, Festlegen, Überprüfen und wieder Verändern, nicht als Zustand, der irgendwann fertig ist (Branje et al., 2021).

Freilegen oder ausbreiten

Lange fand ich die Vorstellung schön, dass unter all den Anpassungen und Prägungen mein wahres Selbst liegt und ich nur genug Schichten abtragen muss. Heute glaube ich das nicht mehr. Ich glaube nicht, dass irgendwo in mir eine fertige Doris gelegen hat, die darauf wartete, freigelegt zu werden. Warum auch das Selbst bei C. G. Jung kein verschütteter Kern ist, habe ich in Das Selbst nach C. G. Jung und warum es mehr ist als ein wahres Ich beschrieben. Vieles von dem, was heute zu mir gehört, ist entstanden, weil ich etwas ausprobiert, mich geirrt, mich entschieden und Menschen getroffen habe, die mir widersprochen haben. Im Dialog merke ich, was meine Position ist. Dein Widerspruch zeigt mir, was mir wichtig ist. Eine Begegnung kann Seiten in mir hervorbringen, die vorher keinen Platz hatten.

Die Bewegung fühlt sich für mich heute nicht wie Graben an, sondern wie Ausbreiten. Je mehr ich in Beziehung bin und dabei merke, was meins ist, desto mehr Raum nehme ich ein, mit allen Möglichkeiten, die darin liegen. Manche davon waren vielleicht lange da und hatten keinen Platz. Andere entstehen erst jetzt.

Das verändert auch, was ich unter Freiheit verstehe. Sie beginnt nicht damit, dass ich niemanden mehr brauche und mich nie wieder anpasse. Und wenn du dich dein Leben lang angepasst hast, liegt sie auch nicht darin, von nun an grundsätzlich gegen alles zu sein. Das wäre nur ein anderes starres Muster, und du selbst kämst darin genauso wenig vor wie vorher. Freiheit beginnt für mich dort, wo ich mich selbst wieder mitnehme. Ich kann wissen, wo ich stehe, und mich trotzdem auf dich zubewegen. Ich kann meine Meinung ändern, weil du mich überzeugt hast, und nicht, weil ich Angst habe, was passiert, wenn ich dir widerspreche. Ich kann etwas zurückstellen, weil mir unsere Beziehung wichtiger ist. Das ist gesunde Anpassung. Sie braucht zwei, die sich begegnen.

Der Stein, den du selbst legst

In meiner Arbeit sehe ich diesen Moment immer wieder. Eine Frau sitzt vor etwas und denkt: Das kann ich nicht, das ist zu groß. Und dann beginnt sie. Sie probiert aus, nimmt wahr, verändert etwas, macht eine neue Erfahrung mit sich. Deshalb arbeite ich so gern mit der NeuroGraphik. Du sitzt vor dem Blatt und zeichnest selbst. Ich kann dir einen Rahmen geben, Fragen stellen, dich begleiten. Die Erfahrung kann ich dir nicht abnehmen, und ich möchte es auch nicht. Es ist dein Stein auf deinem Turm.

Wenn du das selbst erleben möchtest: Der nächste NeuroGraphik Basiskurs beginnt bald.

Du brauchst nicht erst herauszufinden, wer du wirklich bist, bevor du anfangen kannst. Du kannst eine Erfahrung machen und schauen, was sie mit dir macht. Du kannst merken, dass etwas nicht passt, und etwas anderes versuchen. Und dann noch einmal. So entsteht etwas Eigenes, nicht darunter, sondern dabei.

Deine eigene Linie liegt nicht fertig in dir. Sie entsteht, indem du sie ziehst.

Du selbst, wer sonst?

Literatur

Ainsworth, M. D. S., & Bell, S. M. (1970). Attachment, exploration, and separation: Illustrated by the behavior of one-year-olds in a strange situation. Child Development, 41(1), 49–67.

Assor, A., Roth, G., & Deci, E. L. (2004). The emotional costs of parents' conditional regard: A self-determination theory analysis. Journal of Personality, 72(1), 47–88.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.

Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.

Branje, S., de Moor, E. L., Spitzer, J., & Becht, A. I. (2021). Dynamics of identity development in adolescence: A decade in review. Journal of Research on Adolescence, 31(4), 908–927.

Haines, J. E., & Schutte, N. S. (2023). Parental conditional regard: A meta-analysis. Journal of Adolescence, 95(2), 195–223.

Kegan, R. (1994). In over our heads: The mental demands of modern life. Harvard University Press.

Piaget, J. (1932). Le jugement moral chez l'enfant. Félix Alcan.

Piaget, J. (1952). The origins of intelligence in children. International Universities Press.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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