Oktober 6

Vertrauen, auch wenn das Leben mir Gründe gegeben hat, nicht zu vertrauen

Du selbst, wer sonst?, Nervensystem & Neurobiologie

2  KOMMENTARE

Vertrauen fällt mir schwer. Sehr schwer sogar. Und wenn ich darüber nachdenke, was es für mich bedeutet, wieder Vertrauen zu lernen, merke ich, wie tief dieses Thema eigentlich reicht.

Ich würde gerne sagen können, dass ich nach allem, was ich in meinem Leben erfahren, gelernt und über mich verstanden habe, heute dieses tiefe Vertrauen in mir trage: dass das Leben es gut mit mir meint, dass die Dinge sich fügen werden, dass Menschen grundsätzlich gut sind und dass ich mich darauf verlassen kann, dass am Ende alles irgendwie richtig sein wird.

Aber so ist es nicht.

Ich habe in meinem Leben zu oft erlebt, dass Menschen, denen ich vertraut habe, mir nicht gutgetan haben. Dass Beziehungen plötzlich abbrachen. Dass etwas, von dem ich dachte, es sei sicher, nicht sicher war. Dass ich verletzt wurde, obwohl ich mich eingelassen hatte. Manche dieser Erfahrungen waren traumatisch. Und sie haben Spuren hinterlassen.

Das merke ich besonders dann, wenn heute etwas nicht funktioniert. Es braucht manchmal erstaunlich wenig. Eine unerwartete Schwierigkeit, eine Enttäuschung, etwas, das anders läuft als gedacht. Und plötzlich bin ich nicht mehr nur bei diesem einen Problem. Meine Gedanken beginnen sich zu drehen. Aus „Das funktioniert gerade nicht“ wird „Natürlich funktioniert es nicht“. Daraus wird „Es wird sowieso nichts“. Und irgendwann bin ich bei einem viel größeren Gefühl angekommen: dass ich mich auf nichts verlassen kann.

In meinem letzten Artikel über das Aushalten von Unsicherheit habe ich darüber geschrieben, wie schnell wir in solchen Momenten den Boden unter den Füßen verlieren können. Und beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass darunter noch eine andere Frage liegt, die mich eigentlich schon mein ganzes Leben begleitet:

Wie soll ich vertrauen, wenn meine Erfahrungen mir beigebracht haben, dass Vertrauen gefährlich sein kann?

Vertrauen ist keine Gewissheit

Vielleicht beginnt das Problem schon damit, was wir überhaupt unter Vertrauen verstehen. Wir sagen Sätze wie: „Vertrau darauf, dass alles gut wird.“ Oder: „Du musst dem Leben mehr vertrauen.“ Besonders in spirituellen Zusammenhängen begegnet mir immer wieder der Satz: „Es ist alles für dich.“

Ein Teil von mir möchte das gerne glauben. Ein anderer Teil sträubt sich dagegen. Denn ich kann nicht wissen, dass alles gut wird, und ich kann auch nicht behaupten, dass alles, was einem Menschen widerfährt, zu seinem Wohl geschieht. Menschen erleben Verlust, Gewalt, Krankheit, Verrat und Ungerechtigkeit. Ich möchte einer Frau, die Schreckliches erlebt hat, nicht sagen, dass dies „für sie“ geschehen sei.

Vielleicht kann später aus einer Erfahrung etwas entstehen. Vielleicht können wir ihr irgendwann Bedeutung geben. Vielleicht entwickeln wir gerade an dem, was uns widerfahren ist, Fähigkeiten, Klarheit oder eine Tiefe, die wir vorher nicht hatten. Aber das bedeutet nicht, dass das Geschehene deshalb gut oder notwendig war.

Vielleicht müssen wir Vertrauen deshalb von einer Vorstellung lösen, die es mit Gewissheit verwechselt. Mayer, Davis und Schoorman (1995) haben Vertrauen in einem bis heute häufig zitierten Modell als Bereitschaft beschrieben, sich gegenüber dem Handeln eines anderen verletzlich zu machen, obwohl man dieses Handeln nicht vollständig überwachen oder kontrollieren kann. Ihr Modell stammt aus der Organisationspsychologie, aber die darin enthaltene Grundidee ist weit über diesen Kontext hinaus interessant: Vertrauen wird überhaupt erst dort notwendig, wo Kontrolle endet.

Das hat mich beim Nachdenken über mein eigenes Vertrauen sehr beschäftigt. Denn wenn ich sicher weiß, was passieren wird, brauche ich kein Vertrauen. Vertrauen beginnt dort, wo ich nicht weiß, wie eine Geschichte ausgeht, wie ein Mensch reagieren wird oder was das Leben als Nächstes mit sich bringt. Es bedeutet deshalb gerade nicht: Ich weiß, dass nichts Schlimmes geschehen wird. Es bedeutet, mich auf etwas einzulassen, obwohl ich keine Garantie bekomme.

Und vielleicht liegt genau darin die Schwierigkeit, wenn die eigene Geschichte gelehrt hat, dass fehlende Kontrolle gefährlich werden kann.

Wenn Erfahrungen zu Erwartungen werden

Wir begegnen der Welt nicht jeden Morgen neu und unvoreingenommen. Was wir erlebt haben, beeinflusst, was wir erwarten. Besonders deutlich wird das in der Bindungstheorie. Bowlby beschrieb sogenannte innere Arbeitsmodelle, die sich aus unseren frühen Beziehungserfahrungen entwickeln. Sie enthalten Erwartungen darüber, ob andere Menschen verfügbar und verlässlich sind, ob wir Unterstützung bekommen, wenn wir sie brauchen, und auch darüber, welchen Platz wir selbst in Beziehungen einnehmen. Spätere Arbeiten zur Bindungsforschung zeigen, dass solche Modelle unter anderem Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung und die Interpretation emotional bedeutsamer Situationen beeinflussen können (Bowlby, 1973; Bretherton & Munholland, 2008).

Wenn ein Mensch immer wieder erlebt hat, dass Nähe mit Verletzung verbunden war, dass Verlässlichkeit plötzlich wegbrach oder dass ausgerechnet Menschen, von denen Sicherheit hätte kommen sollen, selbst zur Quelle von Unsicherheit wurden, dann ist Misstrauen deshalb nicht einfach eine falsche Einstellung. Es ist zunächst einmal eine Erwartung, die auf Erfahrung beruht.

Wie weit solche Zusammenhänge reichen können, zeigt auch eine 2026 veröffentlichte repräsentative deutsche Untersuchung mit 2.484 Menschen. Peter und ihre Kolleginnen und Kollegen fanden, dass emotionale Misshandlung und emotionale Vernachlässigung in der Kindheit mit geringerem generalisiertem zwischenmenschlichem Vertrauen im Erwachsenenalter verbunden waren (Peter et al., 2026). Die Studie ist querschnittlich angelegt und kann deshalb keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung beweisen. Aber sie zeigt deutlich, dass Erfahrungen von emotionaler Verletzung und späteres Vertrauen miteinander zusammenhängen.

Das verändert für mich die Frage. Wenn mir Vertrauen schwerfällt, muss ich mich nicht zuerst fragen, was mit mir nicht stimmt. Interessanter ist die Frage, was mein System gelernt hat. Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass Kontrolle sicherer erscheint als Loslassen? Was habe ich darüber gelernt, was geschieht, wenn ich mich auf einen Menschen verlasse, mich zeige oder etwas nicht selbst in der Hand behalte?

Ein Satz wie „Du musst einfach mehr vertrauen“ erreicht diese Ebene kaum. Denn Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Mein Misstrauen hat eine Geschichte.

Warum eine schlechte Erfahrung plötzlich alles wieder infrage stellen kann

Das kenne ich sehr gut. Es kann lange Zeit vieles gut laufen. Ich kann Erfahrungen machen, die eigentlich zeigen, dass mein Leben heute anders ist. Und dann geht etwas schief. Plötzlich ist das Alte wieder da, und es fühlt sich in diesem Moment nicht wie eine alte Erfahrung an. Es fühlt sich wie die Wahrheit über mein Leben an.

Dann wird aus einer einzelnen Schwierigkeit sehr schnell etwas viel Größeres. Es funktioniert nicht nur diese eine Sache nicht, sondern auf einmal scheint wieder bewiesen zu sein, dass es eben nie funktioniert, dass ich mich nicht verlassen darf, dass es am Ende doch wieder schiefgeht. Dieses „Ich wusste es doch“ kenne ich sehr gut.

Unser Lernen funktioniert dabei nicht wie eine Strichliste, auf der zehn gute Erfahrungen automatisch mehr wiegen als eine schlechte. Neue Erfahrungen treffen auf Erwartungen, die längst vorhanden sind. Wenn meine tief gelernte Erwartung lautet, dass Menschen mich irgendwann im Stich lassen, kann jemand viele Male verlässlich sein und ich kann trotzdem innerlich ein „bis jetzt“ hinzufügen. Ich kann die Erfahrung genießen und gleichzeitig einen Teil von mir in Bereitschaft halten, weil ich darauf warte, dass sich das Blatt doch noch wendet.

Kommt dann tatsächlich eine Enttäuschung, passt sie zu dem, was ich ohnehin erwartet habe. Sie ist dann nicht nur eine Enttäuschung in diesem Moment. Sie kann zum Beweis für eine viel ältere Überzeugung werden: „Siehst du, genau deshalb darfst du nicht vertrauen.“

Vielleicht erklärt das, warum manche aktuellen Situationen eine Kraft bekommen, die ihnen allein betrachtet gar nicht zukommen würde. Es reagiert nicht nur die Frau, die ich heute bin, auf das, was gerade geschieht. In diese Situation fließen gleichzeitig Erfahrungen und Erwartungen ein, die viel älter sind.

Neue Sicherheit löscht das Alte nicht einfach

Einen interessanten Blick darauf ermöglicht die Forschung zum Angstlernen. Dort zeigt sich, dass eine einmal gelernte Verbindung zwischen einem Reiz und Gefahr durch spätere sichere Erfahrungen häufig nicht einfach gelöscht wird. Beim sogenannten Extinktionslernen entsteht vielmehr neues Lernen, das mit der älteren Gefahrenverknüpfung konkurrieren kann.

Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zum sogenannten Renewal-Effekt im menschlichen Furchtlernen zeigt, dass bereits abgeschwächte Furchtreaktionen bei einem Wechsel des Kontextes wieder auftreten können (Wang et al., 2024). Das neue Sicherheitslernen ist also vorhanden, aber es ist nicht unter allen Bedingungen gleichermaßen gut verfügbar.

Natürlich dürfen wir einfaches experimentelles Furchtlernen nicht mit komplexem menschlichem Vertrauen gleichsetzen. Dafür sind Beziehungen, Trauma und unsere Lebensgeschichte viel zu vielschichtig. Aber das Lernprinzip hilft mir, etwas zu verstehen: Eine neue Erfahrung muss eine alte Erfahrung nicht auslöschen, damit sie wirksam sein kann.

Das finde ich persönlich entlastend. Denn wenn ich wieder einmal in meine alten Gedankenschleifen gerate, neige ich schnell dazu, auch meine ganze Entwicklung infrage zu stellen. Dann scheint plötzlich alles, was ich inzwischen verstanden, erfahren und verändert habe, nicht mehr zu zählen. Wenn ich doch wieder so reagiere, denke ich, dann bin ich offenbar keinen Schritt weiter.

Vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht ist das Neue doch da und in diesem Moment ist das Alte einfach sehr viel lauter.

Damit die Gegenwart wirklich eine neue Erfahrung werden kann

Damit sich Erwartungen verändern, reicht es allerdings nicht, möglichst viele positive Erfahrungen zu sammeln. Für Lernen ist besonders interessant, was geschieht, wenn unsere Erwartung und die Wirklichkeit nicht übereinstimmen. In der Lernforschung spricht man von einem Prediction Error, einem Vorhersagefehler. Solche Abweichungen zwischen Erwartetem und tatsächlich Eintretendem spielen auch beim sozialen Lernen eine wichtige Rolle (Joiner et al., 2017; Olsson, Knapska & Lindström, 2020).

Ich erwarte beispielsweise, dass jemand sich zurückzieht, wenn ich widerspreche, und er bleibt. Ich rechne damit, abgelehnt zu werden, wenn ich etwas von mir zeige, und erfahre Interesse. Ich glaube, eine Grenze werde die Beziehung gefährden, und mein Gegenüber respektiert sie. In solchen Augenblicken geschieht etwas, das mein bisheriges Bild von Beziehung zumindest infrage stellen könnte.

Aber auch das ist kein Automatismus. Ich kann eine solche Erfahrung sofort in mein altes Weltbild zurückholen. Vielleicht sage ich mir, der andere sei nur verständnisvoll gewesen, weil er etwas von mir wolle. Vielleicht denke ich, dass es beim nächsten Mal bestimmt anders sein werde. Dann war die Situation zwar objektiv anders, aber sie musste mein inneres Modell nicht wesentlich verändern.

Deshalb beschäftigt mich zunehmend eine andere Frage als die, wie ich endlich vertrauen kann: Kann ich überhaupt bemerken, wenn meine Gegenwart anders ist als meine Vergangenheit? Das verlangt keine Naivität. Im Gegenteil. Es verlangt, genauer hinzusehen.

Vertrauen heißt nicht, jedem zu vertrauen

Mir ist dieser Punkt wichtig, weil Vertrauen manchmal so dargestellt wird, als wäre ein vertrauensvoller Mensch grundsätzlich offener und ein misstrauischer Mensch müsse einfach lernen, seine Schutzmechanismen abzulegen. Ich halte das für zu einfach.

Ich muss nicht jedem Menschen vertrauen. Ich darf darauf achten, ob Worte und Handlungen zusammenpassen, ob jemand über längere Zeit verlässlich ist, wie jemand auf meine Grenzen reagiert und was geschieht, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Ich darf beobachten, ob ein Mensch Verantwortung übernehmen kann und ob ich mich in seiner Nähe zunehmend sicherer oder immer unsicherer fühle.

Manche Menschen sind nicht vertrauenswürdig. Zu erkennen, wann Vorsicht angemessen ist, ist deshalb kein Scheitern von Vertrauen. Reifes Vertrauen bedeutet für mich nicht, mein Misstrauen einfach abzulegen. Es bedeutet vielmehr, genauer unterscheiden zu können. Wenn jemand wiederholt meine Grenzen überschreitet, Worte und Handlungen nicht zusammenpassen oder Verantwortung immer wieder abgewehrt wird, ist Vorsicht sinnvoll. Dann darf ich mein Vertrauen begrenzen.

Schwierig wird es dort, wo Erfahrungen mit einzelnen Menschen zu einer Erwartung an alle Menschen werden und ich kaum noch wahrnehmen kann, wer mir heute tatsächlich gegenübersteht. Dann schützt mich meine Vorsicht nicht nur vor möglichen Verletzungen. Sie kann auch verhindern, dass ich neue Erfahrungen überhaupt noch an mich heranlasse.

Vielleicht besteht eine wichtige Entwicklung deshalb darin, nicht mehr nur zwischen „Ich vertraue“ und „Ich vertraue nicht“ zu unterscheiden. Ich möchte genauer wahrnehmen können: Gibt es in dieser Situation tatsächlich etwas, das mich vorsichtig werden lassen sollte? Oder ist gerade eine alte Erfahrung so präsent, dass ich davon ausgehe, schon zu wissen, wie diese neue Geschichte enden wird?

Vielleicht bedeutet Vertrauen lernen für mich deshalb gar nicht, mein Misstrauen irgendwann vollständig zu verlieren. Es bedeutet, zunehmend unterscheiden zu können, wann meine Vorsicht heute berechtigt ist und wann eine alte Erfahrung meine Wahrnehmung bestimmt. Je besser mir diese Unterscheidung gelingt, desto weniger muss Misstrauen zu meiner Grundhaltung gegenüber allem werden.

Vertrauen lernen beginnt auch bei mir selbst

An diesem Punkt lande ich unweigerlich beim Selbstvertrauen. Und auch hier habe ich lange etwas verlangt, was Vertrauen gar nicht leisten kann.

Wenn ich mir vertraue und eine Entscheidung treffe, kann diese Entscheidung trotzdem nicht das Ergebnis haben, das ich mir wünsche. Ich kann mich auf einen Menschen einlassen und enttäuscht werden. Ich kann etwas beginnen und scheitern. Ich kann meinem Gefühl folgen und später feststellen, dass mir Informationen gefehlt haben.

Wenn ich daraus schließe: „Siehst du, du hättest dir nicht vertrauen dürfen“, mache ich Selbstvertrauen davon abhängig, dass ich die Zukunft richtig vorhersehe. Das kann niemand.

Für mich ist deshalb Banduras Konzept der Selbstwirksamkeit hilfreich. Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, aufgrund eigener Fähigkeiten Anforderungen bewältigen und Einfluss auf das eigene Handeln nehmen zu können. Benight und Bandura (2004) haben Forschung zu sehr unterschiedlichen traumatischen Erfahrungen zusammengeführt und dabei die wahrgenommene Bewältigungsselbstwirksamkeit als wichtigen Faktor der posttraumatischen Erholung beschrieben.

Das verschiebt etwas Entscheidendes. Selbstvertrauen muss mir dann nicht versprechen, dass mir nichts passiert. Es kann bedeuten, dass ich mir zunehmend zutraue, mit dem umzugehen, was geschieht. Ich kann wahrnehmen, wenn etwas nicht stimmt, meine Meinung verändern, eine Entscheidung korrigieren, mir Unterstützung holen, eine Grenze setzen oder einen Weg verlassen, von dem ich inzwischen weiß, dass er nicht der richtige für mich ist.

Vielleicht bedeutet mir selbst zu vertrauen also weniger: „Ich werde richtig entscheiden.“ Es bedeutet viel mehr: „Ich werde mich auch dann nicht verlassen, wenn meine Entscheidung sich als falsch herausstellt.“

Das ist für mich ein Vertrauen, das ich greifen kann.

Vertrauen wächst auch dort, wo etwas schiefgehen darf

Vertrauen entsteht außerdem nicht nur dadurch, dass Menschen uns niemals enttäuschen. Eine Beziehung, in der nichts schiefgeht, gibt es nicht. Wir missverstehen einander, sind manchmal unachtsam, treffen wunde Punkte, reagieren aus unserer eigenen Geschichte heraus und machen Fehler.

Interessant ist deshalb, was nach einem Bruch geschieht. Die Forschung zur Wiederherstellung von Vertrauen zeigt, dass unterschiedliche Formen der Reparatur wirksam sein können. Entschuldigungen können Vertrauen beispielsweise erhöhen, ihre Wirkung hängt aber von der Art des Vertrauensbruchs und weiteren Bedingungen ab. Langfristig geht Vertrauensreparatur über Worte hinaus und betrifft auch das Verhalten und die Gestaltung der Beziehung (Lewicki & Brinsfield, 2017; Yuan, Dong & Li, 2017).

Gerade für Menschen, die gelernt haben, dass Konflikte Beziehungen gefährden, kann darin eine völlig neue Erfahrung liegen. Ich kann sagen, dass mich etwas verletzt hat, und mein Gegenüber hört zu. Ich kann eine Grenze setzen, ohne verlassen zu werden. Wir können uns missverstehen, darüber sprechen und anschließend wieder zueinanderfinden.

Dann wächst Vertrauen nicht aus der Erfahrung, dass nichts mehr passiert. Es wächst daraus, dass etwas passieren darf und die Beziehung damit umgehen kann. Vielleicht ist genau das eine der tiefsten Formen von Verlässlichkeit: Wir müssen nicht perfekt miteinander sein, damit unsere Verbindung bestehen kann.

Und dann bleibt für mich das Vertrauen ins Leben

So weit kann ich Vertrauen inzwischen ziemlich gut verstehen. Ich kann verstehen, wie Beziehungserfahrungen Erwartungen prägen, wie neue Erfahrungen alte Vorstellungen verändern können und warum Selbstwirksamkeit eine wichtige Grundlage dafür ist, mich dem Leben weniger ausgeliefert zu fühlen.

Und trotzdem bleibt die Frage, die für mich persönlich viel schwieriger ist: Kann ich dem Leben vertrauen?

Hier verlassen wir ein Stück weit den Boden der psychologischen Forschung. Die Psychologie kann untersuchen, wie Menschen Vertrauen lernen, wie sie mit Unsicherheit umgehen, welche Rolle Selbstwirksamkeit spielt und wie traumatische Erfahrungen unsere Erwartungen verändern. Sie kann mir aber nicht beantworten, ob das Leben es gut mit mir meint. Das ist keine wissenschaftliche Frage. Es ist eine existenzielle, vielleicht auch spirituelle.

Und genau deshalb möchte ich sie nicht mit einem schönen Satz beantworten.

Ich möchte so gerne vertrauen. Vielleicht gerade deshalb, weil ich weiß, wie anstrengend das Gegenteil ist. Nicht zu vertrauen bedeutet für mich häufig, festzuhalten. Ich denke nach, analysiere, suche nach einer Lösung, prüfe Möglichkeiten und versuche vorauszusehen, was passieren könnte. Ich möchte verstehen, bevor ich mich einlasse. Ich möchte sicher sein, bevor ich losgehe. Und wenn etwas beginnt, sich meiner Kontrolle zu entziehen, wird der Wunsch nach Kontrolle oft noch größer.

Dahinter steckt etwas sehr Verständliches. Kontrolle verspricht Schutz. Wenn ich alles vorhersehe, kann ich vielleicht verhindern, noch einmal überrascht zu werden. Wenn ich genau genug nachdenke, treffe ich vielleicht die richtige Entscheidung. Wenn ich aufmerksam genug bin, bemerke ich rechtzeitig, dass etwas kippt.

Aber irgendwann kommt ein Punkt, an dem Kontrolle nicht mehr schützt. Sie hält mich nur noch fest.

Vertrauen heißt für mich auch loslassen

Vielleicht liegt hier für mich der eigentliche Unterschied zwischen Unsicherheit aushalten und vertrauen. Unsicherheit auszuhalten bedeutet, bei mir bleiben zu können, obwohl ich noch nicht weiß, was geschehen wird. Vertrauen geht für mich einen Schritt weiter. Es bedeutet, irgendwann nicht mehr weiter an der Zukunft ziehen zu müssen, damit sie so wird, wie ich sie brauche.

Loslassen heißt dabei für mich nicht, die Verantwortung für mein Leben abzugeben. Es heißt nicht, Warnzeichen zu ignorieren, anderen blind zu folgen oder mir einzureden, dass sowieso alles gut wird. Und es heißt auch nicht, mich selbst loszulassen. Vielleicht ist es genau umgekehrt: Ich bleibe bei mir und lasse die Kontrolle los.

Ich nehme wahr, was ich wahrnehme, und nehme meine Angst ernst, ohne ihr automatisch die Führung zu überlassen. Ich treffe die Entscheidung, die ich mit dem Wissen von heute treffen kann, und höre irgendwann auf, dieselbe Entscheidung noch hundertmal in meinem Kopf zu überprüfen. Ich kann einen Menschen anschauen, wie er mir heute begegnet, ohne bereits zu wissen, wie er sich irgendwann verhalten wird. Und ich kann etwas beginnen, ohne die Garantie zu haben, dass es gelingt.

Das klingt beim Schreiben sehr viel leichter, als es für mich ist. Denn Loslassen berührt genau die Stelle, an der ich keine Garantie mehr habe. Solange ich kontrolliere, habe ich zumindest das Gefühl, noch etwas tun zu können. Wenn ich loslasse, muss ich anerkennen, dass ich nur einen Teil meines Lebens beeinflussen kann.

Vielleicht ist Vertrauen deshalb nicht das Gefühl, dass alles gutgehen wird. Vielleicht ist es die Bereitschaft, nicht alles kontrollieren zu müssen, damit ich leben kann.

Und möglicherweise ist das der Punkt, an dem Selbstvertrauen und Lebensvertrauen sich berühren. Ich lasse nicht los, weil ich weiß, dass mich das Leben auffangen wird. Ich lasse ein Stück weit los, weil ich beginne darauf zu vertrauen, dass ich mir selbst erhalten bleibe, auch wenn das Leben anders kommt, als ich gehofft habe.

Das ist für mich ein wesentlich bescheideneres Vertrauen als „Alles geschieht für dich“. Aber vielleicht ist es gerade deshalb eines, das ich wirklich entwickeln kann.

Ich weiß nicht, ob ich jemals voller Überzeugung sagen werde, dass das Leben es immer gut mit mir meint. Vielleicht werde ich auch weiterhin Momente haben, in denen eine Enttäuschung alte Ängste wachruft und ich mich am liebsten wieder mit beiden Händen an der Kontrolle festhalten möchte. Aber vielleicht muss Vertrauen auch gar kein Zustand sein, den ich irgendwann erreiche und dann für immer besitze.

Vielleicht zeigt es sich viel unspektakulärer: in diesen kleinen Augenblicken, in denen ich bemerke, wie sehr ich gerade versuche festzuhalten, vorauszudenken und abzusichern, und mich frage, ob ich ein kleines bisschen davon lösen kann. Dabei geht es nicht darum, mich selbst, meine Verantwortung oder meine Wahrnehmung loszulassen. Es geht darum, den Anspruch loszulassen, heute schon wissen und kontrollieren zu müssen, wie morgen sein wird.

Vielleicht ist genau das die Form von Vertrauen, nach der ich eigentlich suche: nicht die Gewissheit, dass das Leben immer gut zu mir sein wird, sondern die Möglichkeit, mich auf das Leben einzulassen, obwohl ich diese Gewissheit niemals haben werde. Bei mir zu bleiben, meinen Teil zu tun und gleichzeitig anzuerkennen, dass ein Teil dessen, was kommt, außerhalb meiner Kontrolle liegt.

Vielleicht ist Vertrauen genau das: bei mir zu bleiben und gleichzeitig das Leben ein Stück weit loszulassen.

Du selbst, wer sonst?

Literatur

Benight, C. C., & Bandura, A. (2004). Social cognitive theory of posttraumatic recovery: The role of perceived self-efficacy. Behaviour Research and Therapy, 42(10), 1129–1148. DOI: 10.1016/j.brat.2003.08.008

Bowlby, J. (1973). Attachment and Loss. Vol. 2: Separation: Anxiety and Anger. Basic Books.

Bretherton, I., & Munholland, K. A. (2008). Internal working models in attachment relationships: Elaborating a central construct in attachment theory. In J. Cassidy & P. R. Shaver (Eds.), Handbook of Attachment: Theory, Research, and Clinical Applications (2nd ed., pp. 102–127). Guilford Press.

Joiner, J., Piva, M., Turrin, C., & Chang, S. W. C. (2017). Social learning through prediction error in the brain. npj Science of Learning, 2, 8. DOI: 10.1038/s41539-017-0009-2

Lewicki, R. J., & Brinsfield, C. (2017). Trust repair. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 4, 287–313. DOI: 10.1146/annurev-orgpsych-032516-113147

Mayer, R. C., Davis, J. H., & Schoorman, F. D. (1995). An integrative model of organizational trust. Academy of Management Review, 20(3), 709–734. DOI: 10.5465/AMR.1995.9508080335

Olsson, A., Knapska, E., & Lindström, B. (2020). The neural and computational systems of social learning. Nature Reviews Neuroscience, 21, 197–212. DOI: 10.1038/s41583-020-0276-4

Peter, L., Sitarski, E., Kobel, S., Wendt, J., Herrmann, B., Fegert, J. M., & Köhler-Dauner, F. (2026). Childhood emotional maltreatment and psychosocial functioning in adulthood: Associations with generalized interpersonal trust, life satisfaction, and self-reported psychiatric morbidity in a representative German sample. Child Abuse & Neglect, 177, 108131. DOI: 10.1016/j.chiabu.2026.108131

Wang, Y., Olsson, S., Lipp, O. V., & Ney, L. J. (2024). Renewal in human fear conditioning: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 159, 105606. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2024.105606

Yuan, B., Dong, Y., & Li, W. (2017). The trust repair effect of apology: A systematic review and meta-analysis. Advances in Psychological Science, 25(7), 1103–1113. DOI: 10.3724/SP.J.1042.2017.01103

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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