Im November 2018 saß ich in München in einem Workshop von Pavel Piskarev, dem Begründer der NeuroGraphik, und zeichnete meinen ersten Ahnenbaum. Schon morgens war ich aufgewühlt, mir kamen immer wieder die Tränen, und trotzdem zog ich Linie um Linie, von den Kreisen meiner Urgroßeltern über meine Großeltern und Eltern bis zu mir. Mit jeder Linie wurde es ein bisschen freier.
Dann fiel mir etwas auf. Über meinem Kreis war noch der Kreis meines Sohnes, und meine Linien endeten bei mir. Ich hatte sie nicht weitergezogen. Unbewusst wollte ich die schwere Energie, die ich aus meiner Familie kannte, nicht an mein Kind weitergeben. Damit hatte ich ihn aber auch von der Kraft abgeschnitten, vor allem von der Kraft seiner männlichen Linie. Im Kopf war mir längst klar, dass diese Kraft zu ihm fließen soll. Gezeichnet hatte ich es trotzdem nicht. Dann zog ich die Linien bewusst weiter zu ihm, und es entspannte sich etwas in mir. Davon habe ich damals in Neurographik in der Ahnenarbeit erzählt.
Heute erkenne ich in diesem Moment genau das, worum es in meinen Ahnenkursen fast immer geht. Ich wollte das Schwere aufhalten und habe die Kraft gleich mit aufgehalten.
Wenn der Kontakt zu den Eltern Kraft kostet
Viele Frauen, die zu mir in die Ahnenarbeit kommen, liegen mit ihren Eltern im Clinch. Die Gespräche mit der Mutter oder dem Vater sind schwierig, anstrengend, zehrend. Von dort kommt keine Kraft, im Gegenteil, es zieht enorm Kraft. Mit der Zeit verstehen sie immer mehr, dass in ihrer Kindheit etwas nicht gut gelaufen ist. Manche sagen, sie seien emotional missbraucht worden. Bei anderen ist es weniger greifbar, gerade bei denen, die im Job und überhaupt im Leben gut funktionieren. Sie spüren, dass da etwas war, und wissen nicht genau, was.
Und irgendwann kommt oft dieser Satz: „Aber ich kann meiner Mutter nicht verzeihen.“ Oder dem Vater. Vielleicht kennst du ihn auch, als Gedanken, den du nie laut ausgesprochen hast.
Du musst nicht verzeihen
Meine Antwort darauf ist klar: Du musst deiner Mutter nicht verzeihen. Das ist hier gar nicht die Frage. Vielleicht ist es viel wichtiger, dass du deine Wut ausdrückst.
Verordnetes Verzeihen erlebe ich oft als Abkürzung, die nirgendwo hinführt. Du sagst dir: Ach, alles gut, es ist vorbei. Damit legst du nur eine weitere Schicht über das, was weh tut, sodass du es noch weniger spürst und dich noch mehr anpasst. Der Psychotherapeut John Welwood hat für diese Bewegung den Begriff Spiritual Bypassing geprägt: Spirituelle Ideen und Haltungen werden genutzt, um schmerzhaften Gefühlen und alten Wunden auszuweichen, statt ihnen zu begegnen (Welwood, 1984). Verzeihen ist etwas Wertvolles. Verordnet wird es zum Deckel.
Auf dieser psychologischen Ebene geht es manchmal eher darum, die Wut zuzulassen, den Schmerz zuzulassen und zu spüren, was da ist. Vielleicht auch das kleine Mädchen wahrzunehmen, das damals nicht gesehen wurde, das keine Hilfe bekommen hat und allein gelassen wurde. Es in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen: „Ich stehe jetzt zu dir. Ich bin jetzt die Große, und ich passe auf dich auf.“ Irgendwann wird die Wut vielleicht weniger. Manchmal entsteht dann Verzeihen, manchmal eher Abstand. Auch Abstand kann genug sein.
Die Ebene darunter
Es gibt aber noch eine zweite Ebene, ich nenne sie die biologische. Hier geht es um dein Sein. Wenn sich deine Mutter und dein Vater nicht begegnet wären und dich nicht gezeugt hätten, wärst du nicht auf der Welt. Unabhängig davon, was sie danach getan haben, ist das dein Leben. Du kannst es annehmen oder auch nicht.
Für mich hat das mit Existenzrecht zu tun, mit dem schlichten Umstand, dass du da bist. Diese Kraft des Lebens anzunehmen, ist für mich beides, ein Dürfen und ein Müssen. Das Müssen meine ich biologisch, nicht als Appell: Wenn du sie zurückweist, nimmst du dir selbst die Kraft.
In meinen Kursen sage ich dafür manchmal den Satz: „Ich danke dir für mein Leben, nicht mehr und nicht weniger. Ich nehme es jetzt an, und um alles andere kümmere ich mich selbst.“ Dieses Danke meint das Leben, nicht das, was geschehen ist. Es heißt auch nicht, dass alles, was dir passiert ist, einen Sinn hatte oder gut für dich war. Es bleibt beim Leben selbst.
Ein anderer Satz aus dem Ahnenkurs lautet: „Ich heiße es nicht gut, was ihr gemacht habt. Aber ihr habt das Leben weitergegeben. Wenn es euch nicht gegeben hätte, gäbe es mich nicht.“ Beides steht darin nebeneinander, und keines hebt das andere auf.
Wenn die Ebenen sich vermischen
Schwierig wird es, wenn beide Ebenen ineinanderrutschen. Dann heißt es: „Ich kann meinem Vater nicht verzeihen, deshalb nehme ich seine Kraft nicht.“ Das finde ich fatal. Auf der psychologischen Ebene ist der Satz verständlich. Auf der Ebene darunter schneidest du dich damit von deiner eigenen Kraft ab. Ein Teil deines Selbstgefühls ist dann nicht greifbar, irgendetwas hältst du zurück. Und wenn du Kinder hast, kannst du ihnen diese Kraft auch nicht weitergeben. Dann fehlt im System immer etwas.
Genau das habe ich 2018 an meinem eigenen Ahnenbaum gesehen. Ich wollte meinem Sohn das Schwere ersparen und hätte ihm dabei die Kraft vorenthalten.
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit Menschen, schamanisch und mit Ahnen, und ich habe oft erlebt, dass die Kraft von Mutter und Vater nicht angenommen werden kann. Es bleibt auf der psychologischen Ebene hängen, immer wieder. Und vor allem kann die Liebe nicht gespürt werden.
Was sich auf dem Papier zeigt
In der Zeichnung wird dieser Clinch oft sichtbar, auch wenn du ihn im Körper gar nicht bemerkst. Manche Kreise, die für einen Menschen stehen, werden erst einmal ausgelassen. Um sie herum sind weniger Linien, etwas ist nicht angebunden, es stockt. Oder es ist ganz deutlich: Zu diesem Kreis mag ich jetzt keine Linien ziehen. Im Körper ist an solchen Stellen manchmal gar nichts zu spüren, als wäre es ausgeblendet. Manchmal zieht sich etwas zusammen, ein Gefühl von: Da stimmt was nicht. Und oft zeigt es sich überhaupt nur auf dem Papier.
Deshalb arbeite ich in der Ahnenarbeit so gern mit der NeuroGraphik. Ich habe lange mit Aufstellungen gearbeitet. In der Zeichnung tust du aber selbst etwas. Du musst nicht mit dem anfangen, was eine Stellvertreterin sagt, mit dem du vielleicht gar nichts anfangen kannst. Was auf dem Blatt entsteht, kommt aus dir, und das kannst du meist gut annehmen. Gerade in der Ahnenarbeit halte ich die Zeichnungen den Aufstellungen fast für überlegen. Du kannst sagen, das sei Zufall. Wenn sich aber beim zweiten Mal wieder etwas Ähnliches zeigt, ist es kaum noch Zufall. Wie sich ein Thema von Zeichnung zu Zeichnung wiederholen kann, beschreibt eine Teilnehmerin in ihrem Erfahrungsbericht aus AhnenKraft.
Auf dem Papier kannst du außerdem etwas tun, was im Kopf oft nicht gelingt: eine Linie zu einem Kreis ziehen, obwohl du wütend bist. Die Wut muss dafür nicht weg sein. Die Linie verbindet trotzdem.
Wenn du gerade in einer Therapie intensiv an diesen Themen arbeitest, würde ich keine weitere Kiste aufmachen. Und wenn du eigentlich keine Lust hast, dich mit deinen Ahnen zu beschäftigen, und nur denkst, vielleicht sollte ich mal, ist es nicht der richtige Moment. Eine solche Zeichnung braucht Zeit, etwa zwei Stunden, und die Bereitschaft, dich darauf einzulassen.
Zwischen Samhain und Weihnachten
Samhain ist gerade vorbei, und damit beginnt für mich die Ahnenzeit. Ich zeichne meine Ahnen einmal im Jahr mit einer Gruppe, zwischen Samhain und Weihnachten. Aus schamanischer Sicht hat das einen Grund: Wenn die Ahnen merken, dass wir sehr viel tun, kommen sie dauernd. Seit ich die Ahnenarbeit auf diese Wochen lege, ist viel Ruhe in mein Ahnensystem eingekehrt, so nehme ich es jedenfalls wahr.
Manchmal reichen AhnenBaum und AhnenMandala nicht. Wenn die Liebe von Mutter oder Vater nie zu spüren war, hilft es wenig, genau dort weiterzusuchen. Dafür habe ich aus meiner schamanischen Einzelarbeit das Modell UrKraft entwickelt. Es arbeitet mit einer mütterlichen und einer väterlichen Kraft, die älter ist als jede einzelne Familiengeschichte.
AhnenKraft beginnt am Montag, 16. November. An drei Abenden zeichnen wir AhnenBaum, AhnenMandala und UrKraft.
Du darfst wütend sein, enttäuscht, unversöhnt, vielleicht bleibt das auch so. Dein Leben anzunehmen hängt davon nicht ab. Manches kannst du auch einfach stehen lassen und mit deiner Kraft weitergehen.
Du selbst, wer sonst?
Literatur
Welwood, J. (1984). Principles of inner work: Psychological and spiritual. Journal of Transpersonal Psychology, 16(1), 63–73.
Dr. Doris Bürgel
Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.
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