März 16

Ich zeichne meine Wut (weg)! Neurographische Zeichnungen eines 9-jährigen Kindes

NeuroGraphik®

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In diesem Artikel beschreibe ich, wie die Neurographik zur Problemlösung auch bei einem 9-jährigen Kind sehr gut und sinnvoll eingesetzt werden kann. Mein Sohn zeichnet seine Wut.

Mein Sohn hatte immer wieder Wutanfälle, die ihn komplett vereinnahmten. Es war sehr schwer für ihn, da wieder herauszukommen. Er fühlte sich diesen Emotionen oft hilflos ausgeliefert.

Aus meiner Sicht drückte er die Wut immer so gut es ging weg, er wurde dann ganz starr. Jede Aufforderung zu atmen und diese unangenehmen Gefühle einfach zuzulassen und durch den Körper fließen zu lassen, konnte er nicht annehmen und umsetzen.

Die Neurographik hat meinen Sohn von Anfang an ebenso fasziniert wie mich und er hat im letzten Jahr immer wieder mit mir gezeichnet.

Eines Tages fragte er mich, ob wir zusammen zeichnen können. Ich sagte sofort: “Ja, natürlich!” Er meinte: “Mama, aber ich weiß kein Thema! Zu was soll ich denn zeichnen?” Ich habe ihm seine Wut vorgeschlagen und er antwortete: “Ja, das ist gut, das mache ich.”

Die Entladung von Einschränkungen - ein Modell in der Neurographik

Zur Auflösung von Einschränkungen zeichnen wir in der Neurographik eine Entladung. Dazu nahm mein Sohn Kontakt zu seiner Wut auf, spürte sie und entlud sie mit dem Stift auf dem Papier. Das Vorgehen kannte er. Er hatte das schon etliche Male gemacht, aber bisher nicht zu so einem so tiefen Thema.

Ein tiefer Prozess voller Wut und Zorn

Was dann kam, war ein sehr intensiver Prozess:

Er zeichnete weiter und bekam immer wieder Wein- und Wutanfälle, weil das Bild nicht so gelingen wollte, wie er es sich vorgestellt hatte. Dann wollte er zunächst nicht mehr weiterzeichnen. Ich konnte ihn aber dann doch dazu motivieren es fertig zu machen.

Körperlich hatte er Schmerzen im Genick, was ich sonst überhaupt nicht von ihm kannte. Er sitzt oft am Schreibtisch und schreibt oder zeichnet, ohne jegliche Beschwerden. Das Abrunden, eine Technik der Neurographik, war ihm zu viel und gelang auch nicht so, wie er es wollte. Auch das war ungewöhnlich für meinen Sohn. Die Stifte passten nicht. Es passte nichts. Dann nahm er Farben, zeichnete Feldlinien und war immer noch total betrübt. Auch als das Bild fertig war, fand er es immer noch scheußlich und war weiterhin total frustriert und geknickt. Er blieb in diesem Zustand der Wut und Frustration.

So schön ist die Wut im Bild meines Sohnes!

Meine Einschätzung des Bildes wich komplett von der meines Sohnes ab

Ganz im Gegensatz zu meinem Sohn fand ich das Bild total gelungen. Für mich war es sehr ausdrucksstark. Ich hielt mich mit Aussagen zurück, weil sie im Moment eh nicht bei ihm landen konnten und beschloss schweren Herzens, das erst einmal so stehen zu lassen. Allerdings sah ich in diesem Moment auch die Stärke und Kraft in seiner Wut und war bereit, das jetzt so auszuhalten.

Ehrlich gesagt dachte ich, dass dieser intensive Zustand aufhören oder zumindest deutlich besser werden sollte, wenn das Bild fertig ist und alle Schritte des Algorithmus ausgeführt sind. Er hatte alle Schritte gezeichnet, aber es führte nicht zu einer Verbesserung.

Ein neuer Blick am nächsten Tag

Am nächsten Morgen sah er sein Bild und sein Gesicht fing irgendwie von innen heraus ein bisschen zu strahlen an. Plötzlich gefiel es ihm viel viel besser.

Er entdeckte in diesem Bild nun auch den wunderschönen Kopf, der von einem pflanzenfressenden Dinosaurier mit einem langen Hals sein könnte und die freundliche und friedliche Ausstrahlung. Als er das erkannte, lächelte er auf einmal.

Der Fluss im Bild ist unverkennbar

Ich sagte zu ihm: "Schau, hast Du schon diesen schönen Fluss entdeckt auf Deinem Bild? Den Fluss von links unten durch die Bildmitte nach rechts oben? Schau, wie schön die Energie der Wut da durch das Bild fließt.”Er hatte die Wut-Energie so wunderbar zum Fließen gebracht in seinem Bild und in diesem Fluss einen orangen Kreis und einen Teil einer gelben Ellipse gezeichnet. Das sind die strahlendsten und leuchtendsten Farben in der gesamten Zeichnung.  

Die Energie, so unangenehm sie sich auch anfühlen mag, möchte fließen. Das ist eine riesige Kraft, die ein 9-jähriges Kind auch ängstigen kann. Deshalb drückt er sie weg. Aber auf jeden Fall birgt die Wut viele Geschenke und Möglichkeiten, die er ganz klar in strahlenden Farben in sein Bild gezeichnet hat. Alles das hat unbewusst Raum in diesem Bild bekommen.

Hier wird sehr schön deutlich, dass beim neurographischen Zeichnen nicht nur der Verstand arbeitet, sondern etwas viel tieferes zum Zuge kommt und so die tatsächliche Dynamik auf dem Papier erscheint.

Nicht aufgeben - ein zweites Bild zum Thema Wut

Noch an diesem Tag zeichnete mein Sohn ein zweites Bild. Die Entladung fiel diesmal deutlich kürzer und mit weniger Energie aus. Auch bei diesem zweiten Bild zur Wut bekam er noch Genickschmerzen, die aber mit dem Zeichnen der Farbe wieder verschwanden. Plötzlich sagte er: “Mama, ich sehe hier eine wunderschöne Spirale!” Er zeichnete sie und zeichnete so unbewusst das riesige Potential, das in seiner Wut und seiner fließenden Kraft steckt.

Das Potential der Wut in der Zeichnung eines 9-jährigen Kindes

Dieses zweite Wut-Bild gefiel ihm sofort. Die Kraft in diesem Bild konnte er sofort selbst wahrnehmen und spüren. Der Energiefluss durch das Bild ist immer noch sehr ähnlich dem des ersten Bildes, nur die Potentiale in diesem Bild sind “ausgepackt” und erstrahlen über das gesamte Blatt.

Mein Sohn ist sehr stolz auf dieses Bild. Er hat mir direkt erlaubt, seine beiden Arbeiten zu zeigen und darüber zu schreiben.

Veränderung der Wut im realen Leben

Das Ganze ist nun etwa zwei Wochen her. Mein Sohn hat immer noch Wutanfälle, aber er kann die Wut viel mehr fließen lassen. Er kann atmen und die Energie durch seinen Körper lassen. Das Ganze geht viel schneller vorbei und er fühlt sich nicht mehr so ausgeliefert. Er kann dies jetzt deutlich besser steuern, denn er hat in seinen Bildern erkannt, dass es um das “Fließen lassen” geht und um das Zulassen dessen, was da kommt.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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