Eine persönliche Erfahrung mit Nervensystemarbeit
In meinem Blog-Artikel Warum Gefühle bleiben – die neurobiologische Realität hinter der 90-Sekunden-Regel habe ich beschrieben, warum emotionale Zustände neurobiologisch gesehen nicht einfach verschwinden, wenn die erste körperliche Reaktion abklingt. Was das Gehirn danach leistet – fortlaufendes Einordnen, Prüfen, Bedeutung bilden – hält Aktivierung am Leben, solange eine Situation als ungeklärt gilt. Dieser Artikel geht von einer anderen Seite an dasselbe Thema heran: Was passiert, wenn eine Methode zwar Aktivierung ermöglicht, aber genau diese Neuordnung der inneren Bedeutung nicht eintritt?
Ich habe über einen langen Zeitraum intensiv mit Nervensystemarbeit gearbeitet, insbesondere mit einem Ansatz, der stark auf Spüren und Erlauben ausgerichtet ist. Es ging darum, mich hinzusetzen, meinen Körper wahrzunehmen, Empfindungen bewusst zuzulassen und das, was sich zeigt, anzunehmen, ohne direkt einzugreifen oder etwas verändern zu wollen. Diese Arbeit verlief ruhig, achtsam und konsequent nach innen gerichtet.
Und ja: Dabei hat sich immer etwas bewegt. Meine inneren Zustände wurden feiner unterscheidbar, meine Empfindungen differenzierter, meine Intuition klarer und verlässlicher. Ich nehme meinen Körper heute deutlich klarer wahr als früher. Ich spüre kleine innere Verschiebungen früh und erkenne Signale, bevor sie laut werden. Diese Sensibilität ist geblieben. Sie ist wertvoll. Sie ist eine direkte Folge dieser Arbeit.
Und dennoch hat mir diese Form der Nervensystemarbeit auf Dauer keine stabile innere Neuordnung ermöglicht. Das eine folgt offensichtlich nicht zwingend aus dem anderen.
Raus aus dem Rückzug, aber wohin?
Mit dem Wissen von heute kann ich einordnen, was damals tatsächlich geschehen ist. Ich war zu Beginn dieser Arbeit in einem Zustand, den Porges (2011) als dorsale Vagus-Dominanz beschreibt: Rückzug, Abflachung, ein inneres Abschalten. Kein akutes Drama. Eher eine Art Dämpfung, in der das System kaum mehr wirklich Kontakt hat, weder mit der Außenwelt noch mit sich selbst.
Deb Dana (2018) hat das Modell von Porges in ein klinisch anschauliches Bild übersetzt: die Polyvagale Leiter. Sie beschreibt drei Zustände, die hierarchisch aufeinander aufgebaut sind. Oben das Ventrale: Sicherheit, Verbindung, Offenheit. In der Mitte der Sympathikus: Aktivierung, Kampf und Flucht. Unten der Dorsale: Shutdown, Erstarrung, Rückzug. Die neurobiologische Einordnung dieser Zustände wird in der Forschung noch differenziert diskutiert; als Beschreibung von Erlebenszuständen sind sie treffend. Und eine Eigenschaft dieser Leiter ist entscheidend: Man kann sie nur Sprosse für Sprosse hinaufsteigen. Wer im Dorsalen ist, kommt nicht direkt ins Ventrale. Der Weg führt zwingend durch den Sympathikus.
Die Nervensystemarbeit hat mich auf dieser Leiter nach oben bewegt. Und das ist genau das, wofür sie konzipiert ist. In diesem Sinne war es ein Erfolg. Aus der Dämpfung heraus, in die Aktivierung hinein. Das System kam wieder online: Es begann zu registrieren, zu differenzieren, präsenter zu sein. Ich fühlte mehr, nahm mehr wahr, war wieder zugänglicher für das, was in mir vorging.
Die Frage ist, was dann passiert.
Das Ziel wäre der nächste Schritt gewesen: vom Sympathikus weiter nach oben, in den ventralen Zustand. Dorthin, wo das System nicht mehr scannt und sucht, sondern sich orientiert hat. Dieser Schritt ist ausgeblieben. Mein System blieb im Sympathikus – wach, aktiviert, präsent, aber ohne neue Einordnung, die ihm hätte zeigen können, dass die alte Erwartung nicht mehr gilt. Es suchte weiter. Es fand keine neue Antwort.
Ein Nervensystem, das zu lang in sympathischer Aktivierung bleibt ohne Auflösung zu finden, erschöpft seine Ressourcen. Und dann geschieht etwas, das ich erst rückblickend benennen kann: Es gleitet zurück. Die schleichende Erschöpfung, die ich beschrieben habe, war kein Stillstand im Sympathikus. Sie war der Beginn des Rückwegs in den Dorsalen. Das System, das nicht nach oben gelangen konnte, glitt nach unten ab.
Was Koregulation kann und was sie strukturell nicht leisten kann
Diese Arbeit fand über mehr als ein Jahr hinweg in einem konstanten und verlässlichen Rahmen statt. Wöchentliche Begegnungen, klare Struktur, eine Person, die verlässlich präsent war. Da ist neurobiologisch etwas Reales passiert. Koregulation ist kein weiches Konzept: Das Nervensystem eines Menschen kann sich an einem ruhigen, präsenten System orientieren, sich daran anlehnen und über diese Anlehnung spüren lernen, wie sich Regulation anfühlt – wenn es das aus sich heraus gerade nicht kann. So lernen Kinder Regulation, wenn ein Erwachsener da war, der sich selbst regulieren konnte. Wie weit das reicht, hängt dabei wesentlich davon ab, wie reguliert die begleitende Person tatsächlich ist – wie verlässlich sie selbst in ihrem eigenen Nervensystem zuhause ist. Was dabei im eigenen System geschieht, ist neurobiologisch real. Ein reguliertes Nervensystem in der Nähe beeinflusst das eigene, über Signale, die noch unterhalb der bewussten Wahrnehmung liegen: Stimme, Atemrhythmus, Körperhaltung, Präsenz. Es reduziert Isolation, die selbst dysregulierend wirkt. Endet der Kontakt, endet oft auch die Regulation. Das eigene System hat erlebt, wie es sich anfühlt. Aber es weiß noch nicht, wie es selbst dorthin findet.
Und trotzdem sehe ich heute, dass Koregulation allein nicht ausgereicht hat, um mein System in eine neue innere Ordnung zu führen. Im Kontakt gab es Erleichterung. Manchmal deutliche. Aber sobald ich diesen Kontakt verließ, ordnete das Gehirn wieder so ein wie zuvor.
Das liegt nicht an mangelnder Qualität der Beziehung. Es liegt an etwas Strukturellem.
Beziehung kann Erleichterung herstellen. Sie kann das Nervensystem aus Isolation herausführen. Was sie von sich aus nicht erzeugt, ist ein sogenannter Prediction Error: jener Moment, in dem das Gehirn etwas erwartet und stattdessen etwas anderes erlebt. Ecker, Ticic und Hulley (2012) haben das in ihrer Arbeit zur Gedächtnisrekonsolidierung präzise beschrieben. Eine bestehende emotionale Erinnerung muss aktiviert werden, und gleichzeitig muss eine Erfahrung eintreten, die dem widerspricht, was das System in diesem Moment erwartet. Beides muss zusammentreffen. Genau dieser Moment ist es, in dem alte Einordnungen beweglich werden.
In einer verlässlich sicheren, präsenten Beziehung erlebt das Gehirn Erleichterung, aber selten echten Widerspruch zu seinen tiefsten Erwartungen. Die Sicherheit der Beziehung ist genau das, was Koregulation möglich macht und gleichzeitig das, was ihr Grenzen setzt, wenn es um frühe, tief verankerte Prägungen geht. Das System entspannt sich im Kontakt. Aber seine inneren Vorhersagen, das, womit es in der nächsten Situation wieder rechnet, bleiben unangetastet.
Etwas Ähnliches gilt für das Spüren selbst. Je feiner das System wahrnahm, desto genauer registrierte es auch das Vertraute: die gewohnten Reaktionen, die bekannten Empfindungen, die alten Muster. Spüren bringt Material ins Bewusstsein. Es aktiviert. Aber es übersetzt Aktivierung nicht automatisch in neue Bedeutung. Ein System, das immer feiner wahrnimmt, kann dabei auch immer präziser dasselbe einordnen wie bisher. Das Gehirn scannt, findet das Bekannte, bestätigt seine alten Vorhersagen. Die Wahrnehmung wird schärfer, die innere Erwartung bleibt dieselbe.
Das ist keine Kritik am Spüren. Es ist eine Grenze dessen, was Spüren allein bewirken kann.
MAP und ventrale Neuorganisation
Der Wendepunkt kam für mich mit MAP. Auch dort spielt der Körper eine zentrale Rolle, aber anders. Nicht als Ort des Aushaltens und Beobachtens, sondern als der Ort, an dem Veränderung direkt wahrnehmbar wird.
Im MAP-Prozess wird das alte Muster aktiviert, und im selben Moment entsteht eine Erfahrung, die dem bisherigen inneren Bild widerspricht. Das Gehirn erwartet etwas, und diese Erwartung trifft nicht ein. Dieser Prediction Error ist kein kognitives Ereignis. Er wird im Körper gespürt: als Verschiebung, als Erleichterung, manchmal als stilles Erstaunen darüber, dass etwas, das sich gerade noch schwer angefühlt hat, plötzlich nicht mehr auf dieselbe Weise zugänglich ist. Situationen, die bisher emotional aufgeladen waren, verlieren diese Ladung. Erinnerungen, die früher mit einem bestimmten Gefühl verbunden waren, lassen sich oft gar nicht mehr in derselben emotionalen Qualität abrufen. Diese veränderte Einordnung ist explizit wahrnehmbar – keine Vermutung, keine Interpretation.
Und sie bleibt. Das ist das, was mich in meiner eigenen Erfahrung mit MAP am nachhaltigsten beeindruckt hat: Ich habe noch nie erlebt, dass sich etwas Konkretes verändert hat und diese Veränderung nicht stabil geblieben ist. Das System muss nicht mehr scannen, nicht mehr wach bleiben für etwas, das nicht mehr da ist.
Das ist der Unterschied zwischen einem Nervensystem, das im Kontakt Erleichterung findet, und einem, das sich strukturell neu ausgerichtet hat.
Ich habe lange geglaubt, ich müsste einfach noch geduldiger sein, noch feiner spüren, noch mehr dabeibleiben. Heute sehe ich das anders. Mein System hatte nicht zu wenig Aufmerksamkeit. Es hatte zu wenig neue Erfahrung.
In meiner Arbeit ist Neuordnung deshalb heute keine Nebensache. Sie ist der Unterschied zwischen innerer Bewegung und wirklicher Veränderung.
Wie das neurobiologisch funktioniert und warum MAP genau das ermöglicht hat, was diese Form der Nervensystemarbeit nicht leisten konnte, beschreibe ich im Artikel MAP und die neurobiologische Grundlage von Heilung.
Literatur
Barrett, L. F. (2017). How emotions are made: The secret life of the brain. Houghton Mifflin Harcourt.
Dana, D. (2018). The polyvagal theory in therapy: Engaging the rhythm of regulation. W. W. Norton.
Ecker, B., Ticic, R., & Hulley, L. (2012). Unlocking the emotional brain: Eliminating symptoms at their roots using memory reconsolidation. Routledge.
Friston, K. (2010). The free-energy principle: A unified brain theory? Nature Reviews Neuroscience, 11(2), 127–138.
Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.
van der Kolk, B. (2014). The body keeps the score. Viking.