Vor Kurzem waren mein Mann und ich mehrere Tage mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei ist mir etwas wieder sehr deutlich aufgefallen, das mich schon viele Jahre beschäftigt.
Eines der Dinge, die mir wirklich Sicherheit geben und mir das Gefühl vermitteln, sicher zu sein, ist eine warme Jacke im Gepäck. Das Wetter war gut vorhergesagt, die warme Jacke also unnötiger Ballast, aber es ist einfach ein kuscheliger Sicherheitsfaktor, eine warme Jacke mitzunehmen. Ich habe mich entschieden, sie trotzdem zu Hause zu lassen. Meine Powerbank, damit mein Handy immer funktioniert, ist ein weiteres Tool, das mir Sicherheit gibt. Mein Mann sagte: „Wir können das Handy jeden Abend aufladen. Du brauchst keine Powerbank." Rational hatte er völlig recht. Trotzdem fühlte es sich nicht gut an. Am Ende blieb die Powerbank wegen ihres Gewichts ebenfalls zu Hause.
Natürlich ist das keine neue Erkenntnis. Ich beobachte seit vielen Jahren, wie sehr wir Menschen uns an äußeren Dingen orientieren. Und ich beobachte das auch bei mir selbst. Trotzdem wurde es auf dieser Fahrradtour wieder besonders deutlich.
Während wir unterwegs waren, habe ich immer wieder bemerkt, wie meine Gedanken zu diesen Dingen gingen. Zur Jacke. Zur Powerbank. Zu allem, was mir normalerweise das Gefühl gibt, vorbereitet zu sein. Und genau dadurch wurde mir etwas wieder sehr bewusst, das ich schon lange kenne.
Es ging nämlich gar nicht um die Jacke. Und auch nicht um die Powerbank. Beides stand stellvertretend für etwas anderes. Für die Frage, woran ich mich orientiere, wenn es um Sicherheit geht.
Denn dieselbe Bewegung kenne ich nicht nur von Gegenständen. Ich kenne sie auch aus Begegnungen mit Menschen. Ich komme in einen Raum und nehme sofort wahr, wie die Stimmung ist. Ich registriere Mimik, Tonfall und Körpersprache. Ich bemerke, ob jemand freundlich wirkt, angespannt ist oder vielleicht mit seinen Gedanken ganz woanders ist. Mein Blick geht nach außen. Dort suche ich nach Informationen darüber, ob alles in Ordnung ist, ob ich mich entspannen kann und ob die Situation sicher ist.
Und genau das brachte mich auf der Fahrradtour wieder zu einer Frage, die mich schon lange begleitet: Was geschieht eigentlich, wenn Sicherheit vor allem im Außen gesucht wird? Und was verändert sich, wenn die Orientierung wieder mehr von innen kommt?
Was das Nervensystem dabei tut
Porges (2011) hat mit der Polyvagaltheorie beschrieben, wie das Nervensystem ununterbrochen die Umgebung auf Sicherheit hin bewertet – einen Prozess, den er Neurozeption nennt. Das geschieht schneller als Gedanken, unterhalb der Bewusstseinsgrenze, und es ist keine Fehlfunktion. Es ist biologische Grundausstattung. Was diese Grundausstattung neurobiologisch im Detail bedeutet, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben.
Was sich jedoch in frühen Erfahrungen ausbildet, ist die Richtung dieser Suche. Ob jemand lernt, sich primär am eigenen Inneren zu orientieren oder primär am Außen, hängt wesentlich damit zusammen, wie verlässlich das eigene Erleben früh gespiegelt wurde. Wenn innere Zustände, Bedürfnisse und Reaktionen eines Kindes zuverlässig gesehen und beantwortet wurden, entsteht eine innere Referenz: ein Gefühl dafür, was von innen kommt und was davon verlässlich ist (Schore, 2012; Siegel, 2012).
Wenn diese Spiegelung ausblieb oder unberechenbar war, zieht das Nervensystem eine sehr präzise Konsequenz: Die verlässlichere Information liegt im Außen. Schau nach außen, lies die Signale, orientiere dich dort. Das war in diesem Kontext keine falsche Schlussfolgerung, sondern die passende Antwort auf eine Umgebung, die es so verlangte.
Die Fähigkeit, innere Zustände wahrzunehmen und ihnen zu vertrauen, entwickelt sich dabei nicht isoliert. Sie entsteht in Beziehung und wird durch wiederholte Erfahrungen geformt, in denen das eigene Erleben wahrgenommen, gespiegelt und ernst genommen wird (Stern, 1985). Auch die Wahrnehmung dessen, was im eigenen Körper geschieht, ist eng mit diesen frühen Beziehungserfahrungen verbunden (Rifkin-Graboi et al., 2015).
Das Muster läuft weiter, auch wenn die Umgebung längst eine andere ist. Wie solche frühen Prägungen im Nervensystem weiterleben und was das für Heilung bedeutet, beschreibe ich ausführlicher in Trauma verstehen.
Wenn Sicherheit im Außen gesucht wird
Während das Nervensystem im Außen sucht, bleibt der Kontakt zum eigenen Inneren ungeübt. Innere Wahrnehmung ist dabei nicht grundsätzlich weg, aber sie wird so selten gefragt, dass ihr Zugang unscharf wird. Was ich wirklich will, was ich brauche, was sich für mich stimmig anfühlt: Fragen, die sich manchmal überraschend schwer beantworten lassen, obwohl sie so nah klingen.
Diese Form der Aufmerksamkeit ist dabei nicht einfach ein Problem. Viele Menschen, die sich stark am Außen orientieren, entwickeln ein feines Gespür für andere. Sie nehmen Stimmungen wahr, erkennen Zwischentöne und bemerken Dinge, die anderen entgehen. Das kann eine große soziale Kompetenz sein und in vielen Situationen sehr hilfreich.
Und doch hat sie ihren Preis. Aufmerksamkeit ist keine unerschöpfliche Ressource. Wenn sie ständig damit beschäftigt ist, die Umgebung zu beobachten, Stimmungen wahrzunehmen, Gesichter zu lesen und einzuschätzen, was bei anderen gerade los ist, dann bleibt oft wenig übrig für das eigene Erleben.
Vielleicht nehme ich sehr genau wahr, dass jemand angespannt ist, bemerke aber nicht, dass ich selbst erschöpft bin. Vielleicht spüre ich sofort, wenn sich die Stimmung in einem Raum verändert, habe aber keinen Zugang dazu, dass mich gerade etwas verletzt oder ärgert. Vielleicht weiß ich genau, was andere brauchen, und kann gleichzeitig nur schwer beantworten, was ich selbst brauche.
Schwierig wird es erst dann, wenn die Aufmerksamkeit fast ausschließlich nach außen geht und diese Fähigkeit keinen gleichwertigen Gegenpol im eigenen Inneren hat. Warum solche inneren Muster sich so hartnäckig halten, auch wenn wir sie längst erkannt haben, beschreibe ich in diesem Artikel.
Wenn Sicherheit von außen kommen muss
Mit der Zeit wird das Außen nicht nur zu einer wichtigen Informationsquelle. Es wird auch zum Maßstab dafür, was richtig, passend oder sicher ist. Die Reaktionen anderer Menschen bekommen mehr Gewicht. Die Stimmung im Raum wird wichtiger als das eigene Empfinden. Und auch äußere Absicherungen gewinnen an Bedeutung. Die warme Jacke im Gepäck, die Powerbank in der Fahrradtasche, der Plan B für alle Fälle.
Nicht weil diese Dinge an sich so wichtig wären. Sondern weil sie für etwas stehen, wonach wir uns sehnen: das Gefühl, vorbereitet, abgesichert und sicher zu sein.
Die eigentliche Frage lautet dann oft nicht, ob ich die Jacke oder die Powerbank wirklich brauche. Die eigentliche Frage ist, warum sie sich so wichtig anfühlen. Und warum das Gefühl von Sicherheit so eng an etwas geknüpft ist, das außerhalb von uns liegt.
Das Problem ist dabei nicht die Orientierung im Außen. Natürlich sind andere Menschen, unsere Umgebung und auch ganz praktische Hilfsmittel wichtige Informationsquellen. Unser Nervensystem ist dafür gemacht, sie wahrzunehmen. Das Problem entsteht erst dann, wenn das Außen zur einzigen Instanz wird, an der wir uns orientieren.
Dann hängt das Gefühl von Sicherheit zunehmend davon ab, was draußen geschieht. Von der Reaktion anderer Menschen, von den Umständen oder von den Absicherungen, die wir geschaffen haben. Innere Ruhe wird dadurch fragil, weil sie immer wieder bestätigt werden muss. Und genau darin liegt die eigentliche Abhängigkeit: nicht in der Jacke, nicht in der Powerbank und auch nicht in den Menschen um uns herum. Sondern darin, dass Sicherheit nur dann spürbar wird, wenn etwas außerhalb von uns sie bestätigt.
Was innere Sicherheit verändert
Innere Sicherheit bedeutet weder Abstand von anderen noch das Ausblenden dessen, was draußen geschieht. Kontakt, Resonanz, das Gefühl, wirklich gesehen zu werden, das sind echte menschliche Bedürfnisse, die nicht verschwinden, wenn man innerlich stabiler wird.
Was sich verändert, ist der Ausgangspunkt. Innere Sicherheit heißt: Es gibt eine eigene Referenz, einen inneren Ort, von dem aus ich wahrnehme und mich bewege. Das Außen verliert dabei nicht seine Bedeutung, aber es hört auf, die einzige Quelle zu sein, aus der Ruhe entstehen kann. Wenn ich in mir geerdet bin, verändert sich meine Haltung. Was ich ausstrahle, verändert sich. Und damit verändert sich oft auch, was zurückkommt.
Das ist kein Trick und keine Technik. Es ist das Ergebnis eines Prozesses, in dem das Nervensystem eine neue Erfahrung macht: dass Sicherheit nicht davon abhängt, ob das Außen stimmt. Dass sie zunehmend aus einer Beziehung zu mir selbst entstehen kann, solange ich den Kontakt zu mir selbst nicht verliere.
Eine besondere Zuspitzung dieser Außenorientierung entsteht in Momenten des Widerspruchs. Warum Dissens für viele Menschen weit mehr ist als eine sachliche Differenz, und was neurobiologisch in solchen Momenten passiert, beschreibe ich im nächsten Artikel dieser Reihe.
Du selbst, wer sonst?
Literatur
Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.
Rifkin-Graboi, A., Goh, S. K. Y., Bai, J., Chen, H., Bakermans-Kranenburg, M. J., van IJzendoorn, M. H., & Meaney, M. J. (2015). Attachment security is associated with the neural processing of interoceptive stimuli. Neuroscience, 286, 333–338.
Schore, A. N. (2012). The science of the art of psychotherapy. Norton.
Siegel, D. J. (2012). The developing mind (2nd ed.). Guilford Press.
Stern, D. N. (1985). The interpersonal world of the infant: A view from psychoanalysis and developmental psychology. Basic Books.