Juli 21

Wenn du andere besser kennst als dich selbst

Du selbst, wer sonst?, Nervensystem & Neurobiologie

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Ich komme in einen Raum und nehme sofort wahr, wie die Stimmung ist. Ich schaue in Gesichter, höre auf Stimmen und registriere oft innerhalb weniger Sekunden, ob Menschen entspannt wirken, angespannt sind oder mit ihren Gedanken ganz woanders. Wenn mir jemand freundlich begegnet, entspannt sich etwas in mir. Wenn ein Gesicht verschlossen wirkt oder eine Reaktion ausbleibt, werde ich aufmerksamer.

Lange hielt ich das einfach für Aufmerksamkeit, für Einfühlungsvermögen, für die Fähigkeit, Menschen gut wahrzunehmen. Und natürlich gehört das auch dazu.

Doch irgendwann begann ich zu verstehen, dass noch etwas anderes dahinterliegt. Während meine Aufmerksamkeit oft bei anderen Menschen ist, ist sie erstaunlich selten bei mir selbst. Ich weiß oft sehr genau, wie die Stimmung in einem Raum ist. Ich bemerke kleinste Veränderungen bei anderen. Aber die Frage, was eigentlich gerade in mir selbst vorgeht, stelle ich mir viel seltener.

Heute sage ich: Mein Nervensystem ist vor allem im Außen orientiert. Dort sucht es nach Informationen. Dort sucht es nach Hinweisen, ob alles in Ordnung ist. Dort sucht es nach Sicherheit.

Und je länger ich mich mit Bindung, Trauma und menschlicher Entwicklung beschäftige, desto mehr glaube ich, dass ich damit nicht allein bin.

Wenn andere klarer sind als du selbst

Viele Menschen wissen sehr genau, wie es den Menschen um sie herum geht. Vielleicht spürst du auch, wenn jemand traurig ist, genervt, enttäuscht oder angespannt. Gleichzeitig fällt es dir schwer zu beantworten, wie es dir selbst gerade geht. Du merkst sofort, was andere brauchen. Doch wenn ich dich frage, was du selbst brauchst, entsteht vielleicht eine Pause, nicht aus Unwissenheit, sondern weil du dir angewöhnt hast, dort gar nicht mehr nachzuschauen. Genau diese Pause und die Frage dahinter beschreibe ich noch einmal ganz alltagsnah in Die To-Du-Liste.

Das ist kein Zufall und kein Charaktermerkmal. Es ist gelernt.

Wie diese Verschiebung entsteht

Bowlby (1969) hat gezeigt, dass Bindung kein Komfortbedürfnis ist, sondern ein biologisches Überlebenssystem. Das Kind braucht eine verlässliche Bezugsperson nicht als Annehmlichkeit, sondern als Grundlage, von der aus es die Welt überhaupt erkunden kann. Wenn diese Bezugsperson zuverlässig verfügbar ist, entsteht das, was Bowlby sichere Basis nennt: ein inneres Gefühl von Gehalten sein, das dem Kind erlaubt, sich zu orientieren, zu erforschen und schließlich auch sich selbst wahrzunehmen.

Wenn diese Basis fehlt oder unberechenbar ist, verändert sich die gesamte Richtung der eigenen Aufmerksamkeit. Das Kind kann sich nicht auf das eigene Innere konzentrieren, weil es seine Energie darauf verwenden muss, die Bezugsperson zu lesen: Ist sie verfügbar? Ist sie wohlgesonnen? Was muss ich jetzt tun, damit die Verbindung nicht abbricht? Bowlby nannte diese inneren Erwartungsmuster "interne Arbeitsmodelle". Sie bilden sich früh und prägen, wie jemand Beziehungen, Sicherheit und sich selbst erlebt.

Besonders tiefgreifend ist das, was in der Bindungsforschung als Bindungstrauma beschrieben wird: Situationen, in denen die Bezugsperson gleichzeitig Quelle von Angst und einzige Möglichkeit von Trost ist. Das Kind kann weder fliehen noch wirklich ankommen. Was in diesem unlösbaren Dilemma bleibt, ist hochgradige Wachheit gegenüber den Signalen des anderen. Das Nervensystem lernt: Schaue genau hin. Lies jeden Hinweis. Die Information, die du brauchst, liegt im Außen. Was passiert, wenn genau diese Information plötzlich infrage gestellt wird, wenn jemand deine Wahrnehmung selbst anzweifelt, beschreibe ich in Wenn jemand deine Wirklichkeit infrage stellt.

Wenn Eltern selbst nicht geben konnten, was sie nicht hatten

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Bezugspersonen dieses Muster oft nicht aus Gleichgültigkeit weitergeben, sondern weil sie selbst nicht anders können. Fraiberg, Adelson und Shapiro (1975) haben in ihrer wegweisenden Arbeit beschrieben, wie unverarbeitete Verletzungen einer Generation sich in der nächsten fortsetzen. Das passiert nicht durch eine bewusste Entscheidung, sondern als unbewusste Wiederholung. Eine Mutter, die selbst traumatisiert wurde, deren eigenes Nervensystem in chronischer Alarmbereitschaft ist, kann nicht zuverlässig spiegeln, was sie selbst nicht erfahren hat. Sie versucht es vielleicht mit aller Kraft. Und trotzdem kommt es beim Kind nicht so an, weil ihr eigenes System zu beschäftigt ist mit dem eigenen Überleben. Schore (2012) beschreibt, wie sich die Dysregulation des elterlichen Nervensystems direkt auf das sich entwickelnde Nervensystem des Kindes überträgt, unterhalb jeder bewussten Absicht. Das Kind spürt die Anspannung, auch wenn niemand darüber spricht. Es lernt zu lesen, was nicht ausgesprochen wird.

Ein Kind kommt nicht mit einer fertigen Vorstellung von sich selbst auf die Welt. Es entwickelt sie im Kontakt mit anderen Menschen. Wenn seine Gefühle, Bedürfnisse und Wahrnehmungen zuverlässig gesehen und beantwortet werden, entsteht nach und nach Vertrauen in das eigene Erleben. Schore (2012) hat beschrieben, wie sich diese Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung in direktem Zusammenhang mit frühen Spiegelungserfahrungen ausbildet, und Siegel (2012) zeigt, wie das Gehirn genau in diesen frühen Begegnungen lernt, innere Zustände zu erkennen und einzuordnen.

Porges (2011) nennt diesen Prozess Neurozeption: die ununterbrochene, unbewusste Bewertung der Umgebung auf Sicherheit hin. Was sich in frühen Erfahrungen ausbildet, ist die Richtung dieser Suche. Und wenn die Antwort immer wieder von draußen kam, bleibt das System dort orientiert, auch wenn die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.

Was im Hintergrund leiser wird

Du hast als Kind gelernt, das Außen präzise zu lesen, und tust das weiterhin, oft so automatisch, dass es kaum auffällt. Was dabei im Hintergrund leiser wird, ist deine eigene Wahrnehmung. Die Frage verschiebt sich, fast unmerklich: weg von dem, was du selbst spürst, hin zu dem, was andere denken, erwarten oder brauchen könnten. Weg von dem, was sich für dich stimmig anfühlt, hin zu dem, wie dein Gegenüber reagieren wird. Warum sich solche früh entstandenen Muster bis heute wie Überlebensstrategien anfühlen, die sich nicht einfach ablegen lassen, beschreibe ich in Warum Rollen für mich nie nur Rollen waren.

Je stärker diese Verschiebung, desto schwerer werden Entscheidungen. Viele Menschen beschreiben dann, dass sie zwar hervorragend funktionieren, aber ständig abwägen, Rückmeldungen einholen, nach Bestätigung im Außen suchen. Das Nervensystem handelt dabei völlig konsequent: Es verlässt sich auf die Quelle, die es als zuverlässig gelernt hat. Die wichtigere Information liegt draußen.

Der Weg zurück zur eigenen Wahrnehmung

Veränderung beginnt hier selten mit mehr Selbstvertrauen. Sie beginnt mit etwas Grundlegenderem: dem Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Wieder wahrzunehmen, was im eigenen Inneren geschieht. Zu spüren, was sich stimmig anfühlt und was nicht. Zu lernen, dass das eigene Erleben eine gültige Quelle von Information ist, auch wenn es leise ist und auch wenn niemand es von außen bestätigt.

Craig (2009) hat beschrieben, wie die Insula als zentrales Organ der Interozeption innere Körperzustände bewusst wahrnehmbar macht: Wärme, Anspannung, ein leises Ziehen, das Gefühl, ob etwas stimmt oder nicht. Diese Signale sind keine Randerscheinung, sondern eine grundlegende Quelle von Selbstwahrnehmung und Orientierung. Wenn du diesen Zugang früh nicht entwickeln konntest, hast du ihn nicht verloren. Du bist einfach ungeübt darin.

Das bedeutet auch: Es geht nicht darum, das Außen auszublenden. Jeder Mensch braucht Resonanz, Kontakt und Rückmeldung. Das sind echte Bedürfnisse, die nicht verschwinden, wenn du innerlich stabiler wirst. Was sich verändert, ist der Ausgangspunkt. Solange das Außen fast alles bestimmt und dein eigenes Erleben kaum gehört wird, fehlt die Grundlage, von der aus echter Kontakt mit anderen überhaupt möglich wird.

Die Rückkehr zu dir selbst beginnt mit einer einfachen, aber ungewohnten Frage: Was nehme ich eigentlich gerade wahr?

Du selbst, wer sonst?

Literatur

Bowlby, J. (1969). Attachment and loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books.

Fraiberg, S., Adelson, E., & Shapiro, V. (1975). Ghosts in the nursery: A psychoanalytic approach to the problems of impaired infant–mother relationships. Journal of the American Academy of Child Psychiatry, 14(3), 387–421.

Craig, A. D. (2009). How do you feel – now? The anterior insula and human awareness. Nature Reviews Neuroscience, 10(1), 59–70.

Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.

Schore, A. N. (2012). The science of the art of psychotherapy. Norton.

Siegel, D. J. (2012). The developing mind (2nd ed.). Guilford Press.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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