Juli 14

Die To-Du-Liste

Du selbst, wer sonst?, Nervensystem & Neurobiologie

2  KOMMENTARE

Letztens wollte ich in einer WhatsApp-Gruppe schreiben, dass meine To-do-Liste für heute noch ziemlich lang ist. Die Autokorrektur machte daraus: „Meine To-Doris-Liste ist noch ziemlich lang."

Ich musste laut lachen. Es klang herrlich. Und es wirkte überhaupt nicht wie ein Tippfehler. Im Gegenteil, es klang, als gäbe es tatsächlich eine eigene Kategorie von Aufgaben. Eine To-Doris-Liste eben. Je länger ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir dieser Begriff. Manchmal scheint eine Autokorrektur mehr zu verstehen als wir selbst.

Eine To-do-Liste kennen wir alle. Sie erinnert uns an Termine, Einkäufe, E-Mails, Anrufe und all die kleinen und großen Dinge, die erledigt werden müssen. Oft ist sie lang. Manchmal wird sie sogar länger, obwohl wir den ganzen Tag beschäftigt waren.

Bei dir hätte die Autokorrektur wahrscheinlich einen anderen Namen daraus gemacht, oder gar keinen. Trotzdem hat wohl jede und jeder eine eigene Version davon, auch ganz ohne Tippfehler. Nennen wir sie To-Du-Liste. Sie fragt nicht, was heute noch erledigt werden muss. Sie fragt, was du eigentlich brauchst.

Ein Foto eines Chats, das den Chat Verlauf zeigt, in dem die To-Doris-Liste entstand

Warum wir den Kontakt zu uns selbst verlieren

Während ich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass genau diese zweite Frage vielen Menschen erstaunlich schwerfällt. Sie wissen sehr genau, was heute noch zu tun ist. Sie denken an Geburtstage, behalten den Überblick über die Familie, kümmern sich um ihre Arbeit und verlieren selbst unter Stress kaum den Faden. Frage ich dieselben Menschen, was sie heute eigentlich selbst brauchen, wird es häufig still. Das liegt nicht daran, dass ihnen nichts guttun würde. Der Zugang zu dieser Frage ist im Laufe ihres Lebens nur immer leiser geworden.

Dabei war das einmal ganz selbstverständlich. Als Kinder mussten wir nicht lange überlegen, worauf wir Lust hatten oder was uns guttat. Wir wollten draußen spielen, malen, lesen, auf einen Baum klettern oder mit einer Freundin lachen. Niemand musste uns daran erinnern, auf uns selbst zu hören. Wir waren mit uns verbunden, ohne darüber nachzudenken.

Irgendwann wurden andere Listen wichtiger. Erwartungen kamen dazu, Verantwortung, Termine, Verpflichtungen. Das Leben wurde voller, die To-do-Liste länger. Fast unbemerkt rückte eine andere Frage immer weiter in den Hintergrund: Wie geht es mir eigentlich gerade? Was brauche ich? Und was würde mir heute wirklich guttun?

Die meisten Menschen haben ihre To-Du-Liste, glaube ich, nicht verloren. Sie können sie nur nicht mehr lesen. Andere Stimmen sind im Laufe der Jahre lauter geworden: die Anforderungen des Alltags, die Bedürfnisse anderer Menschen, der Wunsch, alles gut zu machen. Sie überdecken die leise Stimme, die eigentlich weiß, was gerade stimmig wäre.

Wenn das Nervensystem den Blick nach außen richtet

Warum fällt uns diese Frage eigentlich so schwer?
Viele Frauen beantworten mühelos, was andere brauchen. Sie spüren Stimmungen, denken voraus, übernehmen Verantwortung, noch bevor jemand darum bittet. Das sind Fähigkeiten, die im Alltag hilfreich sein können. Schwierig wird es, wenn dabei etwas anderes leiser wird: der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen.

Dafür gibt es eine Erklärung, die tiefer geht als bloße Gewohnheit.

Porges (2011) nennt den Prozess, mit dem unser Nervensystem die Umgebung fortlaufend auf Sicherheit hin bewertet, Neurozeption. Diese Bewertung läuft unbewusst und ununterbrochen, lange bevor ein Gedanke sie einholt. Wenn ein Nervensystem früh gelernt hat, dass Sicherheit vor allem davon abhängt, die Umgebung gut zu lesen, richtet sich diese Neurozeption immer stärker nach außen. Gesichter, Stimmungen, Erwartungen und mögliche Konflikte werden zu den wichtigsten Informationsquellen. Was leiser wird, ist die Wahrnehmung dessen, was im eigenen Inneren geschieht.

Schore (2012) beschreibt, wie sich diese Ausrichtung schon in den frühesten Beziehungen entwickelt. Ein Kind lernt, sich selbst wahrzunehmen, wenn seine Gefühle und Bedürfnisse zuverlässig gesehen und beantwortet werden. Fehlt diese Erfahrung häufig genug, verschiebt sich die Aufmerksamkeit dorthin, wo tatsächlich Antworten zu finden sind: nach außen, zur Bezugsperson, später zu jedem Gegenüber. Was das für das Gefühl von Sicherheit im Alltag bedeutet, beschreibe ich in Wenn Sicherheit von außen kommen muss.

Genau deshalb reicht es auch nicht aus, sich einfach vorzunehmen, künftig besser auf sich selbst zu achten. Wer den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen über viele Jahre verloren hat, kann ihn nicht auf Knopfdruck wieder einschalten. Die leise innere Stimme ist nicht verschwunden. Sie ist von all den anderen Informationen überlagert worden, die das Nervensystem lange Zeit für wichtiger gehalten hat. Wie sich diese Verschiebung schon aus der Bindungsforschung heraus erklären lässt, beschreibe ich ausführlicher in Wenn du andere besser kennst als dich selbst.

Die Frage, die zuerst verschwindet

Viele merken das erst, wenn ihnen jemand eine ganz einfache Frage stellt: „Was würde dir heute guttun?" Eigentlich ist das keine schwierige Frage. Und doch erleben viele in diesem Moment eine überraschende Leere. Ihnen würde etwas guttun, nur sind sie es nicht mehr gewohnt, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Stattdessen tauchen sofort Gedanken auf wie: „Erst muss ich noch …" oder „Ich sollte eigentlich …" oder „Dafür habe ich gerade keine Zeit."

Genau hier zeigt sich, wie tief dieses Muster oft verankert ist. Noch bevor wir wahrnehmen können, was wir brauchen, meldet sich bereits die innere To-do-Liste zu Wort. Sie ist meist schneller als die Verbindung zu uns selbst.

Craig (2009) hat beschrieben, wie die Insula als zentrales Organ der Interozeption innere Körperzustände wie Wärme, Anspannung oder ein leises Ziehen überhaupt erst bewusst wahrnehmbar macht. Diese Signale sind die Grundlage von Selbstwahrnehmung. Wer diesen Zugang lange nicht genutzt hat, hat ihn nicht verloren. Er ist nur ungeübt.

Die To-Du-Liste gibt es gar nicht

Vielleicht besteht eine To-Du-Liste am Ende gar nicht aus Aufgaben. Vielleicht ist sie gar keine Liste. Vielleicht ist sie eher eine kleine Erinnerung, im Laufe des Tages immer mal wieder bei dir selbst anzukommen.

Wie geht es dir eigentlich gerade? Was ist dir gerade wichtig? Was nimmst du in diesem Moment in dir wahr?

Es braucht dafür vielleicht gar nichts weiter als einen Moment, in dem du bei diesen Fragen bleibst und wahrnimmst, was in dir gerade los ist. Darum geht es: den Kontakt zu dir selbst nicht zu verlieren. Mit den Gedanken sind wir sonst so oft bei dem, was als Nächstes ansteht, was noch erledigt werden muss oder wer gerade etwas von uns braucht. Irgendwann fällt uns gar nicht mehr auf, wie es uns selbst eigentlich geht.

Seit dieser Autokorrektur muss ich immer wieder schmunzeln. Sie hat etwas auf den Punkt gebracht, das ich eigentlich längst weiß, aber oft nicht auf dem Schirm habe.

Wir sprechen so oft davon, im Hier und Jetzt zu sein, bei uns anzukommen, den Kontakt zu uns nicht zu verlieren. Das ist keine neue Erkenntnis. Und doch merke ich, wie leicht genau das im Alltag wieder in den Hintergrund rückt. Es sind nicht die großen Krisen, die uns davon entfernen. Ein ganz normaler Tag mit Terminen, E-Mails, Verpflichtungen und all den Dingen, die erledigt werden wollen, reicht meistens schon.

Am Ende hatte meine Autokorrektur also gar nicht so unrecht.

Es geht gar nicht darum, auf deiner Liste vorzukommen. Es geht darum, in deinem eigenen Leben wieder vorzukommen.

Du selbst, wer sonst?


Literatur

Craig, A. D. (2009). How do you feel – now? The anterior insula and human awareness. Nature Reviews Neuroscience, 10(1), 59–70.

Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.

Schore, A. N. (2012). The science of the art of psychotherapy. Norton.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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  1. Liebe Doris

    Ich finde deinen Artikel mit der To-Du-Liste wundervoll geschrieben. So sanft und aufweckend zugleich. Hat mich sehr berührt und etwas in mir wachgerufen, was ich längstens weiss…aber tatsächlich immer mal wieder in den Hintergrund versinkt.

    Deine To-DU-Liste wird mich nun wachsam und lebendig daran erinnern. Herzlichen Dank🙏💕
    Marianne

    1. Liebe Marianne,
      ganz herzlichen Dank für deinen wunderbaren Kommentar. 💕
      Dass die To-Du-Liste für dich zu einer liebevollen Erinnerung werden kann, freut mich ganz besonders. Genau das wünsche ich mir für diesen Begriff.
      Danke, dass du deine Gedanken hier mit mir teilst.
      Von Herzen
      Doris

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Dr. Doris Bürgel - Du selbst, wer sonst?