Es gibt einen Satz, den ich in meiner Arbeit immer wieder höre. Er klingt jedes Mal ein bisschen anders, meint aber dasselbe: „Ich weiß, dass ich das nicht mehr brauche. Ich verstehe es sogar. Aber ich kann es trotzdem nicht lassen."
Funktionieren, obwohl man erschöpft ist. Stark sein, obwohl man Nähe braucht. Verantwortung übernehmen, obwohl niemand darum gebeten hat. Diese Muster kennen viele Frauen, die zu mir kommen. Sie können sie benennen, manchmal sogar präzise: „Das ist eine Rolle, die ich irgendwann übernommen habe." Und trotzdem sitzen sie noch da, hartnäckig und vertraut, lange nachdem das Verstehen längst eingesetzt hat.
Im ersten Teil dieser Reihe habe ich beschrieben, was Jung unter der Persona verstand: die Maske, die notwendig ist und zum Problem wird, wenn wir sie für unser eigentliches Gesicht halten. Diese Frage hat mich schon viel früher beschäftigt – nur in einer anderen Sprache. Nicht über Jung, sondern über die Sozialpsychologie. Und dort hat sich für mich etwas aufgetan, das Jung zwar benennt, aber nicht vollständig erklärt.
Schon während meines Studiums hat mich die Sozialpsychologie stark angezogen. Besonders die Arbeiten von George Herbert Mead und die Vorstellung, dass wir unser Selbst im Kontakt mit anderen entwickeln. Dass Identität nichts Festes ist, sondern etwas, das im sozialen Raum entsteht. Mead hat beschrieben, wie wir in sozialen Zusammenhängen handlungsfähig werden, indem wir Erwartungen übernehmen, Perspektiven einnehmen, uns an dem orientieren, was von uns gesehen und erwartet wird. Rollen sind bei ihm keine oberflächlichen Masken, sondern notwendige Formen sozialer Orientierung. Das fand ich hochspannend. Es erklärte so vieles. Und gleichzeitig stimmte es nicht. Nicht in dem Punkt, der mich wirklich interessierte.
Was die Rollensprache nicht erfasst
„Rollen einnehmen." „Masken tragen." „Rollen ablegen." Das klang sauber, systematisch, theoretisch und fühlte sich innerlich völlig falsch an. Nicht nur unvollständig, sondern lebensfern. Als würde man über etwas sprechen, das man nach Belieben an- und auszieht. Als wären diese Rollen Texte, die man irgendwann nicht mehr mitsprechen möchte, und dann legt man sie eben ab.
So habe ich mich nie erlebt.
Die Idee, dass wir uns in Beziehungen formen, hat mich fasziniert. Aber die Vorstellung, man könne diese Prägungen einfach loslassen, erschien mir naiv oder zumindest blind für etwas Entscheidendes. Ich konnte das, was da beschrieben wurde, weder praktisch umsetzen noch innerlich greifen. Lange wusste ich nicht, warum.
Heute weiß ich es.
Wenn Rollen zu Überlebensstrategien werden
Was in der Sozialpsychologie oft als Rollen oder Masken beschrieben wird, sind in vielen Fällen Überlebensstrategien. Und Überlebensstrategien lassen sich nicht einfach ablegen.
Eine Rolle kann man wechseln. Eine Maske kann man bewusst absetzen. Eine Überlebensstrategie hingegen ist tief im Nervensystem verankert. Sie ist nicht gewählt, sie ist entstanden. Nicht aus Freiheit, sondern aus Notwendigkeit.
Viele dieser Strategien entstehen früh. In Kontexten, in denen Sicherheit nicht selbstverständlich war. In denen Anpassung notwendig wurde, um dazuzugehören, nicht aufzufallen, geschützt zu sein oder zumindest nicht noch mehr Schaden zu nehmen. Leistung, Kontrolle, Funktionieren, Verantwortung übernehmen, immer freundlich sein, immer stark sein. All das sind keine Charaktereigenschaften, sondern oft Antworten eines Systems, das gelernt hat: So überlebe ich.
Und genau deshalb greift die Rollensprache zu kurz. Sie bleibt an der Oberfläche eines Phänomens, das in Wahrheit körperlich organisiert ist.
Ich nehme ein Beispiel.
Eine Frau, die seit Jahrzehnten zuverlässig funktioniert, Verantwortung übernimmt, Erwartungen erfüllt und dabei kaum spürt, was sie selbst braucht, kann das nicht einfach „loslassen". Diese Haltung ist keine bewusste Entscheidung gewesen. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Anpassung in einem Umfeld, in dem andere Optionen nicht zur Verfügung standen. Würde sie versuchen, diese „Rolle" einfach abzulegen, würde ihr System Alarm schlagen. Nicht, weil sie sich dagegen wehrt, sondern weil das Nervensystem keine Alternative kennt.
Ein anderes Beispiel.
Ein Mensch, der gelernt hat, Gefühle zu kontrollieren, ruhig zu bleiben, sich nicht zu zeigen, nichts zu brauchen, tut das nicht aus Distanz oder Unfähigkeit zur Nähe. Er tut es, weil Nähe einmal gefährlich war. Weil Offenheit nicht geschützt wurde. Auch hier ist die sogenannte Maske keine bewusste Wahl, sondern eine Schutzschicht. Sie fällt nicht, weil man sie erkennt. Sie wird überflüssig, wenn Sicherheit erlebt wird.
Und genau hier liegt der Punkt, an dem sich etwas klärt.
Was Veränderung wirklich braucht
Rollen und Masken lassen sich nicht durch Einsicht auflösen. Sie lassen sich nicht wegreflektieren. Und sie lassen sich auch nicht durch den guten Willen verändern.
Dazu braucht es Sicherheit. Und ein Nervensystem, das diese Sicherheit nicht nur versteht, sondern erlebt.
Erst wenn das System nicht mehr im Überlebensmodus ist, entsteht Spielraum. Erst dann wird etwas möglich, das oft vorschnell als „Loslassen" beschrieben wird. In Wahrheit ist es ein Nicht-mehr-brauchen. Die Strategie fällt nicht ab, weil sie falsch war, sondern weil sie nicht mehr notwendig ist.
Das ist ein leiser Prozess. Kein Akt. Keine Entscheidung. Keine Selbstoptimierung.
Und vielleicht ist das der Grund, warum mich die klassische Rollentheorie immer fasziniert und gleichzeitig abgestoßen hat. Sie berührt etwas Wesentliches. Sie verfehlt aber den Punkt, an dem Veränderung wirklich geschieht. Sie beschreibt soziale Dynamiken, ohne die neurobiologische Realität mitzudenken. Sie bleibt beim Verhalten stehen, wo es um Regulation geht.
Heute würde ich sagen: Nicht Rollen müssen abgelegt werden. Sondern Systeme dürfen sich beruhigen.
Erst dann wird das Eigene wieder spürbar. Nicht als neue Identität, sondern als etwas, das immer schon da war – unter all dem, was einmal notwendig war.
Literatur
Mead, G. H. (1934). Mind, self, and society from the standpoint of a social behaviorist. University of Chicago Press.
Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.
van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.
