Im ersten Teil dieser Reihe habe ich Jungs Konzept des Selbst so genau beschrieben, wie ich es konnte. Persona, Ich, Schatten, das Selbst als Totalität, Individuation als Alchemie – das sind Begriffe, die präzise sind. Und die gleichzeitig eine seltsame Eigenschaft haben: Je sorgfältiger man sie erklärt, desto mehr gleitet das Eigentliche weg. Das Benennen ist nicht das Erleben.
Dieser Artikel beginnt dort, wo der erste aufgehört hat. Nicht mit mehr Theorie, sondern mit der Frage, was passiert, wenn das Konzept zum Prozess wird.
Warum Jung mich nicht loslässt
Was mich an Jung bis heute berührt, ist nicht zuerst der Begriff des Selbst. Es ist die Haltung, aus der heraus er denkt.
Er schaut auf die Psyche nicht wie auf etwas, das verbessert oder optimiert werden muss. Sondern wie auf etwas Lebendiges. Etwas, das sich bewegt, das einer eigenen inneren Logik folgt und das sich in eine bestimmte Richtung entwickelt.
Und genau hier liegt für mich ein entscheidender Punkt: Jung geht davon aus, dass in uns nicht nur unsere Vergangenheit gespeichert ist. Sondern auch eine Möglichkeit, die noch nicht gelebt ist. Etwas, das uns innerlich zieht, auch wenn wir es noch nicht klar benennen können.
Dieses Verständnis vom Selbst als etwas, das nicht nur zeigt, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir uns entwickeln können, finde ich in vielen heutigen psychologischen Modellen kaum noch.
Und vielleicht ist es genau das, was mich nicht loslässt.
Dass da etwas in uns angelegt ist, das mehr ist als das, was wir bisher aus uns gemacht haben.
Wo die Theorie an ihre Grenzen stößt
Und doch gibt es eine Grenze, an die ich stoße. Jungs Sprache ist reich, manchmal überwältigend reich. Anima, Animus, kollektives Unbewusstes, Archetypen – das sind Konzepte, die ein ganzes Leben lang relevant bleiben können. Gleichzeitig können sie, wenn man nicht aufpasst, zu einer weiteren Schicht werden, die sich zwischen einen Menschen und seine eigene Erfahrung schiebt. Wer denkt „das ist mein Schatten", ist ihm vielleicht noch nicht wirklich begegnet. Benennen ist nicht dasselbe wie Berühren.
Das ist keine Kritik an Jung. Es ist eine Beobachtung darüber, was Theorie leisten kann und wo sie aufhört.
Pavel Piskarev und das vereinfachte Modell
Pavel Piskarev, der Begründer der NeuroGraphik, hat Jungs Individuationsgedanken in sein Lehrmodell integriert – in Form einer Bewusstseinspyramide. Ganz unten: das Selbst als Antrieb, als Lebenswille, als primäre Energie. Darüber: kollektive Glaubenssätze und Archetypen. Dann: individuelle Glaubenssätze. Zuoberst: das Bewusstsein als der Raum, den wir direkt zugänglich haben. Ich unterrichte dieses Modell. Und ich finde es für den Zeichenprozess wertvoll – es gibt den Teilnehmerinnen eine greifbare Karte.
Fachlich weicht es an einem entscheidenden Punkt von Jung ab. Bei Pavel Piskarev steht das Selbst als Schicht ganz unten – als das, was unter allem liegt und durch die Arbeit wieder zugänglich werden kann. Bei Jung ist das Selbst keine Schicht. Es ist die Totalität der Psyche: Bewusstsein und Unbewusstes, Vergangenheit und Möglichkeit, das Gelebte und das noch nicht Realisierte. Es steht nicht unter den Glaubenssätzen, es schließt sie ein. Was Piskarev als „Selbst / Drive" beschreibt, entspricht eher dem, was manche als vitale Grundkraft bezeichnen würden – etwas in der Nähe dessen, was Freud Libido nannte. Das ist nicht falsch. Es ist eine produktive Vereinfachung.
Als Lehrerin stehe ich also in einem produktiven Widerspruch: Ich unterrichte das vereinfachte Modell, weil es im Zeichenprozess wirkt. Ich behalte gleichzeitig im Blick, was es vereinfacht – nicht um das Modell zu entwerten, sondern um zu wissen, wo die Karte aufhört und das Gelände beginnt.
Was passiert, wenn wir zeichnen
Vor Kurzem habe ich mit über 70 Teilnehmerinnen beim QuickStart NeuroKontakt Ich und Selbst als Kreise gezeichnet. Zuerst nur zwei Kreise – einen für das Ich, einen für das Selbst. Intuitiv, ohne Vorgabe, wie sie zueinander stehen: Wie groß ist jeder? Berühren sie sich? Umschließt das Selbst das Ich, oder stehen sie nebeneinander? Diese Fragen haben sich nicht im Kopf beantwortet. Sie haben sich in der Hand beantwortet.
Dann kamen weitere Kreise hinzu – für das, was sonst noch da ist. Keine Beschriftung, kein Wissen, was sie bedeuten. Einfach das, was auftaucht, wenn man fragt: Was gehört noch dazu? Abgespaltenes, Ungelebtes, Potenzial, das noch keinen Namen hat.
Und dann kam der Moment, an dem ich eine Einladung ausgesprochen habe. Zu spüren, ob das Selbst größer werden darf. Ob dieser Kreis das Ich und all das, was dazugekommen war, einschließen kann. Nicht als Vorgabe. Als Möglichkeit.
Und in vielen Zeichnungen ist genau das geschehen. Der Selbst-Kreis wurde größer. Er begann, das Ich und die anderen Kreise zu umfassen. Nicht, weil es „so sein sollte“, sondern weil es sich für viele in diesem Moment stimmig angefühlt hat.
Wenn du das selbst erleben möchtest, findest du hier den kostenfreien QuickStart NeuroKontakt.
Wie Individuation eine Form bekommt
Der Individuationsprozess begleitet mich seit Jahren. Ich kenne Jungs Begriffe, seine Unterscheidung von Ich, Persona, Schatten und Selbst. Ich weiß, dass das Selbst bei ihm mehr ist als ein ursprünglicher Kern, der unter alten Schichten verborgen liegt. Es ist die größere Ganzheit, in die das Ich hineinwächst, während ein Mensch immer mehr von dem erkennt, was zu ihm gehört.
Was mir bisher gefehlt hatte, war eine zeichnerische Form für diesen Weg. Eine Form, die den Individuationsprozess nicht nur erklärt, sondern ihn auf dem Papier in Bewegung bringt. Eine Form, bei der das Ich sichtbar wird, das Selbst sichtbar wird und auch das, was noch keinen Namen hat, einen Platz bekommt.
Genau das hat sich in der Vorbereitung dieses QuickStarts gezeigt. Zuerst war da die Idee, das Ich und das Selbst als zwei Kreise zu zeichnen. Dann kamen weitere Kreise hinzu für das, was sonst noch da ist: unbewusste Anteile, abgespaltene Möglichkeiten, ungelebtes Potenzial, etwas, das zum Menschen gehört, auch wenn das Ich es noch nicht kennt.
Der entscheidende Schritt wurde für mich im Zeichnen greifbar: dass Individuation genau dort geschieht, wo das Selbst beginnt, mehr zu umfassen als das Ich. Der Kreis des Selbst konnte das Ich und die weiteren Kreise umfassen. Nicht als Vorgabe, sondern als Frage an das eigene Empfinden: Stimmt es, wenn das Selbst größer wird? Darf es das Ich einschließen? Darf es auch das umfassen, was bisher namenlos, fremd oder ungeordnet war?
In diesem Moment wurde aus Jungs Theorie ein Vorgang. Etwas, das die Hand tun konnte. Etwas, das der Körper beantworten konnte. Die Kreise lagen nicht mehr nur als Symbole auf dem Blatt. Sie begannen, eine innere Ordnung sichtbar zu machen.
Und genau darin liegt für mich die besondere Kraft der NeuroGraphik. Sie macht aus einem psychologischen Konzept eine Erfahrung. Das Ich bekommt einen Platz. Das Selbst bekommt einen Platz. Weitere Anteile tauchen auf, ohne sofort erklärt werden zu müssen. Linien verbinden, Kreise verändern ihre Größe, Farbe bringt Leben hinein. Währenddessen reagiert der Körper mit: Wärme, Enge, Weite, Berührung, Widerstand, Ruhe, Tränen oder einem tiefen Atemzug.
So wird Individuation nicht abgekürzt und auch nicht vereinfacht. Sie wird berührbar. Sie bekommt eine Form, eine Richtung, eine Bewegung. Und manchmal entsteht genau dadurch ein erster Zugang zu dem, was vorher nur als Begriff im Raum stand.
In solchen Momenten wird deutlich: Das ist nicht einfach Illustration von Theorie. Es ist etwas anderes.
Vom Begriff zur Wahrnehmung
Es gibt einen Moment, den ich in solchen Prozessen immer wieder sehe. Der Moment, in dem die Frage „Was ist das Selbst?“ leiser wird. Und stattdessen etwas anderes auftaucht. Kein klares Wissen. Eher ein Spüren.
Vielleicht ein Innehalten. Ein Atemzug, der tiefer geht. Ein Gefühl von Weite oder von innerer Stimmigkeit, das vorher nicht da war.
In dem QuickStart war genau das zu beobachten. Nicht bei allen gleich. Nicht in der gleichen Intensität. Aber immer wieder dieser Punkt, an dem sich etwas verschiebt. Nicht im Denken, sondern in der Wahrnehmung. Dort, wo das, was vorher abstrakt war, plötzlich eine eigene Präsenz bekommt.
Für mich liegt darin die eigentliche Bedeutung dieser Arbeit. Dass wir nicht nur über das Selbst sprechen, sondern beginnen, es zu erfahren. Auf dem Papier. Im Körper. In kleinen, oft unspektakulären Momenten, die sich erst im Nachhinein als bedeutsam zeigen.
Vielleicht ist das der Anfang von Individuation. Nicht als großes Ziel. Sondern als Bewegung, die dort beginnt, wo wir aufhören, nur zu verstehen und anfangen, uns selbst anders wahrzunehmen.
Im dritten Teil beschreibe ich, warum Rollen für mich nie nur Rollen waren und was das mit dem zu tun hat, was sich tief im Körper einschreibt.
Literatur
Edinger, E. F. (1992). Ego and archetype: Individuation and the religious function of the psyche. Shambhala. (Originalwerk erschienen 1972)
Jung, C. G. (1959). Aion: Researches into the phenomenology of the self (R. F. C. Hull, Trans.). Princeton University Press. (Gesammelte Werke, Bd. 9/II; Originalwerk erschienen 1951)
Jung, C. G. (1966). Two essays on analytical psychology (R. F. C. Hull, Trans.). Princeton University Press. (Gesammelte Werke, Bd. 7; Originalwerk erschienen 1916/1917)
