Was im Gehirn passiert, wenn Heilung geschieht
Heilung beginnt im Inneren und folgt einer klaren Logik
Was geschieht eigentlich in unserem Gehirn, wenn echte Veränderung passiert?
Warum wirken manche Methoden tief, während andere kaum etwas bewirken – obwohl wir uns so sehr bemühen? Und was braucht es wirklich, damit alte Wunden nicht nur verstanden, sondern tatsächlich geheilt werden können?
Diese Fragen begleiten mich seit vielen Jahren in meiner Arbeit mit NeuroGraphik®, Schamanismus und kreativen Transformationsprozessen. In den letzten Jahren hat sich mein Interesse noch einmal deutlich vertieft, seit ich mich intensiv mit dem Nervensystem, mit Havening® und mit MAP-Coaching auseinandersetze.
Denn je länger ich arbeite, desto klarer wurde mir: So unterschiedlich diese Zugänge auf den ersten Blick erscheinen mögen – sie haben einen gemeinsamen Kern. Sie wirken nicht über den Verstand. Sie setzen dort an, wo Veränderung biologisch möglich wird: im inneren Erleben, im Körper, im emotionalen Gedächtnis.
Und genau an diesem Punkt beginnt auch die moderne Neurowissenschaft, Heilung neu zu verstehen.
In den letzten zwei Jahrzehnten wurde intensiv erforscht, wie unser Gehirn emotionale Erinnerungen verarbeitet und unter welchen Bedingungen sie sich dauerhaft verändern können.
Diese Erkenntnisse bilden die neurobiologische Grundlage von Heilung.
Das Ergebnis: Heilung ist kein Zufall. Sie folgt biologischen Prinzipien.
In dieser Artikelreihe möchte ich dir zeigen,
– wie tiefe Veränderung neurobiologisch möglich wird,
– welche Rolle dein inneres Erleben dabei spielt,
– und warum kreative, körper- und erlebnisorientierte Methoden wie NeuroGraphik® oder MAP genau dort ansetzen, wo unser Gehirn tatsächlich Veränderung zulässt.
Du musst kein Fachwissen mitbringen. Alles ist klar und verständlich erklärt. Doch wenn du tiefer verstehen willst, warum deine Prozesse manchmal funktionieren und manchmal nicht, dann findest du hier Antworten.
Die Artikelreihe im Überblick:
- Die neurobiologische Grundlage von Heilung
Was im Gehirn passiert, wenn Heilung geschieht - MAP und die neurobiologische Grundlage von Heilung
Heilung beginnt nicht im Kopf – sondern im emotionalen Gedächtnis - NeuroGraphik® und die neurobiologische Grundlage kreativer Transformation
Wie Linien neuronale Netzwerke öffnen und verändern - Sanfte Berührung und die neurobiologische Grundlage von Veränderung
Warum der Körper Zugang zu alten Erinnerungen hat und was das mit echter Heilung zu tun hat - Schamanismus und Neurobiologie – uraltes Erfahrungswissen neu verstanden
Wenn Erfahrung älter ist als Wissenschaft - Integration braucht Zeit – wie das Nervensystem Heilung steuert
Wenn Veränderung sich nicht "fertig" anfühlt - Innere Logik von Veränderung im Nervensystem verstehen
Warum Veränderung keiner Methode, sondern Bedingungen folgt
Wenn du bereit bist, dein inneres Erleben mit neuer Klarheit zu betrachten und zu verstehen, wie echte Veränderung geschieht, dann begleite mich durch diese Serie.
Denn du trägst alles in dir – auch das Potenzial zur Heilung.
- Doch was genau passiert eigentlich im Gehirn, wenn solche tiefgreifenden Veränderungen geschehen?
- Was macht den Unterschied zwischen bloßem Verstehen und echter innerer Heilung?
- Und warum wirken einige Methoden so unmittelbar, während andere trotz aller Mühe kaum etwas verändern?
In diesem ersten Artikel der Serie tauchen wir gemeinsam in die neurobiologische Grundlage von Heilung ein. Du erfährst, was die moderne Hirnforschung über emotionale Erinnerung, neuronale Netzwerke und das sogenannte Window of Reconsolidation herausgefunden hat und warum dein inneres Erleben der Schlüssel ist, nicht dein Verstand.
Bereit? Dann lass uns tiefer schauen.
Die neurobiologische Grundlage von Heilung – und warum inneres Erleben der Schlüssel ist
Es gibt Erfahrungen, die lange zurückliegen und dennoch unser heutiges Leben mitbestimmen. Nicht, weil wir uns bewusst daran erinnern, sondern weil sie in unserem Körper, unseren Gefühlen, unseren inneren Reaktionen immer noch wirken.
Ein Geruch, ein Tonfall, ein Satz und plötzlich ist alles wieder da. Wir fühlen uns klein, ungeschützt, hilflos oder wütend. Der Verstand weiß: „Ich bin heute sicher.“ Aber unser Nervensystem sagt etwas anderes.
Viele Menschen erleben das als persönlichen Makel. „Ich habe wohl nicht genug an mir gearbeitet.“
„Ich kann einfach nicht loslassen.“ Doch das stimmt nicht. Der Grund liegt nicht im mangelnden Willen – sondern in einem tiefer liegenden Missverständnis:
Wir haben lange Zeit nicht verstanden, wie emotionale Erinnerungen wirklich funktionieren – und wie sie heilen können.
Heilung geschieht nicht im Verstand – sondern im emotionalen Gedächtnis
Was heute als „neurobiologische Grundlage von Heilung“ bezeichnet wird, war vor 25 Jahren kaum bekannt. Noch in den 1990er-Jahren dachte man: Einmal gespeicherte emotionale Erinnerungen sind fest verankert – vergleichbar mit Dateien auf einer Festplatte. Sie können abgerufen, aber nicht verändert werden.
Dieses Modell hat ganze Therapieformen geprägt. Entweder wurde versucht, durch Kognition („neues Denken“) etwas zu verändern oder durch emotionale Konfrontation („noch einmal durchleben“). Beides brachte oft wenig nachhaltige Veränderung. Und manchmal sogar Retraumatisierung.
Heute wissen wir:
Das Gehirn ist plastisch. Erinnerungen sind veränderbar. Und emotionale Heilung ist möglich – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.
Reconsolidation – wie unser Gehirn emotionale Erinnerungen neu abspeichert
Den Durchbruch brachte 2000 eine Studie von Karim Nader, Glenn Schafe und Joseph LeDoux an der New York University. Sie konnten erstmals zeigen, dass eine konditionierte Angstreaktion (ein Ton, gekoppelt mit Schmerz) nicht stabil bleibt, sondern durch das reine Wiedererinnern instabil werden und dann dauerhaft verändert werden kann, wenn in dieser Phase die Proteinsynthese in der Amygdala blockiert wird (Nader, Schafe & LeDoux, 2000).
Diese Phase der Instabilität wurde in der Folge als „Reconsolidation Window“ bekannt – ein Zeitfenster, in dem das Gehirn eine Erinnerung neu schreibt.
Das bedeutet:
Wenn eine Erinnerung reaktiviert wird – nicht nur gedacht, sondern emotional gespürt –, öffnet sich ein biologisches Zeitfenster. In diesem Fenster ist das neuronale Netzwerk formbar.
Doch hier ist eine wichtige Präzisierung notwendig.
Warum bloßes Erinnern nicht ausreicht – die Rolle des Prediction Errors
Neuere Forschung zeigt, dass es für Reconsolidation nicht genügt, eine Erinnerung lediglich emotional zu aktivieren.
Entscheidend ist etwas sehr Konkretes: eine Abweichung zwischen Erwartung und tatsächlicher Erfahrung – ein sogenannter Prediction Error (Sevenster et al., 2013; Sevenster et al., 2014).
Emotionale Erinnerungen sind im Gehirn nicht nur als Bilder oder Gefühle gespeichert, sondern als Vorhersagen: Wenn X geschieht, dann folgt Y.
Wird eine Erinnerung reaktiviert, erwartet das neuronale Netzwerk automatisch die alte Konsequenz – etwa Gefahr, Beschämung, Ohnmacht oder Alleinsein.
Kommt es in diesem Moment jedoch zu einer neuen, widersprüchlichen Erfahrung, entsteht genau jene Vorhersageabweichung, die das Gedächtnis destabilisiert und den Übergang von bloßem Abruf zu Reconsolidation ermöglicht (Exton-McGuinness et al., 2015).
Erst diese Abweichung macht die Erinnerung labil.
Sie signalisiert dem Gehirn: Die bisherige Bedeutung stimmt nicht mehr.
Erst dann öffnet sich das Reconsolidation-Fenster wirklich.
Und erst dann kann eine Erinnerung mit neuer emotionaler Bedeutung dauerhaft neu abgespeichert werden.
Heilung geschieht also nicht durch Wiederholung des Alten, sondern durch eine neue Erfahrung im Moment der Aktivierung, die dem limbischen System eine andere Wahrheit anbietet.
Doch diese Labilisierung geschieht nicht zufällig und sie bleibt nicht unbegrenzt offen.
Damit eine emotionale Erinnerung tatsächlich neu gespeichert werden kann, öffnet sich im Gehirn ein zeitlich begrenztes biologisches Fenster. In diesem Fenster entscheidet sich, ob eine neue Erfahrung integriert wird oder ob das Alte unverändert bestehen bleibt.
Das Reconsolidation-Fenster – ein begrenzter Moment für Veränderung
Entscheidend ist, dass dieser Zustand der Labilisierung zeitlich begrenzt ist. Nach der Reaktivierung einer emotionalen Erinnerung öffnet sich ein biologisches Fenster, in dem neue emotionale Erfahrungen integriert werden können. Dieses Reconsolidation-Fenster beginnt häufig bereits wenige Minuten nach der Aktivierung und kann beim Menschen mehrere Stunden geöffnet bleiben (Duvarci & Nader, 2004; Schwabe et al., 2014).
Wird in dieser Phase keine neue Erfahrung gemacht, stabilisiert sich das neuronale Netzwerk erneut – die Erinnerung bleibt unverändert bestehen. Heilung ist daher kein automatischer Prozess, sondern abhängig davon, ob und wie in diesem Zeitfenster eine neue innere Erfahrung möglich wird.
Warum das limbische System der Schlüssel ist – nicht der Verstand
Emotionale Erinnerungen entstehen nicht im Denkzentrum unseres Gehirns. Sie werden dort gespeichert, wo Erfahrungen bewertet, mit Bedeutung versehen und mit Überlebensreaktionen verknüpft werden. Genau hier liegt der Schlüssel für Heilung: im limbischen System – und in seiner engen Verbindung zum Körper.
Das limbische System arbeitet nicht isoliert. Es steht in ständigem Austausch mit dem autonomen und peripheren Nervensystem sowie mit körpernahen Regulationsprozessen. Erfahrungen werden deshalb nicht nur als emotionale Inhalte gespeichert, sondern zugleich als körperliche Reaktionsmuster – etwa als Spannung, Alarmbereitschaft, Rückzug oder Erstarrung. Emotionale Prägungen sind damit immer auch verkörpert.
An dieser Stelle kommt das fasziale Gewebe ins Spiel. Faszien sind reich innerviert, reagieren sensibel auf Stress und emotionale Aktivierung und stehen in enger Verbindung mit autonomen Regulationsprozessen.Aktuelle Forschung beschreibt sie nicht mehr als passives Bindegewebe, sondern als das reichhaltigste sensorische Organ des Körpers mit direkter Verbindung zur Insula – jenem Hirnareal, das Interozeption und emotionale Bewertung integriert (Bordoni & Marelli, 2017). Erfahrungen bleiben dadurch nicht nur im Gehirn präsent, sondern wirken auch als körperlich spürbare Zustände fort.
Genau das ist für den Prozess der Reconsolidation entscheidend. Eine emotionale Erinnerung wird erst dann veränderbar, wenn nicht nur ihr Inhalt aktiviert ist, sondern auch die damit verknüpften körperlichen und autonomen Reaktionen in Bewegung kommen. Solange die Amygdala weiterhin Gefahr meldet und der Körper entsprechend reagiert, bleibt das emotionale Gedächtnis stabil – selbst wenn der präfrontale Kortex längst „verstanden“ hat, dass die Situation vorbei ist.
Erst wenn limbisches System, autonomes Nervensystem und Körper gemeinsam in einen neuen Zustand von Sicherheit oder Regulation kommen, kann sich die emotionale Bedeutung einer Erfahrung tatsächlich neu abspeichern. Echte Veränderung geschieht deshalb nicht im Denken, sondern dort, wo emotionale und körperliche Netzwerke gemeinsam angesprochen werden.
Kohärenz und Inkohärenz – warum Trigger so viel Energie kosten
Ein weiterer zentraler Schlüssel zum Verständnis von Heilung liegt im Prinzip der Kohärenz. Unser Gehirn ist kein passiver Speicher, sondern ein hochdynamisches, selbstorganisierendes System. Es ist fortlaufend darum bemüht, innere Stimmigkeit herzustellen – zwischen Wahrnehmung, Emotion, Körperreaktion und Bedeutung. Kohärenz beschreibt genau diesen Zustand: ein inneres Erleben, das sich zusammenhängend, reguliert und „richtig“ anfühlt.
Neurobiologisch lässt sich diese innere Stimmigkeit präziser beschreiben. Kohärenz entsteht dort, wo Körperempfinden, Gefühl und Bedeutung miteinander übereinstimmen. Was ich im Körper spüre, was ich emotional erlebe und welche Bedeutung ich einer Situation gebe, stehen nicht im Widerspruch, sondern fügen sich zu einem stimmigen Ganzen.
Gerät dieses Zusammenspiel auseinander, entsteht Inkohärenz. Der Körper reagiert mit Alarm, während der Verstand Sicherheit denkt. Oder eine Situation wird rational eingeordnet, doch im Inneren bleibt Anspannung bestehen. Genau diese Diskrepanz kostet Energie. Das Nervensystem arbeitet auf Hochtouren, um Ordnung wieder herzustellen.
Heilung wird möglich, wenn dieses Zusammenspiel sich neu ordnen darf. Wenn eine neue Erfahrung nicht nur kognitiv verstanden, sondern auch körperlich gespürt und emotional als sicher bewertet wird. Erst dann verschiebt sich die Bedeutung einer alten Erinnerung nachhaltig.
Wenn Körper, Gefühl und Bedeutung auseinanderfallen
Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt das Gehirn als ein System, das beständig nach Ordnung und Stimmigkeit strebt. Erfahrungen, die in sich widersprüchlich sind oder nicht integriert werden können, führen zu innerer Desorganisation. Das Gehirn reagiert darauf nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit erhöhter Aktivität – es versucht, Kohärenz wiederherzustellen (Hüther, 2006, 2010, 2016).
Trigger sind ein anschauliches Beispiel für solche inkohärenten Zustände. Ein äußerer Reiz – ein Tonfall, ein Blick, eine Situation – aktiviert ein emotionales Muster aus der Vergangenheit, das nicht zur gegenwärtigen Realität passt. Der Verstand weiß möglicherweise, dass keine Gefahr besteht. Doch das limbische System reagiert, als wäre sie real. Körper, Gefühl und Bedeutung fallen auseinander. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.
Neurobiologisch betrachtet ist Inkohärenz ein hochenergetischer Zustand. Unterschiedliche neuronale Netzwerke senden widersprüchliche Signale: Sicherheit und Alarm, Gegenwart und Erinnerung, Handlungsspielraum und Erstarrung. Das autonome Nervensystem schaltet in Schutzmodi, Muskelspannung steigt, Aufmerksamkeit verengt sich. Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren – nicht, weil etwas „nicht stimmt“, sondern weil es Ordnung schaffen will.
Kognitive Dissonanz – Inkohärenz auf Bedeutungsebene
Ein verwandtes Konzept aus der Sozialpsychologie ist die kognitive Dissonanz. Sie beschreibt den inneren Spannungszustand, der entsteht, wenn Überzeugungen, Selbstbild und Verhalten nicht zusammenpassen. Auch hier versucht das System, Stimmigkeit herzustellen – entweder durch Neubewertung, Rechtfertigung oder Veränderung des Handelns.
Neurobiologisch betrachtet ist kognitive Dissonanz ebenfalls ein Ausdruck von Inkohärenz. Unterschiedliche Bedeutungs- und Bewertungsnetzwerke senden widersprüchliche Signale. Das Gehirn reagiert darauf mit erhöhter Aktivität, bis eine neue innere Ordnung gefunden ist.
Der Unterschied liegt darin, dass kognitive Dissonanz stärker auf der Ebene von Überzeugungen und Selbstkonzept wirkt, während emotionale Inkohärenz häufig tiefer im limbischen und körperlichen Erleben verankert ist. Beide folgen jedoch derselben Grunddynamik: Das System strebt nach Kohärenz.
Warum Inkohärenz Lernen blockiert
Gerald Hüther beschreibt diesen Zustand als Blockade von Lern- und Entwicklungsprozessen: Solange ein System unter Stress steht und innere Inkohärenz vorherrscht, ist keine nachhaltige Neuorganisation möglich. Erst wenn ein Zustand innerer Stimmigkeit erlebt wird, kann sich das Gehirn neu verschalten und Bedeutung verändern (Hüther, 2006, 2010, 2016).
Genau hier berührt sich Hüthers Verständnis von Kohärenz mit den neurobiologischen Erkenntnissen zur Reconsolidation. Eine emotionale Erinnerung wird nur dann neu abgespeichert, wenn das System nicht im Alarmzustand verharrt, sondern eine widersprüchliche Erfahrung zulässt – etwa Sicherheit statt Bedrohung. Diese Erfahrung wirkt nicht korrigierend im kognitiven Sinn, sondern ordnend im inneren Erleben.
Heilung bedeutet aus dieser Perspektive nicht, Trigger zu vermeiden. Sie bedeutet, im Moment der Aktivierung eine neue Stimmigkeit zu ermöglichen. Wenn Körperempfinden, Gefühl und Bedeutung wieder zusammenfinden, kann sich die emotionale Bedeutung einer Erfahrung neu organisieren.
Inkohärenz ist damit kein Defizit, sondern ein Hinweis. Sie zeigt, dass etwas im Inneren noch nicht zueinander passt und genau darin liegt auch das Potenzial für Veränderung.
Was wirklich heilt: eine neue Erfahrung im richtigen Moment
Die zentrale Erkenntnis lautet: Nicht das Erinnern heilt. Nicht das Analysieren. Entscheidend ist die neue, emotional relevante Erfahrung im richtigen Moment.
Diese Erfahrung muss im Inneren gefühlt werden, nicht nur „gedacht“. Sie muss dem limbischen System eine neue Spur anbieten:
- Ich bin sicher.
- Ich bin verbunden.
- Ich darf weich sein.
- Ich bin gesehen.
- Ich bin wirksam.
Wenn das geschieht, kann sich das neuronale Netzwerk der Erinnerung neu organisieren – nicht durch Zwang, sondern durch Erfahrung.
Warum viele Methoden nicht (mehr) funktionieren
Viele Therapieansätze (insbesondere kognitive, aber auch konfrontative) verfehlen dieses Fenster.
Sie arbeiten entweder:
– kognitiv: Der Mensch versteht, aber fühlt nichts Neues.
– überfordernd: Der Mensch ist retraumatisiert, nicht integriert.
– mechanisch: Das Gehirn ist gar nicht im Zustand der Öffnung.
Darum erleben viele Menschen innere Prozesse als frustrierend. Sie verstehen, was passiert ist, können es einordnen und doch verändert sich innerlich nichts. Es entsteht dieses vertraute Gefühl: „Ich weiß es – aber ich fühle es nicht.“
Nicht, weil etwas falsch läuft, sondern weil die emotionale Erinnerung nicht wirklich in Bewegung gekommen ist. Sie wurde verstanden, aber nicht neu erlebt und konnte sich deshalb auch nicht verändern.
Warum somatische und kreative Methoden so wirksam sein können
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder:
Heilung geschieht dort, wo inneres Erleben sicher aktiviert und begleitet wird.
Ob durch sanfte somatische Prozesse, Berührung, NeuroGraphik®, MAP oder andere traumasensible Methoden. Sie alle haben das Potenzial, das Reconsolidation-Fenster zu öffnen und sinnvoll zu nutzen.
Entscheidend ist immer:
- Was wird aktiviert?
- Wie sicher ist der Raum?
- Welche neue Erfahrung wird möglich gemacht?
Das ist keine Magie. Sondern Neurobiologie.
Fazit: Heilung ist biologisch möglich – und zutiefst menschlich
Wenn du also spürst, dass dich etwas immer wieder einholt, obwohl du es längst „verstanden“ hast, dann ist das kein persönliches Scheitern. Dann ist es ein Hinweis deines Gehirns, dass dort noch etwas wartet, das nicht gelöscht, sondern neu gefühlt werden möchte.
Der Weg dorthin braucht Sicherheit, Wissen, Raum und echte Begleitung. Und die Bereitschaft, dem inneren Erleben wieder zu vertrauen.
Denn genau dort – nicht im Denken, sondern im Fühlen – geschieht die wahre, tiefe Veränderung.
Die neurobiologische Grundlage von Heilung zeigt deutlich, dass nachhaltige Veränderung nicht durch Einsicht entsteht, sondern durch inneres Erleben, das sicher aktiviert und neu erfahren werden kann.
Im nächsten Artikel dieser Reihe gehe ich einen Schritt weiter und zeige, wie die MAP-Methode diese neurobiologischen Prozesse praktisch nutzt, um Veränderung ohne Überforderung zu ermöglichen.
Literatur:
Alberini, C. M. (2011).
The role of reconsolidation and the dynamic process of long-term memory formation and storage.
Frontiers in Behavioral Neuroscience, 5, 12.
Bordoni, B., & Marelli, F. (2017).
Emotions in Motion: Myofascial Interoception. Complementary Medicine Research, 24(2), 110–113. DOI: 10.1159/000464149
Duvarci, S., & Nader, K. (2004).
Characterization of fear memory reconsolidation. The Journal of Neuroscience, 24(42), 9269–9275.
Dudai, Y. (2006).
Reconsolidation: the advantage of being refocused. Current Opinion in Neurobiology, 16(2), 174–178.
Exton-McGuinness, M. T. J., Lee, J. L. C., & Reichelt, A. C. (2015).
Updating memories—The role of prediction errors in memory reconsolidation. Behavioural Brain Research, 278, 375–384.
Hüther, G. (2006).
Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Hüther, G. (2010).
Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Hüther, G. (2016).
Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
LeDoux, J. (1996).
The Emotional Brain. Simon & Schuster.
Lee, J. L. C. (2009).
Reconsolidation: maintaining memory relevance. Trends in Neurosciences, 32(8), 413–420.
Nader, K., Schafe, G. E., & LeDoux, J. E. (2000).
Fear memories require protein synthesis in the amygdala for reconsolidation after retrieval.
Nature, 406(6797), 722–726.
Schwabe, L., Nader, K., & Pruessner, J. C. (2014).
Reconsolidation of human memory: Brain mechanisms and clinical relevance. Biological Psychiatry, 76(4), 274–280.
Sevenster, D., Beckers, T., & Kindt, M. (2013).
Prediction error governs pharmacologically induced amnesia for learned fear. Science, 339(6121), 830–833.
Sevenster, D., Beckers, T., & Kindt, M. (2014).
Prediction error demarcates the transition from retrieval to reconsolidation of human fear memory.
Learning & Memory, 21(11), 580–586.
Tronson, N. C., & Taylor, J. R. (2007).
Molecular mechanisms of memory reconsolidation. Nature Reviews Neuroscience, 8(4), 262–275.

Vielen Dank für diesen wirklich bereichernden Artikel.
Deine Worte liebe Doris bringen komplexe neurobiologische Prozesse so verständlich und menschlich auf den Punkt.
Ich habe mich sehr darin wiedergefunden und nehme viel Wertvolles für meinen eigenen Weg mit.
Liebe Lorena,
danke dir sehr für deine Worte. Es freut mich wirklich, dass du dich darin wiederfinden konntest und etwas für deinen eigenen Weg mitnimmst. Genau dafür schreibe ich – um Zusammenhänge verständlich zu machen und erlebbar werden zu lassen.
Deine Rückmeldung berührt mich sehr.
Herzliche Grüße
Doris
Hallo Doris,
Ein wirklich gelungener Beitrag! Besonders spannend finde ich das Reconsolidation Fenster, das war mir so nicht bewusst. Prima, dass du die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse mit uns teilst, mir hilft es, einzelne psychologische Erkenntnisse im Zusammenhang zu sehen. Die neuen Erkenntnisse in Bezug auf Faszien wollte mir mein Körper schon lange mitteilen, ich hab's nicht kapiert, Danke für deine "Übersetzung". Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil.
Viele Grüße von Iris
Liebe Iris,
vielen Dank für dein wertschätzendes Feedback. Es freut mich sehr, dass dir das Reconsolidation-Fenster neue Zusammenhänge eröffnet hat und sich dabei auch etwas von dem bestätigt hat, was dein Körper schon länger gezeigt hat. Genau diese Verbindung von Körperwissen und Einordnung ist mir wichtig.
Schön, dass du beim nächsten Teil wieder dabei bist.
Herzliche Grüße
Doris
Herzlichen Dank für diesen reichen Artikel und die neue Reihe! Das Lesen fühlte sich an wie der Moment, wenn man plötzlich versteht, wie die einzelnen Puzzleteile zusammen gehören, die so lange ratlos einzeln nebeneinander lagen. Danke für dieses Geschenk!
Liebe Kathrin,
danke dir von Herzen für dein Feedback. Ich freue mich sehr, dass ich dir ein Stückchen mehr Klarheit geben konnte.
Alles Liebe
Doris
Hallo Doris,
Ein wirklich gelungener Beitrag! Besonders spannend finde ich das Reconsolidation Fenster, das war mir so nicht bewusst. Prima, dass du die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse mit uns teilst, mir hilft es, einzelne psychologische Erkenntnisse im Zusammenhang zu sehen. Die neuen Erkenntnisse in Bezug auf Faszien wollte mir mein Körper schon lange mitteilen, ich hab's nicht kapiert, Danke für deine "Übersetzung". Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Teil.
Viele Grüße von Iris
Liebe Iris,
hab vielen Dank für dein wertschätzendes Feedback.
Gerade das Reconsolidation-Fenster und die Verbindung von Körperwissen und Psychologie sichtbar zu machen, ist mir ein großes Anliegen.
Wie schön, dass sich durch den Artikel etwas einordnen ließ, was dein Körper dir offenbar schon länger zeigt.
Ich freue mich sehr, dass du beim nächsten Teil wieder dabei bist.
Herzliche Grüße
Doris
Vielen Dank, du schreibst mir aus der Seele und meinem eigenen beruflichen Erleben. Danke für die klaren Worte und diesen wirklich tollen Artikel! Herzliche Grüße, Jasmine
Liebe Jasmine,
herzlichen Dank für dein Feedback. Das freut mich sehr 😍🙏
Liebe Grüße Doris
Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung dieser Reihe.
😍🙏
Herzliche Grüße
Doris
Liebe Doris,
wow, ganz herzlichen Dank für diesen wieder – wunderbaren Beitrag! So so so wertvoll, was Du uns anbietest und schenkst!
Tatsächlich ist es mir gelungen mit ganz großer Neugier und Freude von vorne bis hinten alles in einem Rutsch zu lesen und aufzusaugen!
Vieles davon habe ich in den letzten Jahren meines nun schon über dreißigjährigen selbst erlebt, erfahren, verstanden und in den schönen Veränderungen wahrgenommen. Und somit mein absolut überzeugtes "Jaaa" dazu!
Eine Frage an dich: ich habe den Basiskurs schon einmal bei einer Kollegin von dir gemacht. Gerne würde ich ihn noch einmal bei dir wiederholen. Welches wären deine Konditionen dafür und vor allem: gibt es von den Terminen Aufzeichungen, weil der Dienstagabend bei mir bis nach 19 Uhr blockiert ist.
Herzlichen Dank für Alles, was Du in die Welt gibtst und liebe Grüße
Kerstin Geil
Liebe Kerstin,
danke dir von Herzen für dein Feedback. 😍🙏
Auf meiner Seite https://doris-buergel.de/neurographik-basiskurs/ findest du ganz unten eine Beschreibung zum NeuroGraphik Basiskurs Refresh. Er kostet 97,50 Euro und ja, es gibt immer Aufzeichnungen und natürlich auch den Zugang zum komplett ausgearbeiteten Kursbereich mit allen geschnittenen Videos zu allen Modellen.
Bei weiteren Fragen schreibe mir gern eine E-Mail an kontakt@doris-buergel.de.
Liebe Grüße
Doris
Liebe Doris
Herzlichen Dank für diesen Blog. Ich habe ihn gelesen und es hat mich tief im Herzen berührt. Es fühlt sich so kraftvoll an und ich durfte es schon selbst erfahren, diese Heilung von Traumas, wenn sich das Nervensystem wieder sicher fühlt.
Lieber Gruss Elsa
Herzlichen Dank, liebe Elsa,
ich freue mich, dass ich dich mit meinem Blog-Beitrag berühren durfte. So schön, dass du die Heilung von Traumas schon selbst erfahren hast. Danke für´s Teilen.
Liebe Grüße
Doris
Liebe Frau Bürgel,
während ich diesen Artikel gelesen habe, ist mir einiges verständlicher geworden.
Vielen Dank dafür.
Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung.
Liebe Grüße
Liebe Claudia,
danke für das Feedback, sehr gern.
Schön, dass du dich auf die Fortsetzung freust. Ich mich auch. Denn ich bin sehr glücklich, dass ich das gerade so schreiben kann.
Herzliche Grüße
Doris
Hallo liebe Doris,
dies ist genau auch der Punkt an dem ich schon seit längerem dran bin. Durch ein extremes Geschehen konnte ich am eigenen Leib erleben wie sich dieser Prozess genau abspielt. Vom Gefühl her, war eine große Unwissenheit, die keine bisherige bekannte Lösungen gefunden hatte.
Das eröffnete Möglichkeiten, sowie einen großen leeren Raum. In Zeitlupentempo wurde alles betrachtet, ohne Einschränkungen. Alle Möglichkeiten waren gleichwertig und nicht fix. Ein sehr friedvoller Raum voll Licht und Farbe.
Alles wurde zugelassen. Das geschah ohne Vorplanung oder Absicht. Heute denke ich , die Zeit war reif, um das so zu erleben.
Was war zuerst?? Das Huhn oder das Ei??
Eine Reproduktion mit andere Themen , hat kein willendliches Ergebniss gebracht.
Hast du dazu andere Erfahrungen gemacht??
Hallo liebe Christine,
mir geht es darum, genau solche Räume zu schaffen, in dem das geschehen kann. Und ja ich habe die Erfahrungen gemacht, dass das in bestimmten Settings umsetzbar war und ist.
Bereits im nächsten Artikel geht es darum, die Anwendung zu beschreiben und zu zeigen. Das geht mit verschiedenen Methoden, aber es ist wichtig zu wissen, worauf es ankommt.
Die Fortsetzung folgt im nächsten Blog-Beitrag.
Danke für das Teilen deiner Erfahrung 🙏
Liebe Grüße
Doris