Immer wieder bleibe ich hängen. Ein Reel, ein kurzes Video, ein paar Stories, und ich scrolle nicht weiter. Eine Frau, allein, irgendwo auf einer Landstraße in Asien. Sie hitchhikt, schläft draußen, hat kaum Geld. Man sieht den Staub an ihren Beinen, das Zelt notdürftig neben der Straße aufgebaut, die Erschöpfung in den Augen kurz bevor sie lacht. Manchmal weint sie kurz in die Kamera, manchmal sieht man ihr an, dass sie gerade etwas ausgehalten hat, das sie nicht für möglich gehalten hätte. Dann hält das nächste Auto.
Diese Stories faszinieren mich. Wirklich. Diese Energie, diese Unbedingtheit, das Vertrauen in das Nächste, das sich immer wieder neu beweisen muss. Ich finde das beeindruckend.
Und dann habe ich mich irgendwann gefragt: Ist das innere Freiheit? Oder ist das der andere Pol von dem, was ich in meiner Arbeit als Einschränkung durch Trauma kenne?
Was Trauma mit dem Leben macht
Trauma hinterlässt im Nervensystem eine sehr präzise Botschaft: Das war gefährlich. Merk dir das. Und das System tut genau das. Es lernt, bestimmte Situationen, Orte, Menschen, Reize zu meiden, weil sie an das Ursprungserlebnis erinnern. Als bewusste Entscheidung kommt das selten an, es geschieht als automatische Reaktion, die schneller ist als jeder Gedanke.
Joseph LeDoux (1996) hat in seinen Arbeiten zur Gedächtnisforschung gezeigt, wie emotional aufgeladene Erinnerungen anders gespeichert werden als neutrale Informationen: tiefer, schneller abrufbar, stärker mit körperlichen Reaktionen verbunden. Die Amygdala bewertet einen Reiz, bevor der präfrontale Kortex überhaupt weiß, was gerade passiert ist. Das bedeutet: Was wie eine Entscheidung aussieht, etwa „Ich gehe da nicht mehr hin" oder „Das mache ich nicht mehr", ist oft längst gefallen, bevor wir nachgedacht haben.
Das Ergebnis ist gut gemeint. Das System schützt. Aber mit der Zeit wird die Welt kleiner. Immer mehr Situationen fallen unter das, was das Nervensystem als potenziell gefährlich klassifiziert. Immer mehr Möglichkeiten werden gemieden. Das Leben zieht sich zusammen, Schicht für Schicht, oft so langsam, dass es kaum auffällt.
Ich sehe das in meiner Arbeit oft in kleinen Sätzen. Die eine Straße, die nicht mehr gefahren wird. Der Kontakt, der nicht mehr gesucht wird. Die Verabredung, die abgesagt wird, weil sich etwas dagegen sträubt, das keinen Namen hat. Niemand nennt das Angst. Es heißt dann: keine Lust, keine Zeit, passt gerade nicht. Wie sich diese Verengung im Inneren festsetzt, beschreibe ich ausführlicher in Trauma verstehen, was im Inneren weiterwirkt.
Der andere Pol
Jetzt wieder diese Frau auf der Landstraße.
Was sie tut, sieht auf den ersten Blick wie das genaue Gegenteil aus: kein Rückzug, sondern Aufsuchen. Keine Vermeidung, sondern Bewegung. Keine Sicherheit, sondern Risiko. Das Adrenalin, das Unbekannte, die Intensität: immer wieder, immer weiter.
Aber ich glaube, neurobiologisch betrachtet ist das kein Gegenpol. Es ist eine andere Reaktionsform des Nervensystems auf dasselbe Grundproblem.
Daniel Siegel (2012) hat das, was ein Nervensystem braucht, um wirklich präsent und handlungsfähig zu sein, als Toleranzfenster beschrieben: einen Bereich zwischen zu viel Aktivierung und zu wenig, in dem echte Erfahrung möglich ist. Beides, Erstarrung und Dauerstimulation, liegt außerhalb dieses Fensters. Beim einen ist das System heruntergeregelt, eingefroren. Beim anderen ist es so stark aktiviert, dass es ohne diese Aktivierung kaum noch auskommt. Das Adrenalin wird zur eigenen Anforderung. Normal wird unerträglich.
Ich kenne diesen Mechanismus auch aus anderen Zusammenhängen. Bei Menschen, die von einer Extremsportart zur nächsten wandern. Bei Menschen, die eine berufliche Krise geradezu suchen, weil der Alltag sich unerträglich leer anfühlt. Das Nervensystem hat gelernt, sich nur noch über hohe Aktivierung als lebendig zu erleben. Ruhe wird dann nicht als Erholung erlebt, sondern als genau das, was es zu vermeiden gelernt hat: Stillstand, der sich wie Gefahr anfühlt.
Was ich in diesen Stories beobachte, ist manchmal beides gleichzeitig: echte Lebendigkeit und eine Abhängigkeit vom Nächsten. Der ruhige Morgen zu Hause, der Alltag mit Pflichten, die Stille, wenn nichts passiert, all das können diese Menschen oft kaum noch (aus)halten. Was passiert, wenn der entgegengesetzte Rückzug zur Gewohnheit wird, beschreibe ich in Warum Heilung in Beziehung geschieht.
Was Beziehung sichtbar macht
Und dann ist da noch etwas, das mich in diesen Geschichten besonders beschäftigt.
Immer wieder sehe ich in den Videos kurze Momente echter Verbindung: eine Begegnung unterwegs, jemand, der die Frau im Auto mitnimmt und zuhört, eine Nacht mit Gleichgesinnten. Und die Frau blüht auf. Sofort. Man sieht es. Das Bedürfnis nach Verbindung ist vollständig da.
Man sieht es auch beim Abschied. Der Blick, der noch einmal zurückgeht. Die Umarmung, die eine Sekunde zu lang dauert. Dann steigt sie ins nächste Auto.
Aber es bleibt kurz. Dann fährt sie weiter. Dann kommt die nächste Begegnung, wieder intensiv, wieder real, wieder vorüber. Was fehlt, ist nicht die Nähe. Was fehlt, ist die Wiederkehr. Der zweite Morgen mit demselben Menschen. Der Streit, der stattfindet und dann beigelegt wird. Die Gewöhnlichkeit, die einer Begegnung erst zeigt, ob sie hält.
Stephen Porges (2011) hat in seiner Polyvagaltheorie beschrieben, wie das soziale Engagement-System des Nervensystems funktioniert: Es wird aktiv, wenn sich ein Mensch wirklich sicher fühlt. Reguliert sicher, nicht adrenalinaktiviert sicher. Echte Co-Regulation, das gegenseitige Stabilisieren zweier Nervensysteme, braucht Zeit. Wiederholung. Das Erleben von jemandem auch dann, wenn nichts Aufregendes passiert.
Wer sich immer in Bewegung hält, bekommt diese Erfahrung nie.
Dabei wäre es zu einfach, das für ein Problem der Bewegung zu halten. Wer sich so stark zurückgezogen hat, dass Begegnungen selbst gefährlich wirken, landet am selben Punkt, nur von der anderen Seite betrachtet. Auch dort fehlt genau das, was Nähe erst sicher macht: die Wiederholung, das Bleiben, das Erleben von jemandem über den einzelnen Moment hinaus. Was John Bowlby (1969) als sichere Bindung beschrieben hat, eine Verbindung, die stark genug ist, um darin wirklich gesehen zu werden, auch in den unschönen, anstrengenden, gewöhnlichen Momenten, bleibt in beiden Polen außer Reichweite. Nur aus unterschiedlichen Richtungen. Was es braucht, um trotzdem in Verbindung zu bleiben, wenn Nähe riskant erscheint, beschreibe ich in Wenn jemand deine Wirklichkeit infrage stellt.
Was wirklich möglich ist
Karim Nader, Gordon Schafe und Joseph LeDoux (2000) haben in ihrer Forschung zur Gedächtnisrekonsolidierung gezeigt, dass das, was das Nervensystem einmal gelernt hat, tatsächlich verändert werden kann. Wenn eine alte Erinnerung reaktiviert wird, wird sie vorübergehend labil. In diesem Moment ist eine Aktualisierung möglich. Das System kann Neues einschreiben, wenn die Bedingungen stimmen. Wie dieses Zeitfenster im Gehirn genau entsteht, beschreibe ich ausführlicher in Die neurobiologische Grundlage von Heilung.
Das ist kein Vergessen. Es ist Verlernen. Und das ist ein tiefgreifender Unterschied.
Aber das Reconsolidation-Fenster öffnet sich durch maximale Intensität gerade nicht. Es öffnet sich durch das Zusammentreffen zweier Dinge: die Aktivierung des alten Musters und gleichzeitig genug Sicherheit, damit das Nervensystem eine neue Erfahrung wirklich aufnehmen kann. Weder Überwältigung noch Vermeidung. Diese schwierige, präzise Mitte.
In meiner Arbeit sieht das oft unspektakulär aus. Ein Blick, der bleibt, obwohl gerade Schmerz da ist. Eine Stimme, die ruhig bleibt, während im Inneren etwas Altes anspringt. Eine Wiederholung, die zeigt: Diesmal passiert nicht, was damals passiert ist. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Aufregung und innerer Freiheit.
Innere Freiheit ist kein Abenteuer und kein Rückzug.
Sie ist keine Landstraße in Asien und kein Leben, das sich Stück für Stück verkleinert hat: die Straße, die nicht mehr gefahren wird, der Kontakt, der nicht mehr gesucht wird, die Verabredung, die es gar nicht erst gibt. Sie ist ein Zustand des Nervensystems: präsent, lebendig, in Kontakt mit dem, was gerade ist, ohne von der Vergangenheit gesteuert zu werden.
Das klingt einfach. Es ist die schwierigste Sache der Welt.
Du selbst, wer sonst?
Literatur:
Bowlby, J. (1969). Attachment and loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books.
LeDoux, J. (1996). The emotional brain: The mysterious underpinnings of emotional life. Simon & Schuster.
Nader, K., Schafe, G. E. & LeDoux, J. E. (2000). Fear memories require protein synthesis in the amygdala for reconsolidation after retrieval. Nature, 406(6797), 722–726.
Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.
Siegel, D. J. (2012). The developing mind (2. Aufl.). Guilford Press.
van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.
Dr. Doris Bürgel
Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.
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