April 30

Was ein Wal uns über Menschlichkeit lehrt – psychologisch betrachtet

Du selbst, wer sonst?

0  KOMMENTARE

Etwa dreißig Tage lang lag dieser Wal auf der Sandbank. Man hatte ihn befreit, er strandete wieder. Als wäre er in etwas gefangen, das sich nicht einfach lösen ließ.

Irgendwann kam das Gutachten. Von Wissenschaftlern, die von außen schauten, die Lage einschätzten und ein Ergebnis formulierten, das klar klang: keine Überlebenschance. Man solle ihn würdevoll sterben lassen.

Dieses Wort hat mich nicht losgelassen. Würdevoll sterben lassen. Als wäre das eine Fürsorge. Als wäre es Respekt, ihn dort liegen zu lassen, bis er verendet.

Ich nenne es anders. Würde bedeutet, gesehen zu werden. Begleitet zu werden. Nicht allein zu sterben. Was das Gutachten als Würde beschrieb, war das Gegenteil davon: eine saubere Begründung, nichts zu tun.

Was mich daran nicht loslässt, ist nicht die Möglichkeit, dass Menschen sich irren. Das gehört dazu. Was mich berührt, ist etwas anderes. Sie sind mit dem Boot um ihn herumgefahren, haben ihn dort liegen gesehen und ihm jede wirkliche Hilfe verweigert. Kein Schutz vor der Sonne, kein Schutz vor den Möwen. Ein bisschen Wasser. Das war alles. Und das nannten sie würdevoll sterben lassen. Auf einer Sandbank verenden – das und Würde, das passt nicht zusammen.

Wenn eine Chance reicht

Ein paar Menschen haben das nicht akzeptiert.

Walter Gunz und Karin Walter-Mommert haben eine Initiative gestartet. Ihr Ausgangspunkt war kein optimistisches Gegengutachten, keine Erfolgsgarantie. Ihr Ausgangspunkt war ein Satz: „Wenn es eine Chance gibt, dann nutzen wir sie."

Das klingt einfach. Es war es nicht. Fünfzig Menschen wurden zusammengebracht, unterschiedlich, eigenwillig, mit ganz verschiedenen Hintergründen. Enorme finanzielle Mittel flossen ein. Und dann taten diese Menschen etwas, das von keinem Expertenrat empfohlen worden war: Sie gingen ins Wasser. Mit dem Wal. Sie blieben bei ihm, Tag für Tag, berührten ihn, ließen ihn nicht allein.

Das war kein Projekt. Das war Beziehung.

Gunz hat später erzählt, was er sich in diesen Tagen gedacht hat. Selbst wenn der Wal auf dem Weg versterben würde – es wäre ihm so viel Liebe und Zuwendung zuteil geworden. Und dann stellt er eine Frage, die mich sehr berührt hat: „Welcher Mensch hat in seinen letzten Stunden schon so eine großartige liebende Zuwendung?"

Er wurde ein letztes Mal von der Sandbank befreit, mit großem Kraftaufwand gedreht. Und dann – ohne Gurte, ohne dass jemand ihn zog oder führte – schwamm er. Die letzten hundert Meter, aus eigener Kraft, in das schwimmende Becken hinein, das für ihn vorbereitet worden war.

Er ist einfach hineingeschwommen.

Alle haben geweint in diesem Moment. Auch die gestandenen Männer. Weil dieser Wal nicht gezwungen wurde, nicht gelockt, nicht gedrängt. Weil er Vertrauen gefasst hatte. Weil er verstanden hatte, wohin er schwimmen sollte. Und es getan hat, aus freien Stücken.

Dafür gibt es eine biologische Erklärung. Eine, die diesem Moment nichts nimmt.

Was im Nervensystem geschieht

Stephen Porges, der Begründer der Polyvagal-Theorie, beschreibt, wie das Nervensystem von Säugetieren auf Sicherheit und Gefahr reagiert. Nicht durch bewusste Entscheidung, sondern durch das, was er Neurozeption nennt: eine unwillkürliche, subkortikale Wahrnehmung, die das System in jedem Moment einschätzt, ob Verbindung möglich ist oder Rückzug notwendig. Wenn diese Einschätzung Sicherheit ergibt, öffnet sich etwas. Wenn nicht, schließt es sich oder erstarrt.

Als der Wal seine Flosse hob, weil jemand ihn streichelte. Als er stiller wurde, wenn die Menschen fort waren, und sich wieder bewegte, wenn sie zurückkamen. Das war kein Zufall. Das war ein Nervensystem, das auf sichere Verbindung antwortete. Nicht weil jemand die richtige Technik angewendet hatte, sondern weil geduldige, konsistente Präsenz das tut, was sie immer tut: sie signalisiert dem anderen Nervensystem, dass hier kein Angriff droht. Dass Öffnung möglich ist.

Ko-Regulation nennt Porges dieses Phänomen. Ein Nervensystem stabilisiert sich durch den Kontakt mit einem anderen, das ruhig und verlässlich bleibt. Es ist die biologische Grundlage jedes echten Beziehungsgeschehens und hier zeigte es sich, über die Grenze der Spezies hinaus.

Und ich merke, wie unmittelbar ich das verstehe. Weil in diesem Moment etwas sichtbar wird, das sich nicht mehr nur erklären lässt. Ein Tier, das Vertrauen fasst. Menschen, die bleiben. Und etwas, das sich zwischen ihnen aufbaut und verbindet, ohne dass man es greifen kann.

Die Grenze der reinen Einordnung

Das hat nichts mit einem einfachen Gegenüber von richtig und falsch zu tun. Und auch nicht mit einem „gegen die Wissenschaft". Aber es zeigt eine Grenze, die wir oft übersehen. Die Grenze dessen, was entsteht, wenn wir ausschließlich von außen beurteilen.

Daniel Kahneman beschreibt zwei Denksysteme, die in uns arbeiten. System 1 ist schnell, automatisch, mustergeleitet. Es urteilt in Sekunden, ohne dass wir es bewusst steuern. System 2 ist langsamer, prüfender, bereit, die erste Einschätzung zu hinterfragen. Das Problem entsteht nicht, wenn System 1 ein Urteil bildet, das tun wir alle, ständig. Das Problem entsteht, wenn dieses Urteil zur Gewissheit wird, bevor System 2 überhaupt anfangen durfte zu fragen. Die Experten sahen ein Muster: gestrandeter Wal, Wiederholung, Erschöpfung. Ihr System 1 sagte: er stirbt. Und damit war die Sache innerlich abgeschlossen. Was fehlte, war die Bereitschaft, näherzugehen, wirklich hinzuschauen und die eigene Einschätzung der Wirklichkeit auszusetzen.

Denn das, was hier den Unterschied gemacht hat, war nicht nur Wissen. Es war etwas, das sich nicht in Zahlen oder Prognosen fassen lässt. Es war Beziehung.

Erich Fromm beschreibt zwei grundlegende Weisen, in der Welt zu sein. Im Modus des Habens versuchen wir, die Welt zu erfassen, zu ordnen, festzulegen. Wir suchen Sicherheit, Klarheit, Kontrolle. Im Modus des Seins geschieht etwas anderes. Hier geht es um Begegnung, um unmittelbares Erleben, um das, was entsteht, wenn wir uns wirklich einlassen und nicht nur betrachten.

Was Porges aus neurobiologischer Perspektive beschreibt, ist dieselbe Unterscheidung in einer anderen Sprache: Der Modus des Seins ist genau jener Zustand, in dem das Nervensystem offen genug ist, um Verbindung zuzulassen. Einordnen hält uns auf Abstand. Begegnung kostet etwas.

Viktor Frankl würde sagen, dass genau hier etwas zutiefst Menschliches sichtbar wird. Der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das reagiert. Er ist ein Wesen, das sich zu dem, was geschieht, in Beziehung setzen kann. Das entscheidet, wie es einer Situation begegnet.

Und diese Entscheidung zeigt sich nicht in großen Worten. Sie zeigt sich darin, ob wir bleiben oder gehen.

Wenn etwas in uns nicht gesehen wird

Ich merke, dass mich diese Geschichte nicht nur auf einer gedanklichen Ebene berührt. Sie geht tiefer.

Ich kenne dieses Gefühl, dass etwas in mir da ist, klar, spürbar, nicht zu verwechseln, und dass es das Außen nicht erreicht. Dass darüber hinweggegangen wird, dass erklärt wird, was angeblich ist, während das, was ich selbst wahrnehme, keinen Platz bekommt.

Und mit der Zeit geschieht etwas, das kaum auffällt und gerade deshalb so wirksam ist. Es wird leiser in einem selbst. Dabei verschwindet es nicht, sondern findet keinen Ort mehr, an dem es gehört wird. Dieses Nicht-wirklich-gesehen-Werden, dieses subtile Übergehen dessen, was innerlich so eindeutig ist, hinterlässt Spuren.

Carl Rogers, einer der einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, beschrieb das bedingungslose positive Gesehen-Werden als eine der Kernbedingungen für echte Veränderung. Er nannte es „unconditional positive regard“, ein Gesehen-Werden ohne Agenda, ohne Bewertung, ohne den Versuch, jemanden in eine bestimmte Richtung zu bringen. Was die Menschen im Wasser mit dem Wal getan haben, war genau das. Sie waren nicht dort, um etwas zu beweisen oder einen Erfolg zu produzieren. Sie waren einfach da. Dieses Erfahren von echtem Gesehen-Werden – in der psychologischen Forschung manchmal „Witnessing“ genannt – gilt als eine der tiefgreifendsten Erfahrungen, die ein Lebewesen machen kann. Nicht weil sie Probleme löst, sondern weil sie etwas Grundlegendes berührt: die Erfahrung, in der eigenen Existenz anerkannt zu werden.

Ich glaube, das ist ein Grund, warum so viele Menschen diese Geschichte verfolgt haben. Sie konnten kaum erklären, warum es sie so berührt. Der Wal auf der Sandbank war nicht nur ein Tier. Er war ein Spiegel für etwas, das viele aus eigenem Erleben kennen: da zu sein und trotzdem nicht wirklich gesehen zu werden. Eingeordnet zu werden, statt berührt zu werden.

Vielleicht berührt mich diese Geschichte deshalb so sehr. Weil sie genau an diesen Punkt geht. An die Frage, was geschieht, wenn das, was da ist, nicht nur betrachtet, sondern wirklich wahrgenommen und in Beziehung gegangen wird.

Was täglich mit uns gemacht wird

Und gleichzeitig frage ich mich, was mit uns passiert, wenn das die Ausnahme bleibt.

Wenn ich mir anschaue, womit wir täglich konfrontiert sind: Krieg, Kriminalität, Krisen, Katastrophen. Was dabei kaum diskutiert wird: Das ist nicht nur ein inhaltliches Problem. Es ist ein neurobiologisches. Ein Nervensystem, das dauerhaft in Alarmbereitschaft gehalten wird, beginnt sich schrittweise von dem zurückzuziehen, was Porges den sozialen Einbindungsmodus nennt, jener Zustand, in dem echte Begegnung, Mitgefühl und Verbindung überhaupt erst möglich werden. Wir werden nicht aus schlechtem Willen gleichgültiger. Wir werden es, weil ein System, das zu lange auf Gefahr geeicht wurde, Verbindung irgendwann als Risiko bewertet.

Das zeigt sich im Kleinen: das Gefühl, sich nicht mehr wirklich berühren zu lassen. Die Erschöpfung, die sich als Gleichgültigkeit tarnt. Der Zynismus, der als Realismus verkauft wird. Und im Größeren: eine Gesellschaft, die immer besser darin wird, zu kommentieren, einzuordnen und zu urteilen und immer schwerer darin, einfach zu bleiben.

Dass diese Rettungsaktion in manchen Medien als Überreaktion beschrieben wurde, als hätten die Menschen den Kompass verloren – das lese ich genau anders herum. Ich glaube, dass hier etwas sichtbar geworden ist, das die ganze Zeit da war, nur keinen Anlass hatte, sich zu melden. Die Sehnsucht nach einer Geschichte, in der Verbindung etwas bewirkt. In der es keinen Zynismus braucht, um klar zu sehen. In der das Herz nicht als Schwäche gilt, sondern als Orientierung.

Millionen Menschen haben mitgefiebert. Nicht weil sie die Lage der Welt vergessen hätten. Sondern vielleicht gerade weil sie sie kennen.

Was diese Geschichte sichtbar macht

Was mich an dieser Geschichte bewegt, ist nicht, dass sie gut ausgegangen ist. Vielleicht geht sie gar nicht gut aus. Vielleicht stirbt der Wal im Atlantik, und die Wissenschaftler behalten am Ende recht. Das ist möglich. Und es wäre trotzdem kein Argument gegen das, was hier geschehen ist.

Denn darum geht es mir nicht. Es geht mir um den Prozess. Um das, was diese Menschen getan haben, ohne zu wissen, wie es endet. Etwas zutiefst Menschliches ist hier sichtbar geworden und das berührt mich, unabhängig vom Ausgang.

Es ist die Erfahrung, dass sich etwas verändert, wenn Menschen sich nicht zurückziehen. Wenn sie nicht bei der Einordnung stehen bleiben, sondern sich einlassen, sich berühren lassen und bereit sind, die Unsicherheit auszuhalten, die damit verbunden ist.

Würde ist nicht, jemanden würdevoll sterben zu lassen. Würde ist, bei jemandem zu sein. Auch wenn man nicht weiß, ob es hilft. Auch wenn es Mühe kostet. Auch wenn man damit falsch liegt.

Vielleicht ist genau das der Punkt, der in dieser Geschichte sichtbar wird. Nicht, dass uns die Menschlichkeit verloren gegangen ist, sondern dass wir ihr oft nicht mehr folgen, wenn sie uns aus der Sicherheit herausführt. Wenn sie keine Garantie mitbringt, sondern nur die Einladung, trotzdem zu handeln.

Das Menschlichste, was wir tun können, ist vielleicht genau das: wirklich in Beziehung zu gehen. Hinzugehen. Sich berühren zu lassen und zu bleiben.


Literatur:

Frankl, V. E. (1959). Man's search for meaning. Beacon Press. (Deutsche Ausgabe: ...trotzdem Ja zum Leben sagen, 1946, Kösel.)

Fromm, E. (1976). Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Deutsche Verlags-Anstalt. (Englische Ausgabe: To have or to be? Harper & Row.)

Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux. (Deutsche Ausgabe: Schnelles Denken, langsames Denken, 2012, Siedler.)

Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.

Rogers, C. R. (1957). The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change. Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95–103.

Rogers, C. R. (1961). On becoming a person: A therapist's view of psychotherapy. Houghton Mifflin.



Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

Die letzten Beiträge:

Individuation zeichnen – wenn Theorie spürbar wird

Im ersten Teil dieser Reihe habe ich Jungs Konzept des Selbst so genau beschrieben, wie ich es konnte. Persona, Ich, Schatten, das Selbst als Totalität, Individuation als Alchemie – das sind Begriffe, die präzise sind. Und die gleichzeitig eine seltsame Eigenschaft haben: Je sorgfältiger man sie erklärt, desto mehr gleitet das Eigentliche weg. Das Benennen

Read More

Das Selbst nach C. G. Jung und warum es mehr ist als ein wahres Ich

Das Ich ist der Teil von dir, den du kennst.Das Selbst ist das, was dich kennt. Es gibt Momente, in denen Menschen spüren, dass das Leben, das sie führen, und das Leben, das sie eigentlich leben wollen, zwei verschiedene Dinge sind. Nicht weil sie sich schlecht entschieden hätten. Nicht weil irgendjemand böse gemeint hätte. Sondern weil

Read More