September 1

Kreative Potentialentfaltung: Was Entfaltung wirklich bedeutet

Du selbst, wer sonst?, Nervensystem & Neurobiologie, NeuroGraphik®

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Ein kleines Kind sitzt auf seinem Bett. Aus dem Wohnzimmer dringen laute Stimmen. Es versteht nicht, worum es geht. Es weiß nur, dass sich etwas in seinem Bauch zusammenzieht. Es hält den Atem an und lauscht. Alles in ihm wird still. Irgendwie hält es diesen Moment aus. Und ohne dass es irgendjemand bemerkt, findet sein Nervensystem einen Weg, mit dieser Situation zurechtzukommen.

Jahre später sitzt dieses Kind als erwachsene Frau mir gegenüber. Sie wundert sich, warum sie sich klein macht, sobald jemand lauter wird. Warum sie sich entschuldigt, obwohl sie nichts falsch gemacht hat. Warum ihr Körper längst reagiert, bevor der Verstand überhaupt begreift, was gerade passiert. Genau an diesem Punkt beginnt Potentialentfaltung.

Was Potentialentfaltung bedeutet

Entfaltung beginnt dort, wo etwas, das lange eingewickelt war, wieder sichtbar werden darf. Das Wort selbst verrät, worum es geht: Etwas, das eingewickelt wurde, wird wieder ausgewickelt. Eine Lösung, die ein Mensch einmal gefunden hat, muss also nicht für immer dieselbe bleiben. Sie kann wieder betrachtet, verändert und weiterentwickelt werden.

Hüther (2015) verwendet den Begriff der Potentialentfaltung in genau diesem Sinn, nicht als Zustand, den jemand erreicht, sondern als Bewegung, die nie ganz abgeschlossen ist. Er beschreibt sie als einen biologischen Grundvorgang, der auf allen Ebenen des Lebendigen wirkt, von der einzelnen Zelle bis zur menschlichen Gemeinschaft. Jedes lebende System bringt die in ihm angelegten Möglichkeiten dort am ehesten zur Entfaltung, wo es in Beziehung zu anderen steht.

Während meiner Ausbildung zum Potentialentfaltungscoach bei Gerald Hüther wurde mir noch einmal bewusst, wie tief dieser Begriff eigentlich ist. Potentialentfaltung bedeutet nicht, mehr aus sich herauszuholen. Sie bedeutet, Bedingungen zu schaffen, unter denen das, was bereits in einem Menschen angelegt ist, sich überhaupt zeigen kann.

Das ist mehr als eine schöne Formulierung. Es bedeutet, dass Entwicklung kein Ziel ist, das am Ende eines Weges wartet, sondern ein Vorgang, der beginnt, sobald ein Mensch aufhört, sich an eine alte Lösung zu klammern.

Wie Kindheitslösungen zu festen Wegen werden

Jede Lösung, die ein Kind für sich findet, hinterlässt Spuren im Gehirn. Hüther (2015) zeigt, wie stark sich das menschliche Gehirn durch soziale Erfahrungen strukturiert. Nervenzellen, die gemeinsam aktiv werden, bilden Verschaltungen. Wird eine solche Verschaltung wiederholt genutzt, festigt sie sich, ähnlich wie ein Trampelpfad, der mit jedem Mal, in dem er begangen wird, deutlicher sichtbarer im Gras wird. Aus dem Trampelpfad wird eine Straße, aus der Straße vielleicht irgendwann eine Autobahn, von der es schwer wird, wieder herunterzufinden.

Diese Bahnung geschieht nicht zufällig, sie wird belohnt. Hüther (1997) beschreibt, dass das Gehirn bei einer Reaktion, die eine bedrohliche Situation erträglicher macht, Dopamin ausschüttet und körpereigene Opioide aktiviert. Beides wirkt wie eine innere Erleichterung. Ob Rückzug nach einer Ablehnung, Anpassung auf Kritik oder Funktionieren bei Überforderung, das Gehirn speichert diese Reaktion als gute Lösung für solche Situationen ab. Beim nächsten Mal greift es deshalb bevorzugt wieder auf denselben Weg zurück.

Gleichzeitig verbraucht eine bereits gebahnte Verschaltung deutlich weniger Energie als der Versuch, einen neuen Weg zu finden. Belohnung und Energieersparnis wirken zusammen, und genau dieses Zusammenspiel macht aus einer einzelnen kindlichen Lösung eine der stabilsten Strukturen, die ein Mensch besitzt. Genau darin liegt das Problem und die Chance zugleich: was einmal als Rettung diente und dazu noch wenig kostet, wird zur Gewohnheit, lange nachdem die eigentliche Gefahr verschwunden ist. Genau diese Hartnäckigkeit beschreibe ich auch in Warum sich Glaubenssätze so hartnäckig halten.

Wenn das Gehirn aus der Kohärenz fällt

Kohärenz beschreibt bei Hüther (2015) einen Zustand, in dem das Gehirn mit möglichst geringem Energieaufwand arbeitet, weil alles zueinander passt. Doch dieser Zustand ist die Ausnahme, nicht der Normalfall. Sobald eine Erfahrung nicht zu dem passt, was im Gehirn bereits angelegt ist, geraten die beteiligten Nervenzellen aus dem Takt. Es entsteht etwas, das sich innerlich wie Unordnung anfühlt, diffus, anstrengend, kaum zu greifen.

Das Gehirn hält diesen Zustand nicht lange aus. Es sucht sofort nach einem Weg, der die Dinge wieder zueinander passen lässt, der das Denken leichter macht und erträglicher. Am liebsten greift es dabei auf das zurück, was schon vorhanden und gut gebahnt ist, weil das am wenigsten Energie kostet. Findet es diesen Weg als Kind, wird er gespeichert und bei der nächsten ähnlichen Situation erneut aktiviert. Genau diese alten Lösungen sind es, die uns heute begegnen, wenn wir von unseren Mustern sprechen. Sie erscheinen dabei nicht als Fehler im System, sondern als das, was das System einmal gerettet hat, und das mit dem geringsten Aufwand.

Verlernen ist genauso möglich wie Lernen

Die gute Nachricht darin: was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden. Neuronale Bahnungen sind keine Naturgesetze, sie sind das Ergebnis von Wiederholung, und was durch Wiederholung entstanden ist, verliert an Kraft, wenn es nicht mehr genutzt wird. Ganz so einfach, wie dieser Satz klingt, ist der Vorgang allerdings nicht. Eine tief gebahnte, mehrfach belohnte und energetisch günstige Verschaltung löst sich nicht durch bloße Einsicht auf. Hüther (1997) beschreibt, dass es dafür eine echte Verunsicherung braucht, einen Moment, in dem die alte Lösung tatsächlich nicht mehr funktioniert und das Gehirn spürt, dass es sich neu ordnen muss.

Erst wenn diese Verunsicherung ausgehalten werden kann, entsteht Raum für eine neue, ebenso stabile Bahnung. Genau das meint Entfaltung im eigentlichen Sinn: das Auswickeln einer alten, fest gewordenen Lösung. Kein einfacher Schritt, sondern ein neurobiologisch anspruchsvoller Vorgang, um Raum für eine neue zu schaffen. Potentialentfaltung bedeutet deshalb nicht, mehr aus sich herauszuholen. Sie bedeutet, mehr Möglichkeiten zu haben. Wie diese Neuordnung im Gehirn konkret gelingt, vertiefe ich in Neuroplastizität & Heilung.

Kreative Potentialentfaltung durch NeuroGraphik

Was sich nach einem einfachen Schritt anhört, Potentialentfaltung, ist neurobiologisch also ein hochkomplexer Prozess. Belohnung, Energieersparnis und jahrelange Bahnung wirken darin zusammen und halten eine Struktur fest, lange bevor der Verstand überhaupt merkt, dass sie noch aktiv ist. Deshalb braucht es mehr als eine gute Idee, um sie zu verändern. Es braucht einen Rahmen, in dem die nötige Verunsicherung sicher gehalten werden kann.

Das kann sich schon in der einzelnen Linie zeigen. Zeichnen wir eine neurographische Linie so, wie sie gewohnheitsmäßig aus uns herauskommt, bleiben wir in genau der Bahnung, die wir eigentlich verändern wollen. Ziehen wir sie dagegen bewusst ein Stück gegen das Vertraute, mit einem kleinen Widerstand gegen die gewohnte Bewegung, bewegen wir uns tatsächlich aus dem alten, immer gleichen Muster heraus. Für mich beginnt kreative Potentialentfaltung genau in diesem Moment: wenn eine kleine Bewegung nicht mehr automatisch dem Gewohnten folgt, sondern bewusst einen neuen Weg nimmt. Was NeuroGraphik als Methode genau ausmacht, erkläre ich in Was ist eigentlich NeuroGraphik?

Darüber hinaus bringt die NeuroGraphik nicht nur das aufs Papier, was ohnehin schon da ist. Beim intuitiven Zeichnen wird häufig sichtbar, was bereits in uns angelegt ist. Die NeuroGraphik geht darüber hinaus. Sie entwickelt das Bestehende weiter, zu etwas, das vorher noch nicht existiert hat. Die neurobiologischen Hintergründe dieses kreativen Prozesses beschreibe ich ausführlicher in NeuroGraphik und die neurobiologische Grundlage kreativer Transformation.

Den Weg der Potentialentfaltung bin ich selbst zehn Monate lang in der Ausbildung zum zertifizierten Potentialentfaltungscoach bei Gerald Hüther gegangen. Diese Zeit hat mein Verständnis von Lernen, Entwicklung und Veränderung nachhaltig geprägt. Seitdem verbinde ich dieses Wissen ganz selbstverständlich mit der NeuroGraphik.

Vielleicht berührt mich deshalb genau dieser Moment in meiner Arbeit immer wieder: wenn eine Frau erkennt, dass ihre heutigen Muster keine Schwächen sind, sondern einmal kluge Lösungen waren. Wenn sie beginnt, diese alten Wege Stück für Stück auszuwickeln und neue entstehen zu lassen. Genau darin sehe ich kreative Potentialentfaltung. Wer diesen Weg selbst mit der NeuroGraphik gehen möchte, findet den Einstieg im NeuroGraphik Basiskurs.

Literatur

Hüther, G. (1997). Biologie der Angst: Wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck & Ruprecht.

Hüther, G. (2015). Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten. Vandenhoeck & Ruprecht.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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