Du hast diese Zeichnungen gesehen – fließend, farbig, voller Leben. Nicht wie Bilder, die man einfach anschaut. Eher wie etwas, das einen nicht so schnell wieder loslässt. Vielleicht war da auch eine Sehnsucht dabei: nach ein paar Momenten, die nur dir gehören. Zeit, in der du nicht funktionieren musst. Einfach innehalten und vielleicht wieder spüren, wer du eigentlich bist.
NeuroGraphik beginnt oft genau hier.
Was NeuroGraphik ist
NeuroGraphik ist eine Methode, die 2014 von Prof. Dr. Pavel Piskarev entwickelt wurde – Architekt, Analytischer Psychologe und Gestaltpsychologe. Sein bekanntester Satz lautet: „Wenn etwas in deinem Leben fehlt, zeichne es."
Was damit gemeint ist, erschließt sich nicht sofort. Aber es trifft den Kern präzise.
NeuroGraphik ist kein freies Malen und kein Kunstprojekt. Sie folgt einer klaren Struktur, dem sogenannten Basis-Algorithmus. Und sie beginnt immer mit einem Thema: etwas, das dich beschäftigt, eine innere Spannung, ein Ziel, ein Gefühl, das du noch nicht fassen kannst. Dieses Thema bringst du ins Bewusstsein, bevor die erste Linie gezogen wird. Nicht nur als Gedanke, sondern so, dass du es auch körperlich spürst.
Dann beginnt das Zeichnen. Und dann passiert etwas, das viele Menschen überrascht.
Was du beim Zeichnen wirklich erlebst
Die meisten, die zum ersten Mal neurographisch zeichnen, kommen mit einer Erwartung: Ich male jetzt etwas Schönes. Oder: Das ist wohl so eine Art Meditation. Beides stimmt ein bisschen und beides greift trotzdem zu kurz.
Was tatsächlich passiert: Du zeichnest, und nach einer Weile schaltet sich das Kommentieren und Bewerten ab. Die Hand bewegt sich, die Linie fließt, und du bist einfach da. Das ist eine echte Auszeit, nicht weil die Welt verschwindet, sondern weil du aufhörst, gegen sie anzukämpfen.
Die neurographische Linie
Das zentrale Element der NeuroGraphik ist die neurographische Linie. Sie ist nicht gerade und nicht gleichmäßig geschwungen, sondern verläuft fließend, überraschend, unvorhersehbar. Dabei folgt sie der Logik der Natur, nicht der des Menschen.
Menschliche Linien


Natürliche bionische Linien


Der Unterschied ist sofort sichtbar: Menschgemachte Linien sind gerade, geometrisch, kontrolliert. Natürliche Linien – ein Flusslauf aus der Vogelperspektive, eine Ader auf deiner Handfläche, eine Wurzel eines riesigen Baumes – kennen keine rechten Winkel. Die neurographische Linie folgt diesem zweiten Prinzip. Und genau das macht etwas mit uns, während wir zeichnen. Indem wir neurographische Linien zeichnen, verbinden wir uns wieder mit etwas, das in uns angelegt ist – dem Rhythmus der Natur. Wir zeichnen nicht gegen die Natur. Wir zeichnen mit ihr.
Dort, wo Linien sich kreuzen, entstehen Schnittstellen, die bewusst abgerundet werden: aus scharfen Ecken werden weiche Übergänge. Viele Menschen erleben dabei körperlich, dass sich etwas löst – eine Spannung, eine Enge, ein innerer Widerstand.
Genau in diesem Zustand tauchen Dinge auf, die vorher nicht zugänglich waren. Ein Körpergefühl verändert sich. Etwas, das angespannt war, wird weicher. Manchmal kommen Bilder, die nichts mit dem Zeichnen zu tun zu haben scheinen. Manchmal kommt eine Klarheit, die vorher nicht da war.
Du kommst in Kontakt mit dir. Mit dem, was wirklich da ist. Jenseits von allem sich anpassen und funktionieren.
Warum NeuroGraphik mehr ist als eine schöne Auszeit
In der NeuroGraphik beobachten wir uns beim Zeichnen auf vier Ebenen gleichzeitig: welche inneren Bilder auftauchen, was sich im Körper verändert, welche Gefühle sich zeigen und wie sich die Bedeutung des Themas verschiebt. Diese vier Ebenen sind kein Zusatz zur Methode. Sie sind ihr Herzstück.
Veränderung geschieht nicht durch das Bild allein. Sie geschieht durch das, was in dir passiert, während du es zeichnest.
Warum das neurobiologisch nicht überraschend ist
Ich möchte hier ehrlich sein: Spezifische Studien, die die Wirkung der NeuroGraphik direkt untersuchen, gibt es bislang nicht in peer-reviewten Zeitschriften. Was wir haben, sind gut belegte neurobiologische Prinzipien aus der Gedächtnis- und Emotionsforschung und die Beobachtung, dass NeuroGraphik genau jene Bedingungen herzustellen scheint, unter denen diese Prinzipien wirksam werden.
Damit sich emotionale Muster verändern können, müssen sie zunächst aktiviert sein – nicht nur als Gedanke, sondern als körperlich spürbares Erleben. Das geschieht in der thematischen Einstimmung zu Beginn. Gleichzeitig entsteht durch das Zeichnen eine neue Erfahrung: Spannung verwandelt sich in Fluss, Starre bekommt Bewegung, was getrennt war verbindet sich. Das Gehirn lernt nämlich nicht durch Verstehen, sondern durch Erfahrung. Und Erfahrung ist genau das, was hier passiert.
Ob die Wirkmechanismen neurobiologisch exakt so ablaufen, wie ich es beschreibe, bleibt eine offene Forschungsfrage. Was ich allerdings in der Arbeit mit Menschen beobachte ist eindeutig: etwas verschiebt sich. Nicht als Effekt von Einsicht oder gutem Willen, sondern als etwas, das sich im Körper anders anfühlt.
Du musst nicht zeichnen können
Das ist der Punkt, der viele Menschen zuerst stoppt. „Ich bin nicht kreativ." „Ich kann nicht zeichnen." „Das ist nichts für mich."
NeuroGraphik setzt jedoch keinerlei zeichnerische Vorerfahrung voraus. Was zählt, ist nicht, wie das Bild am Ende aussieht, sondern was während des Entstehens in dir geschieht. Die Zeichnung ist immer richtig, weil sie zeigt, was gerade in dir da ist. Das lässt sich weder falsch noch richtig machen.
Für welche Themen eignet sich NeuroGraphik?
NeuroGraphik ist universell einsetzbar, weil sie nicht über Inhalte arbeitet, sondern über innere Zustände. Ob es um berufliche Neuorientierung geht, um Beziehungsthemen, um alte Muster, die sich hartnäckig halten, um Ziele, die sich nicht verwirklichen lassen oder einfach um das diffuse Gefühl, nicht ganz bei sich zu sein. All das lässt sich zeichnerisch bearbeiten.
Dabei gibt es zwei grundsätzliche Richtungen: Du kannst zeichnen, was gerade ist – einen Konflikt, eine Einschränkung, ein schwieriges Gefühl. Oder du zeichnest auf das hin, was werden soll – ein Ziel, eine Qualität, eine innere Richtung. Beides folgt einer klaren Struktur, die sicherstellt, dass der Prozess auch wirklich wirkt.
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Was das Bild dir zeigt
Die Bedeutung einer Zeichnung entschlüsselst du immer selbst. Kein Coach und keine Trainerin kann dir sagen, was dein Bild bedeutet – wohl aber helfen, den eigenen Blick freizumachen.
Denn wir sind in unseren Themen oft betriebsblind. Eine Zeichnung bringt uns von A nach B. Aber manchmal ist dieses B noch zu weit weg, zu wenig greifbar, zu wenig realisierbar. Wir zeichnen deshalb einen Schritt und bleiben dann stehen. Nicht weil die Methode nicht wirkt, sondern weil wir noch gefangen sind in dem Thema, das wir bearbeiten.
Genau hier ist ein Blick von außen oft der entscheidende Schritt. In den letzten sieben Jahren habe ich tausende von Zeichnungen supervidiert. Was ich dabei immer wieder höre: „Doris, du triffst das total." Die Fähigkeit, eine Zeichnung wirklich zu lesen – nicht zu projizieren, sondern zu sehen, was darin steckt – ist daher zu einer meiner Kernkompetenzen geworden. Soweit ich weiß, bin ich die einzige Trainerin, die das in dieser Form anbietet. Im NeuroGraphik Basiskurs ist ein detailliertes Feedback zu deinen Zeichnungen von mir persönlich inkludiert.
Warum ich mit dieser Methode arbeite
Ich habe 2018 zum ersten Mal neurographisch gezeichnet. Was mich überrascht hat, war nicht die Optik der Zeichnungen, sondern das, was während des Zeichnens passiert ist. Mein Verstand hat sich tatsächlich abgeschaltet. Ich war in einem Fluss. Und am Ende hatte ich ein Bild vor mir, das mich über mich selbst informiert hat – über Dinge, die ich vorher nicht in Worte hätte fassen können.
In all den Jahren seitdem ist mir eine Beobachtung immer klarer geworden: Veränderung geschieht nicht zufällig. Sie folgt bestimmten inneren Bedingungen. Etwas wird aktiviert – ein Gefühl, eine Spannung, ein inneres Bild taucht auf. Gleichzeitig entsteht Aufmerksamkeit für das, was da gerade ist. Der Körper reagiert. Und irgendwann entsteht eine neue Erfahrung, die vorher so noch nicht möglich war.
Struktur, die Veränderung ermöglicht
Was mich an der NeuroGraphik überzeugt, ist dass sie genau diese Bedingungen nicht dem Zufall überlässt. Der Basisalgorithmus folgt acht klaren Schritten und in diesen Schritten steckt eine präzise Veränderungslogik. Wir zeichnen also nicht einfach irgendetwas. Wir folgen einer Struktur, die mehrere Ebenen gleichzeitig anspricht: Wahrnehmung, Emotion, Körpererleben, Bedeutung. Nicht nacheinander, sondern im selben Moment.
Aus dem, was da ist, kann dadurch etwas Neues entstehen.
Das ist für mich der eigentliche Kern der NeuroGraphik. Nicht das Bild, das dabei entsteht. Sondern die Bewegung, die in dir beginnt.

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Würde sagen, dass die geraden Linien nicht menschlich sind, sondern kapitalistisch.
Ich sitze im Rollstuhl nach einer Gehirnblutung ich bin rechts gelähmt und kann nur die linke Hand brauchen.
Da kommt mir das grad gelegen …
Es gibt durchaus Erfahrungen, dass die Neurographik hilft, Verbesserungen bei Nervenausfällen und Wiederaufnahme der Funktionsfähigkeit zu unterstützen. Gute Besserung und viel Erfolg beim Zeichnen.
Herzliche Grüße
Doris
Sehr geehrte Frau Bürgel,
spannend ist der ansatz der Neurographik.
Ich habe eine Ausbildung zur Ausdrucksmalpädagogin nach Bettina Eggert.
Es erinnert mich sehr stark an Arno Stern, Bettina Eggert (Ausdrucksmalen) wenn es um den Intuitiven Ausdruck geht.
Was allerdings völlig anders ist dass die Bilder einen graphischen Ausdruck haben den Sie vermutlich durch den Linienansatz bekommen.
Mich würde interessieren ob ich mit der Neurogrphik gezielter als mit dem Ansatz der allgemeinen Kunsttherapie ein Problem lösen kann.
Herzliche Grüße Susanne Cornelia Funk
Sehr geehrte Frau Funk,
da ich keine ausgebildete Kunsttherapeutin bin, kann ich Ihnen nicht exakt den Vergleich zur Kunsttherapie beschreiben.
Die Neurographik ist eine eklektische Methode und beinhaltet sehr viele Ansätze aus verschiedenen Therapie- und Coaching-Richtungen. So wird z.B. die Gestalt der Ausgangszeichnung verändert. Das verändert ganz gezielt auch das zugrundeliegende Problem bzw. den ersten Ausdruck einer Zeichnung, den wir in der Neurographik als diagnostischen Teil bezeichnen. Dieser diagnostische Teil kann ganz gezielt hin zu einer Wunschzeichnung, wie sich das Thema in Zukunft anfühlen soll, verändert und weitergezeichnet werden. Ich habe schon den Eindruck, dass die gezielte Strichführung auch ganz präzise Wirkungen in den Fokus rücken kann und ganz besonders gut geeignet ist, hier dem Ausdruck zu verleihen, wie sich das Thema in Zukunft anfühlen und aussehen soll. Die Neurographik arbeitet hier sehr prozess- und lösungsorientiert.
Um zum gewünschten Ergebnis zu kommen, gibt es den sog. Basis-Algorithmus, der 7 Schritte beinhaltet, die in jeder Zeichnung gezeichnet oder vollzogen werden. Diese Schritte geben dem Ganzen einen guten Rahmen und Halt, die gewünschten Veränderungen zu zeichnen.
Ich hoffe, das hilft Ihnen ein bisschen.
Herzliche Grüße
Doris Bürgel
P.S. Ihr Kommentar ist leider im Spam gelandet, deshalb habe ich das erst jetzt gesehen.
Du hast es wunderbar und treffend beschrieben, Doris!
Danke Dir sehr, Lena! Deine Meinung bedeutet mir sehr viel.
Sehr interessant liebe Doris. Das ist eine sehr neue Art, sich kennenzulernen. Neurographik kannst Du sicher gut in Deine Arbeit einbinden.
Danke Dir liebe Karina. Ja diese Art zu zeichnen bringt uns wieder ganz zu uns selbst und das ist ja mein Thema. Wahrscheinlich gefällt sie mir deshalb so gut ?! Und das ist auch gut im Coaching einzusetzen.