Über Veränderung, kreative Freiheit und die Frage, was wirklich wirkt
In den letzten Wochen habe ich viele Gespräche geführt, Nachrichten gelesen und Rückmeldungen aus meinem Netzwerk bekommen. Immer wieder taucht dabei dieselbe Frage auf: Was geschieht gerade rund um die NeuroGraphik? Und was machst du jetzt, Doris?
Im Umfeld der Methode ist einiges in Bewegung geraten. Einige Trainerinnen und Trainer haben angekündigt, eigene Wege zu gehen und neue Methoden zu entwickeln. Hintergrund ist vor allem die Diskussion um eine neue Vertragsstruktur, von der manche annehmen, dass sie verpflichtend wird und ihre Arbeit stark einschränken könnte. Aus diesem Grund entwickeln einige nun eigene Methoden, um sich aus dem System der NeuroGraphik zu lösen.
Methoden verändern sich und verzweigen sich. Doch wenn neue Wege ohne tragfähige Grundlage entstehen, kann das die NeuroGraphik im deutschsprachigen Raum schwächen.
Die eigentliche Frage: Warum wirkt Veränderung?
Gleichzeitig merke ich, dass mich die aktuellen Diskussionen weniger auf der organisatorischen Ebene beschäftigen. Mich interessiert eine andere Frage viel stärker.
Warum wirkt Veränderung überhaupt?
Diese Frage begleitet mich schon sehr lange. Als Psychologin habe ich mich viele Jahre mit Lernen, Entwicklung und inneren Prozessen beschäftigt. In meiner praktischen Arbeit mit Menschen sehe ich jeden Tag, wie unterschiedlich Veränderung geschehen kann. Manchmal reicht ein einziger Moment, der etwas im Inneren neu ordnet. Manchmal arbeiten Menschen lange an einem Thema und bewegen sich scheinbar kaum.
Mit der Zeit wird dabei eine Beobachtung immer klarer: Veränderung geschieht nicht zufällig. Sie folgt bestimmten inneren Bedingungen, die sich in vielen Prozessen wiederfinden. Etwas wird im Inneren aktiviert – ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Spannung oder ein inneres Bild taucht auf. Gleichzeitig entsteht Aufmerksamkeit für das, was da gerade geschieht. Der Körper reagiert, die Wahrnehmung verändert sich und irgendwann entsteht eine neue Erfahrung, die vorher so noch nicht möglich war.
In solchen Momenten verschiebt sich etwas im Inneren – nicht nur als Gedanke, sondern als spürbare Erfahrung. Genau diese Bewegungen interessieren mich. Und deshalb arbeite ich weiterhin mit der NeuroGraphik.
Warum mich die NeuroGraphik überzeugt
Für mich ist die NeuroGraphik keine Technik, die man lediglich Schritt für Schritt ausführt. Sie ist auch kein rein intuitives Zeichnen und kein bloßer Ausdruck von Gefühlen. Was mich von Anfang an an dieser Methode fasziniert hat, liegt an einer anderen Qualität.
Sie verbindet mehrere Ebenen des Erlebens miteinander und folgt dabei einer klaren Veränderungslogik. Diese Logik ist nicht zufällig entstanden. Viele ihrer Elemente finden sich auch in anderen wirksamen Veränderungsansätzen wieder – in therapeutischen, kreativen und körperorientierten Methoden, die mit Aktivierung, Aufmerksamkeit und neuer Erfahrung arbeiten. In der NeuroGraphik werden diese Elemente jedoch in einem kreativen Prozess zusammengeführt. Dadurch kann sichtbar werden, was bereits im Inneren vorhanden ist – Gefühle, Spannungen, innere Bilder oder Konflikte. Gleichzeitig eröffnet das Zeichnen die Möglichkeit, mit diesen inneren Mustern weiterzugehen, sie zu verändern und neue Wege entstehen zu lassen. Genau darin liegt für mich die besondere Qualität dieser Methode: Sie bildet nicht nur ab, was da ist, und sie erfindet auch nicht einfach etwas Neues. Sie ermöglicht einen kreativen Transformationsprozess, in dem sich das eine in das andere überführen kann.
Wie Veränderung im Zeichnen entsteht
Mit dem Weiterführen und Verbinden der Linien verändert sich zugleich der innere Zustand. Was zunächst Ausdruck war, entwickelt sich weiter. Spannungen ordnen sich neu, neue Möglichkeiten werden spürbar, manchmal entsteht eine andere Perspektive.
Genau darin liegt für mich der Kern der NeuroGraphik:
Sie macht sichtbar, was im Inneren bereits da ist. Im Zeichnen beginnen sich sowohl die Zeichnung als auch das Erleben zu verändern.
Ausdruck und Transformation gehören dabei untrennbar zusammen.
Aus dem, was da ist, kann etwas Neues entstehen.
In den letzten Jahren habe ich mich immer intensiver damit beschäftigt, Veränderungsprozesse besser zu verstehen. Einen Einstieg dazu findest du auch hier: Was im Gehirn passiert, wenn Heilung geschieht. In meinen letzten Blogartikeln über die neurobiologischen Grundlagen von Veränderung geht es genau darum: zu untersuchen, was im Gehirn und im Körper geschieht, wenn sich innere Muster tatsächlich verändern.
Je mehr ich mich mit diesen Fragen beschäftige, desto deutlicher wird mir, dass viele wirksame Veränderungsprozesse einer bestimmten inneren Logik folgen. Es reicht meist nicht, etwas nur zu verstehen oder darüber zu sprechen. Auch ein Zielbild allein verändert noch nichts.
Damit Veränderung wirklich geschieht, müssen mehrere Ebenen gleichzeitig angesprochen werden: Wahrnehmung, Emotion, Körpererleben, Bedeutung und Handlung. Genau an dieser Stelle wird für mich verständlich, warum bestimmte Elemente der NeuroGraphik eine so große Wirkung entfalten können.
Feldlinien und die Verbindung nach innen
Feldlinien werden manchmal als rein gestalterisches Element betrachtet. In meiner Erfahrung haben sie jedoch eine viel tiefere Bedeutung. Feldlinien entstehen nicht aus einer willkürlichen Bewegung heraus, sondern folgen einer inneren Dynamik, die sich während des Zeichnens entwickelt. Viele Menschen erleben dabei, dass sie plötzlich wieder mit etwas in Kontakt kommen, das tiefer liegt als das bewusste Denken – mit sich selbst und mit einer inneren Ordnung, die vorher vielleicht verdeckt war. Solche Momente sind schwer in Worte zu fassen, aber sie sind in der Arbeit mit Menschen sehr deutlich spürbar.
Unterschiedliche Wege im kreativen Arbeiten
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich die Wege gerade trennen.
Manche Menschen möchten vor allem intuitiv zeichnen und das aufs Papier bringen, was gerade im Inneren vorhanden ist. Andere arbeiten stärker mit Zielbildern und mit der Vorstellung dessen, was entstehen soll. Beides kann auf seine Weise wertvoll sein.
Mich interessiert jedoch vor allem die Frage, was Menschen dabei unterstützt, sich wirklich innerlich zu verändern. Und in dieser Hinsicht erlebe ich die NeuroGraphik immer wieder als eine erstaunlich präzise Methode. Sie überzeugt mich, weil sie bestimmte Bedingungen erfüllt, unter denen Veränderung möglich wird.
Warum ich bei der NeuroGraphik bleibe
Deshalb bleibe ich bei der NeuroGraphik. Nicht aus Gewohnheit und auch nicht, weil ich mich nicht traue, etwas Neues zu entwickeln. Wer mich und meine Arbeit kennt, weiß, dass ich sehr gern forsche, experimentiere und Dinge weiterdenke. Aber gerade deshalb interessiert mich weniger, ständig neue Methoden zu erfinden. Mich interessiert etwas anderes: Ich möchte verstehen, warum Veränderung überhaupt geschieht. Und solange ich sehe, dass die NeuroGraphik genau dafür ein erstaunlich klares Werkzeug ist, werde ich weiter mit ihr arbeiten.
Die Landschaft der Methoden wird sich in den nächsten Jahren vermutlich verändern. Neue Formen des kreativen Arbeitens, neue Ansätze und neue Kombinationen werden entstehen. Das gehört zu jeder lebendigen Entwicklung.
Für mich bleibt jedoch eine Frage im Mittelpunkt: Was hilft Menschen wirklich, wieder in Verbindung mit sich selbst zu kommen und ihr Leben aus dieser Verbindung heraus zu gestalten? Genau deshalb arbeite ich auch in Zukunft mit der NeuroGraphik.
Eine persönliche Klarstellung
Zum Schluss möchte ich noch einen Punkt klarstellen, der in den aktuellen Diskussionen immer wieder auftaucht. Ich arbeite auf Grundlage meines Trainervertrags aus dem Jahr 2019. Dieser Vertrag gilt weiterhin und ermöglicht mir, meine Arbeit als NeuroGraphik Trainerin ohne Einschränkungen auszuüben.
Für mich steht deshalb nicht die Frage im Raum, ob ich meine Arbeit in Zukunft fortsetzen kann. Viel wichtiger ist mir die Frage, wie wir Methoden so einsetzen, dass sie Menschen wirklich dabei unterstützen, sich innerlich zu verändern.
Genau dieser Frage widme ich mich weiter – in meiner Arbeit, in meinen Artikeln und in den Räumen, die ich gestalte. Räume, in denen Menschen sich sicher fühlen können, sich selbst auf neue Weise zu begegnen. Räume, in denen die Bedingungen entstehen, unter denen sich etwas im Inneren wirklich bewegen und verändern kann und in denen das Zeichnen zu einer Erfahrung wird, die über den Moment hinaus wirkt.

Danke Doris für diese Erläuterung und klaren Worte. Wusste gar nicht, dass es eine solche Diskussion um NeuroGraphik gibt, die Du erwähnst. Für mich ist die NG ein Wegbegleiter in den Veränderungsprozessen, die jede/r bewusst oder unbewusst und permanent durchläuft. Für mich ist die (oft kontemplative) Art den Linien zu folgen (sie es den dünnen oder den sich verdickenden oder später den Feldlinien) ein Dreiklang zwischen Auge, Neuronenimpulsen und Fingerbewegung als ausführendem Organ. Diesen kompositorischen Vorgang beeinflussen dann auch von ihm erfasste Emotionen, Gedankengänge oder Erinnerungen. Ich lese gerade Daniel Kahneman 's Buch "Langsames Denken, Schnelles Denken", das mir die Komplexität aufzeigt, mit der sich unsere Hirnstruktur permanent beschäftigt. Zur Neurographik sehe ich da starke Verbindungen. Herzlichen Gruß. Robert
Lieber Robert,
vielen Dank für deinen Kommentar. Es ist sehr spannend zu lesen, wie du deinen eigenen Zugang zur NeuroGraphik beschreibst.
Dieser „Dreiklang“, den du benennst, trifft einen wesentlichen Aspekt sehr gut. Gerade dieses Zusammenspiel verschiedener Ebenen macht für mich den besonderen Wert der Methode aus.
Und ja, die Verbindung zu dem, was du bei Kahneman beschreibst, ist gut nachvollziehbar. Viele dieser Prozesse laufen gleichzeitig und oft außerhalb dessen, was wir bewusst steuern können.
Genau deshalb interessiert mich so sehr, unter welchen Bedingungen sich darin etwas wirklich verändern kann.
Herzliche Grüße
Doris
Deine Klarheit und deine Loyalität der Methode der NeuroGrapik treu zu bleiben, lässt mich dich, liebe Doris, noch mehr respektieren. Wer mit Sinn zeichnen möchte, wer sogar therapeutisch arbeitet, ist bei der NeuroGraphik absolut richtig. Und bei dir im Kurs sowieso. Deine klare Strukturierte Art Wissen zu vermitteln schätze ich sehr. Sie ist übrigens EINZIGARTIG. Ich lerne täglich, bei dir im Kurs, mit meinen Klienten und auf meinem eigenen Weg. DD, wie so oft. Danke Doris. Von ganzem Herzen Sarah
Liebe Sarah,
vielen Dank für deine Worte. Sie haben mich wirklich sehr berührt.
Es ist so schön zu lesen, wie du mit der NeuroGraphik arbeitest – für dich selbst und mit deinen Klienten. Genau dafür gebe ich das Wissen und meine Erfahrung weiter.
Danke dir für dein Vertrauen. Das bedeutet mir viel.
Herzliche Grüße
Doris
sehr spannend liebe Doris. Und daher habe ich auch so ein tiefes Vertrauen zu dir. Du arbeitest diesbezüglich auf einer fundierten, tiefen Wissensebene, offen, aufrichtig, übersichtlich. Dankeschön
Liebe Lorena,
vielen Dank für deine Worte. Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut.
Gerade dieses Vertrauen bedeutet mir viel.
Herzliche Grüße
Doris
Liebe Doris. Ja, ich bekomme auch die Debatte mit, die manche der Trainerinnen für sich versuchen einzuordnen zu verstehen und darauf zu reagieren. Jeder hat dabei seinen persönlichen Weg. Ich kann deinen Diskurs verstehen aber auch- um neutral zu bleiben- auch den deiner Kollegen/innen. Was macht das mit mir? Erstmal Verunsicherung: was bedeutet das für die Zukunft, was bedeutet das für mich. Aber ich weiß auch, dass ich immer die Wahl habe. Die Wahl mich zu entscheiden. Ich muss nicht NUR das EINE machen, ich kann als "Klient" BEIDES wählen. Da ich meist sehr intuitiv mit mir und meinen Klienten arbeite sollte das kein Problem bedeuten. Da haben wir es leichter (als Klienten). Mutig ist es immer sich zu entscheiden. Sehr herzliche Grüße Eva
Liebe Eva,
vielen Dank für deine offenen Worte. Ich finde es sehr nachvollziehbar, was du beschreibst – gerade diese Mischung aus Einordnen wollen und gleichzeitiger Verunsicherung.
Dass du sagst, du hast die Wahl, finde ich einen wichtigen Punkt. Am Ende geht es tatsächlich darum, den eigenen Weg zu finden und zu spüren, was für einen selbst stimmig ist.
Für mich steht dabei vor allem im Vordergrund, was Menschen wirklich dabei unterstützt, sich innerlich zu bewegen und neue Erfahrungen zu machen. Und aus dieser Perspektive treffe ich auch meine Entscheidungen.
Es ist schön zu lesen, dass du so intuitiv mit dir und deinen Klienten arbeitest. Das ist eine wertvolle Grundlage.
Herzliche Grüße
Doris
Liebe Doris, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich bin froh, Neurografik durch Dich vermittelt bekommen zu haben und zu bekommen.
Dieses Thema Orga/ Form contra Inhalt finden wir ja überall mit allen möglichen Auswüchsen.
Dein gesundes Ego hat es nicht nötig sich zu profilieren, das ist sehr wohltuend.
Ich habe das Werbevideo von Pavel für seine länderübergreifende Ausbildung gesehen, eine schöne Idee, aber schlecht gemacht, im Grunde erfährt man nichts …
Liebe Grüsse und vielen Dank auch für Deine aussagekräftigen Artikel! Sybille
Liebe Sybille,
vielen Dank für deine lieben Worte. Ich habe mich wirklich gefreut, das zu lesen.
Es bedeutet mir viel, dass du die NeuroGraphik über mich für dich erleben konntest und sie dich weiter begleitet. Genau darum geht es mir ja – nicht nur eine Methode weiterzugeben, sondern Räume zu öffnen, in denen etwas Eigenes entstehen kann.
Danke dir auch für deine Rückmeldung zu meinen Artikeln. Es ist schön zu wissen, dass sie dich erreichen.
Herzliche Grüße
Doris