„Wenn ich nichts leiste, bin ich nichts wert."
Ausgesprochen hätte ich diesen Satz damals nie. Mitten im Hamsterrad war dafür gar kein Platz. Trotzdem hat er mein Leben über Jahrzehnte geprägt, nicht als Gedanke, den ich bewusst gedacht hätte, sondern als etwas, das darunter lag und mein Handeln antrieb, ohne dass ich es hätte benennen können.
Ich weiß noch, wie sich das anfühlte: die Promotionsurkunde in der Hand, kurz die Freude, und fast im selben Atemzug schon die Frage, was als Nächstes kommt. Genauso war es nach jeder guten Note, nach jedem Abschluss, nach jeder Fortbildung. Der Erfolg war schön, aber er hielt nie lange. Nach kurzer Zeit begann die Suche von vorne. Was ist der nächste Schritt? Was muss ich noch lernen? Wo kann ich noch besser werden?
Dabei fehlte es mir nicht an Anerkennung. Menschen sahen, was ich erreicht hatte, freuten sich, waren stolz auf mich. Heute weiß ich: Das Problem war nicht der Mangel an Anerkennung. Das Problem war, dass sie bei mir nicht ankam. Gute Noten waren normal für mich. Das Studium war normal. Die Promotion war normal. Diese Dinge waren nie selbstverständlich, aber sie gehörten irgendwie zu mir. So hatte ich zu sein. Deshalb gab es auch keinen Moment, in dem ich innehielt und spürte, was ich eigentlich geschafft hatte. Es ging einfach weiter, von einem Ziel zum nächsten.
Wie sehr mein inneres Gleichgewicht daran hing, wurde erst sichtbar, wenn etwas einmal nicht funktionierte. Das kam zum Glück selten vor. Aber genau dann fiel ich aus meinem Normalzustand heraus. Plötzlich war da eine Verunsicherung, die viel größer war als das eigentliche Ereignis. Heute verstehe ich, warum. Leistung war für mich nie einfach nur Leistung. Sie war unbewusst mit meinem Wert verbunden. Solange dieser Wert nicht von innen spürbar war, musste das Außen immer wieder bestätigen, dass alles in Ordnung ist. Woher dieses Bedürfnis nach äußerer Bestätigung im Alltag eigentlich kommt, beschreibe ich in Wenn Sicherheit von außen kommen muss. Und weil diese Bestätigung nie wirklich in mir ankam, begann die Suche nach kurzer Zeit von Neuem.
Damals hätte ich gesagt, dass ich einfach neugierig bin, wissbegierig, engagiert. Heute sehe ich, dass noch etwas anderes dahinterlag. Es ging nie um Anerkennung von anderen Menschen. Es ging um eine Erwartung, die ich ganz allein an mich selbst hatte, bedingungslos und ohne Verhandlungsspielraum. Erfüllte ich sie, kam für einen Moment Erleichterung. Doch das Gefühl hielt selten lange an. Was aber passiert, wenn ein Ergebnis ausbleibt, das ich von mir selbst erwarte? Dann kommt keine Enttäuschung über die Umstände. Dann kommt Leere. Verzweiflung. Ein Frust, der sich nicht gegen die Situation richtet, sondern gegen mich selbst.
Wenn Verstehen nicht reicht
Der Satz „Wenn ich nichts leiste, bin ich nichts wert" tauchte relativ früh auf, als ich begann, mich intensiver mit mir selbst zu beschäftigen. Er war nicht besonders gut versteckt, irgendwann stand er einfach da und ließ sich nicht mehr übersehen. Einerseits war das eine Erleichterung. Endlich schien sichtbar zu werden, was mich über viele Jahre angetrieben hatte. Andererseits begann damit eine lange Suche. Denn obwohl ich diesen Satz erkannt hatte, veränderte sich zunächst erstaunlich wenig.
Ich verstand ihn. Ich konnte ihn benennen, wusste, woher er vermutlich kam. Und trotzdem blieb der innere Druck bestehen. Lange Zeit dachte ich deshalb, ich hätte ihn einfach noch nicht tief genug bearbeitet. Vielleicht brauchte es noch eine weitere Methode, noch eine weitere Erkenntnis. Warum Verstehen allein bei solchen Mustern so wenig bewirkt, beschreibe ich ausführlicher in Warum sich Glaubenssätze so hartnäckig halten.
Heute sehe ich das anders. Der Satz selbst war nie das eigentliche Problem. Er war die sichtbare Spitze von etwas, das viel tiefer lag.
Was hinter diesem Glaubenssatz liegt
Hinter dem Glaubenssatz verbarg sich eine Erfahrung, die ich damals noch nicht verstanden hatte: Ich konnte meinen eigenen Wert nicht fühlen, nicht im Körper, nicht unabhängig davon, was ich leiste. Ich konnte viele Dinge über mich wissen, meine Geschichte erzählen, meine Muster analysieren. Aber all das bedeutete noch nicht, dass ich mich selbst wirklich spüren konnte. Wie sich diese Kluft zwischen Wissen über mich selbst und echtem Spüren zeigt, beschreibe ich in Wenn du andere besser kennst als dich selbst.
Deci und Ryan (1985) haben in der Selbstbestimmungstheorie beschrieben, wie das menschliche Grundbedürfnis nach Kompetenz sich entweder aus inneren Quellen nährt oder auf externe Bestätigung angewiesen ist. Wenn das innere Erleben des eigenen Wertes früh nicht verlässlich entstehen konnte, verlagert sich dieses Bedürfnis nach draußen. Leistung wird dann zum Versuch, das zu erzeugen, was von innen nicht greifbar ist.
Schore (2012) und Siegel (2012) haben beschrieben, wie das Gefühl des eigenen Wertes in frühen Bindungserfahrungen entsteht. Ein Kind, dessen Reaktionen, Bedürfnisse und Empfindungen zuverlässig gesehen werden, entwickelt nach und nach eine innere Grundlage: das Erleben, dass es gut ist, so zu sein, wie man ist, unabhängig davon, was man leistet oder produziert. Wenn diese Grundlage fehlt oder unberechenbar war, sucht das System sie später anderswo.
Das Hamsterrad des Nervensystems
Was dabei neurobiologisch geschieht, ist keine Charakterschwäche und kein Willensversagen. Porges (2011) hat beschrieben, wie das Nervensystem ununterbrochen nach Sicherheitssignalen sucht. Wenn Sicherheit früh vor allem durch Wohlverhalten, Leistung und Anpassung entstand, lernt das System: Ich bin sicher, solange ich gut genug bin. Der nächste Erfolg bringt kurz Erleichterung, und dann sucht das System wieder, nicht weil Ehrgeiz falsch wäre, sondern weil ein Nervensystem, das Sicherheit an Leistung geknüpft hat, nie wirklich ankommen kann. Wie sehr solche Muster einmal wirklich gebraucht wurden, beschreibe ich in Warum Rollen für mich nie nur Rollen waren.
Van der Kolk (2014) hat beschrieben, wie solche Muster sich tief im Körper einschreiben, unterhalb des bewussten Denkens. Deshalb reicht es oft nicht aus, einen Glaubenssatz zu erkennen. Das Muster lebt nicht im Kopf. Es lebt in der Reaktion des Körpers, im Anspringen des Systems, sobald Erfolg ausbleibt oder Anerkennung fehlt. Das ist auch der Grund, warum Menschen diesen Kreislauf oft selbst dann nicht verlassen können, wenn sie ihn längst durchschaut haben.
Wenn Erschöpfung das Signal ist
Viele Menschen, die ich begleite, kennen genau diesen Punkt. Sie haben viel erreicht, von außen wirkt ihr Leben erfolgreich. Und trotzdem spüren sie irgendwann eine tiefe Erschöpfung, weniger weil sie zu viel gearbeitet haben, sondern weil sie sich selbst auf dem Weg verloren haben. Weil sie gelernt haben, sich ständig an den Reaktionen anderer zu orientieren, und dabei immer weniger wahrnehmen konnten, was in ihnen selbst eigentlich lebendig ist.
Irgendwann stellt das Leben eine Frage, die sich lange verdrängen lässt: Was bleibt, wenn die Leistung wegbricht?
Der Weg zurück zum eigenen Wert
Was ich heute anders mache als vor zwanzig Jahren: Ich mache immer noch Weiterbildungen. Aber aus einem anderen Antrieb. Das Lernen kommt aus Neugier, nicht aus dem Versuch, einen inneren Mangel auszugleichen. Das ist ein Unterschied, den nicht mein Kopf versteht, sondern mein Körper fühlen kann.
Der Weg dorthin führte nicht über eine weitere Methode. Er führte über das, was in diesem Artikel schon angedeutet ist und die ganze Reihe durchzieht: die Verschiebung der Orientierung von außen nach innen. Das langsame Entstehen eines inneren Bodens, von dem aus der eigene Wert nicht mehr von Leistung abhängt. Das ist kein einmaliger Moment. Es ist ein Prozess. Aber er beginnt mit einer Frage, die sich viele jahrelang nicht gestellt haben:
Was bin ich wert, wenn ich einfach nur da bin?
Du selbst, wer sonst?
Literatur
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. Plenum.
Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton.
Schore, A. N. (2012). The science of the art of psychotherapy. Norton.
Siegel, D. J. (2012). The developing mind (2nd ed.). Guilford Press.
van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.
Dr. Doris Bürgel
Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.
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