August 4

Warum Heilung in Beziehung geschieht

Du selbst, wer sonst?, Nervensystem & Neurobiologie, Trauma

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Ich habe mich zurückgezogen, und zwar nicht für ein paar Wochen oder Monate, sondern über viele Jahre. So oft war ich verletzt worden. So oft missverstanden. So oft hatte ich erlebt, dass Verbindung plötzlich abriss, ohne dass ich wirklich verstand, warum. Menschen zogen sich zurück, Gespräche endeten im Nichts, oder ich hatte das Gefühl, dass das, was ich eigentlich sagen wollte, beim anderen gar nicht angekommen war. Irgendwann war ich müde davon.

Also zog ich mich zurück.

Damals fühlte sich das nicht wie eine Flucht an. Es fühlte sich richtig an. Ich wollte endlich herausfinden, wer ich eigentlich bin, wenn ich nicht ständig damit beschäftigt bin, andere zu verstehen, ihre Reaktionen einzuordnen oder mich zu fragen, was ich wohl falsch gemacht habe. Ich verbrachte viel Zeit mit mir selbst, las, lernte, dachte nach und begann zu verstehen, wie Bindung, Trauma und das Nervensystem unser Leben prägen. Was Trauma im Inneren wirklich bedeutet, beschreibe ich in Trauma verstehen, was im Inneren weiterwirkt. Diese Zeit war wichtig. Ohne sie wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.

Und trotzdem merke ich gerade, dass sie nicht das Ende der Geschichte war.

Was sich gerade verändert

In den letzten Monaten ist etwas in Bewegung gekommen, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich habe wieder Lust auf Menschen. Ich freue mich auf Begegnungen. Ich möchte mich austauschen, gemeinsam nachdenken, andere Sichtweisen hören und mich von ihnen berühren lassen. Sogar beruflich verändert sich etwas. Viele Jahre war das Webinar für mich genau das richtige Format, mit Nähe und gleichzeitig genügend Abstand. Heute spüre ich immer häufiger den Wunsch, wieder zu Treffen zu gehen, Kolleginnen und Kollegen zu begegnen und mich auf echte Begegnungen einzulassen.

Das Erstaunlichste daran ist aber etwas anderes. Ich weiß, dass ich dabei wieder verletzt werden kann. Und trotzdem möchte ich diesen Kontakt.

Heilung mit Schutz verwechselt

Früher hätte ich genau das als Zeichen gesehen, dass ich noch nicht weit genug bin. Ich hätte gedacht, Heilung bedeutet, irgendwann an einem Punkt anzukommen, an dem mich andere Menschen nicht mehr verletzen können. Ich dachte lange, Heilung bedeutet, niemanden mehr zu brauchen. Heute glaube ich etwas anderes: dass Heilung bedeutet, wieder mit Menschen verbunden sein zu können, ohne mich selbst zu verlieren. Dass Heilung in Beziehung geschieht, und nicht im Rückzug vor ihr.

Vielleicht kann Rückzug uns eine Zeit lang helfen. Vielleicht brauchen wir ihn sogar, um uns selbst wiederzufinden. Aber heilen können wir dort nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Denn wir sind in Beziehung verletzt worden. Und deshalb braucht auch Heilung Beziehung.

Was der Rückzug wirklich war

Als ich begann, mich intensiver mit Bindung, Trauma und dem Nervensystem zu beschäftigen, verstand ich, warum mir dieser Rückzug so gutgetan hatte. Porges (2011) beschreibt, wie das Nervensystem bei anhaltend erlebter Bedrohung vom sozialen Engagementsystem in einen Schutzmodus wechselt, der Nähe eher meidet als sucht. Ein Nervensystem, das immer wieder erlebt hat, dass Nähe mit Schmerz verbunden ist, zieht daraus irgendwann eine ganz eigene Logik und hält Abstand, nicht weil es keine Menschen mehr mag, sondern weil es sich schützen möchte. Rückzug ist dann keine Schwäche. Er ist eine kluge Anpassung an das, was einmal notwendig war. Wie sich solche frühen Schutzmuster oft bis weit ins Erwachsenenleben halten, beschreibe ich in Warum Rollen für mich nie nur Rollen waren.

Und tatsächlich hat mir diese Zeit etwas geschenkt, das ich vorher kaum kannte. Zum ersten Mal musste ich mich nicht ständig damit beschäftigen, wie andere reagieren könnten. Ich konnte lernen, meine eigenen Gedanken ernst zu nehmen, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und überhaupt erst zu entdecken, wer ich bin, wenn ich mich nicht permanent an meinem Gegenüber orientiere. Diesen Weg hätte ich nicht abkürzen können. Er war wichtig.

Die Grenzen des Rückzugs

Doch irgendwann bemerkte ich etwas, das ich lange nicht einordnen konnte. Es war ruhig geworden in meinem Leben. Sehr ruhig. Ich wurde seltener verletzt. Aber ich wurde auch seltener berührt. Es gab weniger Missverständnisse, aber auch weniger echte Begegnungen. Weniger Enttäuschungen, aber genauso weniger Freude. Mir wurde langsam klar, dass ich den Schmerz zwar reduziert hatte, gleichzeitig aber auch einen Teil des Lebens.

Rückzug kann ein wichtiger Teil von Heilung sein. Aber er ist nicht die Heilung selbst. Was uns einmal verletzt hat, war nicht Beziehung an sich, es waren bestimmte Beziehungserfahrungen. Deshalb kann Heilung auch nicht darin bestehen, Beziehungen ganz zu vermeiden.

Zurück in Verbindung

Ich merke das gerade an vielen kleinen Momenten. Ich freue mich wieder auf Begegnungen. Ich gehe wieder auf Menschen zu. Ich interessiere mich für ihre Gedanken, auch wenn sie nicht meinen entsprechen. Früher hätte ich darin vor allem das Risiko gesehen, wieder missverstanden oder enttäuscht zu werden. Heute entdecke ich etwas anderes: dass Verbindung nicht bedeutet, immer einer Meinung zu sein, dass Nähe nicht daran scheitern muss, dass zwei Menschen unterschiedlich denken, und dass ich mich nicht verliere, nur weil ein anderer etwas ganz anderes empfindet als ich. Was es bedeutet, in Verbindung zu bleiben, obwohl jemand anders denkt oder fühlt als ich, beschreibe ich in Wenn jemand deine Wirklichkeit infrage stellt.

Gabor Maté (2022) beschreibt Trauma als die Erfahrung, mit etwas Überwältigendem allein zu sein. Was heilt, ist die gegenteilige Erfahrung: nicht mehr allein damit zu sein. Wir sind nicht dafür gemacht, unser Leben in sicherer Distanz zu verbringen. Wir entwickeln uns in Beziehung, wir erleben dort Freude, und wir werden dort verletzt. Aber genau dort machen wir auch die Erfahrungen, die alte innere Überzeugungen verändern können. Ein Nervensystem, das gelernt hat, dass Nähe gefährlich ist, braucht irgendwann keinen weiteren Rückzug mehr. Es braucht neue Erfahrungen von Kontakt: Erfahrungen, in denen Verbindung bestehen bleibt, obwohl zwei Menschen unterschiedlich sind, in denen Missverständnisse nicht automatisch das Ende bedeuten, in denen ich ich selbst bleiben kann, ohne die Beziehung zu verlieren.

Was bleibt

Ich weiß heute, dass ich auch in Zukunft verletzt werden werde. Menschen werden mich missverstehen. Ich werde Entscheidungen treffen, die nicht jeder gut findet. Ich werde anderer Meinung sein, und andere werden anderer Meinung sein als ich. All das gehört zum Leben. Der Unterschied ist, dass ich darin nicht mehr automatisch eine Bedrohung sehe. Langsam wächst in mir das Vertrauen, dass Beziehungen das aushalten können, dass Verbindung nicht davon lebt, immer alles richtig zu machen, sondern davon, immer wieder zueinander zu finden.

Bowlby (1988) nennt die Erfahrung, auf die wir dabei bauen, eine sichere Basis: das Vertrauen, dass die Verbindung auch nach einer Verletzung noch da ist, nicht die Abwesenheit von Verletzung selbst. Woher diese Art von Sicherheit im Alltag eigentlich kommt, beschreibe ich in Wenn Sicherheit von außen kommen muss.

Vielleicht ist genau das für mich heute die tiefere Form von Heilung in Beziehung: die Welt nicht so klein zu machen, dass sie mich nicht mehr verletzen kann, sondern innerlich so stabil zu werden, dass ich mich ihr wieder öffnen kann. Mit allem, was dazugehört, mit Freude, mit Reibung, mit Missverständnissen, mit Versöhnung, und mit dem lebendigen Gefühl, nicht länger nur Zuschauerin meines eigenen Lebens zu sein, sondern wieder mittendrin.

Ich dachte lange, Heilung bedeutet, niemanden mehr zu brauchen. Heute glaube ich, dass Heilung bedeutet, wieder mit Menschen verbunden sein zu können, ohne sich selbst zu verlieren.

Du selbst, wer sonst?

Literatur

Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.

Maté, G. (2022). The myth of normal: Trauma, illness, and healing in a toxic culture. Avery.

Porges, S. W. (2011). The polyvagal theory: Neurophysiological foundations of emotions, attachment, communication, and self-regulation. W. W. Norton & Company.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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