Mai 19

Manchmal kommt die Lösung erst am Morgen

Du selbst, wer sonst?, Nervensystem & Neurobiologie, NeuroGraphik®

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Ich bin aufgewacht und wusste es.

Fast ein halbes Jahr lang war es einfach da. Etwas, das ich mir vorgenommen hatte, für das ich aber gerade weder Zeit noch die nötige Motivation habe. Ich wollte es nicht fallen lassen, konnte es aber auch nicht wirklich angehen. Also lief es mit, unterschwellig, leise, als ein dauerhafter Unterton. Kein lauter Druck von außen, nur dieser stille, anhaltende Druck von innen, der entsteht, wenn noch etwas Unerledigtes da ist, für das es scheinbar im Moment keine Lösung gibt.

Am Vorabend hatte ich gezeichnet, nicht zu diesem Thema als bewusstem Einstieg. Aber es war da, als Gefühl, als Wahrnehmung. Formulieren hätte ich es in diesem Moment nicht können. Es muss sich in der Nacht etwas geordnet haben, denn am Morgen hatte ich ganz klar eine Lösung vor Augen. Die Lösung ist weder Loslassen noch großer Aktionismus – von außen betrachtet nur eine kleine Verschiebung, eine andere Sichtweise, die direkt den Druck nimmt und dabei so viel Erleichterung bringt.

Der Druck, den wir uns selbst machen

Wenn ich in meiner Arbeit frage, was gerade Druck macht, nennen die meisten Menschen zuerst äußeres: Arbeit, Erwartungen, Zeitdruck, schwierige Beziehungen. Das stimmt alles. Aber oft, wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich darunter noch etwas anderes: der Druck, den wir uns selbst machen. Ein innerer Anspruch, eine Erwartung, eine Angst, manchmal so vertraut und so alt, dass wir ihn gar nicht mehr als Druck erkennen. Er gehört einfach dazu.

Wachstum durch inneren Druck beginnt damit, diesen Druck überhaupt wahrzunehmen: am besten direkt im Körper.

Das ist schwieriger, als es klingt. Denn innerer Druck hat oft keine klare Sprache. Er zeigt sich in einem Unwohlsein, das sich schwer benennen lässt. In einem leichten Anspannen, das da ist, bevor man überhaupt weiß, warum. In Entscheidungen, die wir immer wieder vor uns herschieben, ohne wirklich zu verstehen, was uns aufhält. Das Denken dreht sich im Kreis. Dabei fehlt die Antwort gar nicht, sie liegt nur auf einer anderen Ebene.

Wenn Zeichnen mehr tut als Denken

Für diese Art von Druck ist Denken oft das falsche Werkzeug. Wir können etwas nicht auflösen, indem wir es hin und her wälzen, wenn wir es noch nicht einmal klar greifen können.

Das Gehirn speichert verschiedene Arten von Erfahrungen auf verschiedene Weisen – das hat LeDoux (1996) in seiner Forschung zum emotionalen Gedächtnis eingehend beschrieben. Was wir faktisch wissen, lässt sich bewusst abrufen und in Worte fassen. Was uns emotional geformt hat – Reaktionen, Muster, körperliche Antworten –, ist anders gespeichert: im impliziten Gedächtnis, unterhalb der bewussten Sprache. Das ist der Grund, warum wir über etwas Bescheid wissen können und trotzdem reagieren, als wüssten wir es nicht.

Zeichnen kann dort ankommen, wo Sprache nicht hinkommt. Auch deshalb, weil die emotionalen und körperlichen Systeme des Gehirns kaum unterscheiden zwischen etwas, das wir wirklich erleben, und etwas, das wir uns lebhaft vorstellen. Symbole, Bilder, Formen aktivieren dieselben Systeme wie reale Erfahrungen. Eine Zeichnung ist keine Illustration – sie ist ein Zugang.

Das NeuroGraphik-Modell aus dem Algorithmus #6 – NeuroKontakt, um das es hier geht, nutzt genau das. Einen Kreis für das, was wir erleben wollen: den Wunsch etwas in unserem Leben zu verändern, einen wirklich großen Schritt zu machen. Dreiecke für den inneren und äußeren Druck: die Ängste, die Widerstände, die Stimmen von außen, das Unbenannte. Das Besondere ist, dass es kein ausformuliertes Thema braucht. Ein vages Unwohlsein reicht aus, das wir während des Zeichnens spüren. Im Zeichenprozess wird etwas aufgerufen und berührt, was von der Sprache nicht erfassbar ist.

Am Vorabend hatte ich gezeichnet. Nicht mit einem klaren Thema als Einstieg, sondern mit dem, was einfach da war.

Was in der Nacht geschah

Sio und Ormerod (2009) haben in einer Metaanalyse gezeigt, was viele intuitiv kennen: Wer bei einem schwierigen Problem eine Pause einlegt, kommt danach häufiger zur Lösung – nicht trotz der Unterbrechung, sondern wegen ihr. Je unklarer das Problem, je weniger es einen direkten Einstieg hat, desto deutlicher ist dieser Effekt. Innerer Druck hat genau diese Qualität. Er lässt sich nicht direkt anpacken. Er entzieht sich dem direkten Zugriff.

Die wirksamste Form dieser Pause ist der Schlaf. Aber der Schlaf verarbeitet nur das, was ihm vorher gegeben wurde.

Stickgold (2005) hat in seiner Forschung zur schlafabhängigen Gedächtniskonsolidierung gezeigt, dass das Gehirn im Schlaf nicht einfach pausiert, sondern aktiv weiterarbeitet. Neu Erlebtes wird stabilisiert, Verbindungen werden geknüpft, Bedeutungen entstehen. Was tagsüber zu verworren war, um klar zu werden, kann sich im Schlaf ordnen – manchmal gerade deshalb, weil wir aufgehört haben, direkt daran zu arbeiten.

Walker (2017) beschreibt, wie insbesondere der REM-Schlaf eine Art kreatives Kombinieren ermöglicht: Inhalte, die tagsüber keine Verbindung hatten, finden im Schlaf zueinander. Das ist keine Magie. Es ist Biologie.

Ich vermute, dass das Zeichnen am Abend zuvor genau das getan hat. Es hat dem Unbenannten eine Form gegeben, ohne es zu erzwingen. Hat dem Gehirn etwas mitgegeben, womit es in der Nacht weiterarbeiten konnte. Nicht als These. Als Erfahrung.

Nicht harmonisieren, wachsen.

Dieses NeuroGraphik-Modell hat noch eine zweite Besonderheit, die ich wichtig finde. Es will nicht sofort harmonisieren.

Die meisten NeuroGraphik-Modelle haben das Abrunden, das Verbinden, das Harmonisieren als zentrales und sehr frühes Element in der Zeichnung. Das ist wichtig und ich liebe es. Aber es kann Situationen geben, wo etwas anderes gebraucht wird. Manchmal braucht es das Spüren des Drucks oder des Konflikts. Die Herausforderung anzunehmen. Das Nicht-Aufgeben und auch nicht klein beigeben.

In diesem Modell bleiben die Dreiecke erst einmal stehen. Und daraus entsteht eine Bewegung, die keine Harmonisierung ist, sondern Wachstum: Die eigene Figur vergrößert sich. Das bedeutet nicht, dass der Druck weg ist, sondern dass wir ihm etwas entgegensetzen. Wir nehmen ihn an und entscheiden: Challenge accepted.

Das ist eine grundlegend andere Haltung zu Herausforderungen. Nicht: Wie werde ich das los? Sondern: Wie kann ich hier wachsen? Diese Frage verändert etwas in uns. Es ist eine veränderte Haltung, die sich in der Zeichnung ausdrückt und die sich nach und nach auch im Körper abbildet, wenn wir sie immer mehr einnehmen.

Ich weiß nicht genau, was in der Nacht in mir gearbeitet hat. Was ich weiß: Ich bin aufgewacht und wusste, wie es weitergeht. Nicht als großen Wurf, sondern als etwas sehr Einfaches, das sich plötzlich zeigte. Die Lösung war nicht das, was ich erwartet hätte: kein Kampf oder Durchbeißen, auch kein Loslassen. Es ist einfach eine neue Möglichkeit, die ich bislang nicht gesehen habe und die ich mir bislang wahrscheinlich auch nicht zugestanden habe. Diese neue Bedeutung hat so viel Druck rausgenommen und fühlt sich wirklich befreiend an.

Es geht nicht immer darum, ein Problem zu lösen. Manchmal genügt es, seine Bedeutung zu verändern.

Möglich war das, weil ich am Abend gezeichnet hatte, spannenderweise ohne das bewusst als Thema zu nehmen. Ohne Erwartung, ohne zu wissen, was dabei entstehen würde. Manchmal ist das genug.


Literatur:

LeDoux, J. E. (1996). The emotional brain: The mysterious underpinnings of emotional life. Simon & Schuster.

Sio, U. N., & Ormerod, T. C. (2009). Does incubation enhance problem solving? A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 135(1), 94–120.

Stickgold, R. (2005). Sleep-dependent memory consolidation. Nature, 437(7063), 1272–1278.

Walker, M. P. (2017). Why we sleep: Unlocking the power of sleep and dreams. Scribner.

Über die Autorin

Dr. Doris Bürgel

Dr. Doris Bürgel begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu sich selbst – in ihre Lebendigkeit, ihre innere Stärke und in ein Leben, das sich wirklich stimmig anfühlt.
Als Psychologin, Heilpraktikerin und NeuroGraphik®-Trainerin verbindet sie Tiefgang, Struktur und Intuition zu einem sicheren Raum für Heilung und Entwicklung.
In ihrer Arbeit öffnet sie Wege, alte Verletzungen zu transformieren und das eigene Leben bewusst, frei und selbstbestimmt zu gestalten.

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